Materialien 1947
Der Hofgarten
Wenn der Himmel anfing zu blauen über der Stadt, als
staute die frische Farbe sich bis zu den Gipfeln der Berge,
wenn die trockenen Straßen sich füllten mit goldenem Licht
und die schwebenden Flügel der Tauben aufblitzten im Flug,
ach, wie lockte das goldene Tor in den Frühling des Gartens, das
staunende Auge zu öffnen vor der atmenden Welt.
Auf den Flächen des Rasens, noch unter dem schwarzen Geäste der
Bäume, blühte der märzliche Krokus in buntesten Schwärmen, die
Scilla, die blaue, überschwemmte den grünenden Grund.
All die goldgelben Schnäbel der Amseln, die silbernen Zungen des
springenden Brunnens, die leuchtenden Wände der hohen Arkaden,
selbst die fernen Dächer und Türme, sie konnten die Freude nicht
zähmen über das aufgegangene Herz dieser Stadt.
Ja, es war aufgegangen, offen lag es vor uns, die
weißen Wölkchen des Himmels fuhren mit tastenden Schatten
wie mit liebenden Händen darüber, vor Freude vergaß der
nächtliche Sternenhimmel die kristallenen Tränen des Taus;
mächtiger wuchs so das Herz, es schoß sein Blut in die Tulpen,
in den Flieder stieg es empor, in die zitternden Bäume, bis
alles zu blühen begann und das strahlende Herz sich endlich aus
tausend Kastanienkerzen überschwenglich vergoß.
Ach, wie es knisterte leise im Kies, wenn die liebenden Paare,
trunken vom Frühling, sich lauschend setzten unter die Bäume, zu
hören den heimlichen Herzschlag im eigenen, glühenden Ohr.
Zaubrischer sprach wohl kein Mund wie der silberne Brunnen der Nacht,
zaubrischer wehte kein Atem wie der alles betörende Duft.
Herz, inmitten der Stadt, wie bist du so grausam verletzt,
seit die dröhnende Bombe den wehenden Zauber zerschlug.
Alle Liebe scheint taub, es wirbeln die Winde der Welt,
und der Nebel steigt kalt aus den dunklen Trichtern des Tods.
Gottfried Kölwel
Die Wandlung 7 vom Oktober 1947, 595.