Materialien 1970

Irgendetwas stimmt nicht

Dass ich meinen Beruf als Verkäuferin aufgab, hatte einen bestimmten Auslöser. Mir ging so all-
mählich auf: „Irgendwas stinkt mir. Als kleine Verkäuferin, als kleine Arbeitnehmerin, bist du doch eigentlich immer der Depp.“ Zum Beispiel kam die Ehefrau vom Inhaber des Schuhgeschäfts immer zu uns in die Filiale im Münchner Osten und schickte uns Verkäuferinnen zum Einkaufen für sie. Oder wir mussten mit dem Dackel zum Tierarzt. Und so weiter. Sie kam immer so daher: „Zack zack, einkaufen“. Hinterher zahlte sie uns teilweise nicht einmal das Geld zurück. Wir trauten uns natürlich nicht zu sagen, dass wir noch zwei Mark für dieses oder jenes bekämen. Sie kam immer mit so einem flotten kleinen Auto daher. Einmal stellte sie es ins absolute Halteverbot und wurde von einem Polizisten aufgeschrieben. Sie ging raus aus dem Laden, sah das Strafmandat an ihrer Windschutzscheibe, riss es runter, ging ans Telefon, rief den Polizeipräsidenten Schreiber an, und der Polizist musste sich dann bei ihr entschuldigen. Da sagte ich mir: „Irgendwas stimmt nicht. Wenn bei Leuten mit Geld das Recht anders ist als bei uns, dann stimmt da was nicht.“

Mit der Zeit wurden wir kritischer und beschlossen irgendwann, dass wir diese Arbeitsbedingun-
gen, die uns so diktiert wurden, einfach nicht mehr hinnehmen wollten. In unserer Filiale war unter dem Jahr wenig Geschäft, trotzdem waren wir zwölf Verkäuferinnen. Wir hatten nur ein niedriges Fixgehalt, den Rest mussten wir uns mit Prämien dazu verdienen. Jetzt kann man sich vorstellen: Wenn an einem Tag nur drei Leute kommen, dann haben wir zwölf Verkäuferinnen an dem Tag ja gar keine Chance, dass jede einen Umsatz macht. Außerdem war es unangenehm, wenn man immer wieder so untätig herumsaß und nichts verdienen konnte. An manchen Tagen gab man mehr fürs Essen aus, als man verdient hatte. Also machten wir den Vorschlag, in Teilzeit zu arbei-
ten, auch an den blöden langen Samstagen an denen man – außer den Weihnachtssamstagen – immer wortwörtlich umsonst da war. Darauf wurde uns ganz lapidar beschieden: „Die Arbeitsbe-
dingungen bestimmen wir, und wenn euch das nicht passt, dann sucht euch etwas anderes.“

Das war 1970. Damals war die Arbeitsmarktlage noch sehr gut, was hieß, dass wir Verkäuferinnen auch in Büros überwechseln konnten. Ein paar Kolleginnen wurden von einer Versicherung ange-
worben, und ich hatte Kontakt mit der Firma Agfa, die Maschinenbuchhalterinnen suchte. Endlich müsste ich keinen Samstag mehr arbeiten, könnte um 16 Uhr daheim sein. Wie gesagt, ich war ver-
heiratet. Mein Mann als Bergsteiger war am Wochenende immer in den Bergen, und ich musste mir in dem Laden die Füße in den Bauch stehen, ohne dabei besonders zu verdienen.

Zwölf auf einen Streich

Dann kündigten wir zwölf Verkäuferinnen alle auf einen Schlag. Die Filiale war leer. Und siehe da: Der Inhaber stürmte mitsamt seinem Personalchef daher und fragte: „Wie möchten Sie es denn gern?“ Worauf wir sagten, dass wir überhaupt nicht mehr möchten. Wir hätten jetzt Arbeitsbe-
dingungen, die sie uns gar nicht bieten könnten. Bei dieser Gelegenheit kapierte ich zum ersten Mal, dass man etwas verändern kann, wenn man etwas miteinander macht und die Zeichen der Zeit richtig erkennt.

Therese Greinwald


Ingelore Pilwousek (Hg.), Wir lassen uns nicht alles gefallen. 18 Münchner Gewerkschafterinnen erzählen aus ihrem Leben, München 1998, 69 f.