Materialien 1970

Mit einem vollen Erfolg der Opposition ...

endete Mitte September der Kampf um den Münchner Kunstverein. Mit 265 gegen 51 Stimmen sprachen die – vorwiegend jungen – Mitglieder einer außerordentlichen MV dem alten und konservativen Vorstand des Kunstvereins in der Galeriestraße (Mitglieder nach Kartei mehr als 1900) das Misstrauen aus und ebneten damit den Weg für die Neuwahl eines kulturpolitisch und künstlerisch progressiven Vorstandes. Das Interessenbündnis dieser Misstrauenserklärung gegen den alten Münchner Kulturklüngel (Dr. Ott und Juliane Roh von den – abstrakten – „Freunden junger Kunst“, Siegfried Janzen vom Siemens-Konzern, Hans Holzinger, Druckereibesitzer und Altbayer) reichte von ultralinks bis liberaldemokratisch. Der Kunstsammler und Millionär Becker (Apotheken- und Drogisten-Werbung) stimmte mit den radikalen Studenten der Kunstakademie, Prof. Werner Gross (Gotik-Gross) mit den Freunden der „Projektgruppe Kulturrevolution“ im BBK. Damit geht nach dem Sturz des alten Westberliner Kunstvereins zum zweiten Male eine bisherige Domäne der offiziösen Kulturpolitik in die Hände der Opposition über. Die Voraussetzung für ihren Erfolg verdanken die Münchner Oppositionellen der Dummheit der bayerischen CSU und ihres technokratischen Kultusministers Huber. Nach mehrfachen polizeilichen Übergriffen und juristischen Maßregelungen gegen die Initiativen und Personen revolutionärer Studenten an der Münchner Kunstakademie ließ Huber nach einem vertraulichen Gespräch mit dem alten Kunstvereinsvorsitzenden Janzen die von Studenten der Akademie eingerichtete Sonderabteilung der Ausstellung „Poesie muss von allen gemacht werden. Verändert die Welt!“ schließen und durch den ihm willfährigen Kunstvereinsvorstand den Geschäftsführer Reiner Kallhardt unter Druck setzen. Kallhardt hatte die Ergänzung der „Poesie-Ausstellung“ in enger Zusammenarbeit mit den Studenten der Akademie gestaltet. In einer farbenprächtigen, auf die Wände und Meublements des Kunstvereins ausgedehnten Rekonstruktion hatten die Studenten ihren Kampf mit der CSU und Huber um eine Studienreform, die Repressalien der Staatsmacht und die offiziösen Kulturbegriffe attackiert. Als Kallhardt sich bei der vom alten Vorstand über die Köpfe der Mitglieder verfügten Schließung auf die Seite der Studenten stellte, wurde ihm nicht nur Entlassung in Aussicht gestellt, sondern auch die Sonderkosten einer ausführlichen Dokumentation über die Studentenbewegung an der Münchner Akademie privat angelastet. Jedoch Huber und die bürgerliche Kunstmafia hatten den aufgestauten Unmut über den christdemokratischen Dirigismus unterschätzt. Eine Pressekampagne und eine Flut von Solidaritätserklärungen zugunsten der Studentenausstellung und der progressiven Leitung im Kunstverein bewirkten eine ebenso rasche Isolierung der Konservativen wie den Masseneintritt junger Opponenten in den Kunstverein und die tatkräftige organisatorische und ideelle Unterstützung durch Künstler und Studenten. Die schwedischen Veranstalter der Hauptausstellung riefen aus Protest gegen die Schließung ihre Ausstellung vorzeitig ab, und mehr als 50 international bekannte Museumsleute verwahrten sich in einem Protestschreiben gegen die Repressalien. Bei der vom alten Vorstand noch mit diffamierenden Hilflosigkeiten eingeleiteten Mitgliederversammlung wurde der Stab weniger über einige alte Kunstzöpfe als über die Kulturpolitik der bayrischen Regierungspartei gebrochen. Zuvor hatte der „Kunstverein Ingolstadt“ in einer öffentlichen Erklärung gegen die „Einschüchterung von oben“ protestiert und einen Kontakt der öffentlichen und abhängigen Kulturorganisationen gegen die Gefahr offiziöser Eingriffe vorgeschlagen.


tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 70 vom November 1970, 247.

Überraschung

Jahr: 1970
Bereich: Kunst/Kultur

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