Materialien 1970

Lehel

1973: Seit ich in einer Stadtteilgruppe im Lehel gearbeitet hatte, hatte ich mir gewünscht, hier zu wohnen. Jetzt war ich hier, in einem Zimmer eines Hauses, das bereits auf der Abbruchliste stand, 7 Mark der Quadratmeter – immer noch „billig“ im Vergleich zu den sonstigen Wuchermieten. In der ersten Zeit war ich geradezu euphorisch. Ich erinnerte mich, wie ich am Stadtrand gewohnt hatte, wie ich dort zum Beispiel um 10 Uhr abends nach Hause ging, auf einer leeren Straße vorbei an dunklen Häusern und Gärten, und dabei das Gefühl hatte, die ganze Welt sei eben gestorben. Hier im Lehel hörten die Geräusche nie ganz auf (auch wenn es nie wirklich laut war); noch mitten in der Nacht hörte man Leute auf der Straße reden und am frühen Morgen klapperten die Straßenkehrerkarren vor meinem Fenster. Ich hatte das Gefühl: hier sind wirklich Menschen, Leben, eben: Stadt.

Mittlerweile ist das Haus abgerissen worden, heute parken auf dem Grundstück Autos. Es ist vielleicht das fünfzigste oder hundertste Haus, dem es so erging – es gibt keine genaue Statistik darüber. Die widmet sich lieber so interessanten Fragen wie dem Bewölkungsmittel und der Zahl der nebligen Tage von 1946 – 1970 und dergleichen mehr.

1968 waren über die Hälfte der Wohnungen des Lehels Altbauwohnungen, davon neununddreißig Prozent aus der Zeit vor der Jahrhundertwende. Die Mieten waren billig, im Durchschnitt 2,20 DM/qm (Altbau). Dabei war die Ausstattung sehr gut: zum Beispiel hatten sechsundachtzig Prozent der Wohnungen Bad und WC. Also kein „Slum“ – was auch immer damit gemeint sein mag. Trotzdem war es das Lehel, das als erstes Münchner Stadtviertel im Zusammenhang mit „Sanierung“ Schlagzeilen machte: „Dem Lehel droht der Ausverkauf“’, „So verliert ein Stadtviertel sein Gesicht“, „15.000 Mieter kämpfen ums Lehel“, etc. etc. Hier sprach man zum erstenmal offen von angeblich „unzumutbaren Wohnverhältnissen“ und auf der anderen Seite entwickelten plötzlich ganze Scharen von „progressiven“ Stadtplanern eine heftige Zuneigung zum innenstadtnahen Wohnen in „urbanen“ Vierteln, wobei wohl auch eine Rolle spielte, dass das Lehel mit seinem vergleichsweise niedrigen Arbeiteranteil von 33,5 Prozent (1970) auf diese Herren weniger abschreckend wirkte als etwa das Westend.

Angefangen hatte der zu Unrecht als „Sanierung“ (man müsste eher von Zerstörung, nicht von Gesundung sprechen) bezeichnete Prozess allerdings schon früher, genauer gesagt in der ersten Hälfte der Sechziger Jahre, als in München, dem „zentralen Platz der Versicherungen in Deutschland“ (Stadtbaurat Zech) und drittgrößten Bankplatz der BRD, eben diese Versicherungen und Banken sowie staatliche Behörden sich zunehmend in citynahen Stadtvierteln breit machten. So gab es 1968 zum Beispiel bereits achtzehn Banken im Lehel. Als wir, die „Projektgruppe Aktion Lehel“ 1970 eigene Recherchen durchführten – soweit das bei den extremen Geheimhaltungsvorkehrungen bzgl. Grundstückmarkt überhaupt möglich war -, stellten wir fest, dass im Lehel von insgesamt sechshundertdreiundfünfzig Gebäuden einhundertdreiunddreissig im Besitz des so genannten „tertiären“ Sektors waren, dabei:

 Versicherungen – 52 (davon allein 21 der Bayrischen Versicherungskammer und 13 der Münchner Rückversicherung)
 Banken, Pensionskassen u.ä. 12
 Stadt, Land, Staat 38
 Verbände u.ä. 31
 Dazu kamen Grundbesitzer der Industrie, vor allem Brauereien, mit 31 Gebäuden.

Die Stadtverwaltung tat das Ihre, um den bodenhungrigen Kapitalgesellschaften hilfreich unter die Arme zu greifen: Im Flächennutzungsplan 65 wies sie das Lehel als Kerngebiet („dient vorwiegend der Unterbringung von Handwerksbetrieben sowie der zentralen Einrichtungen der Wirtschaft und Verwaltung“ – Baunutzungsverordnung) aus; und um der raschen Umstrukturierung keine Hindernisse in den Weg zu stellen, riss man eine Reihe von Gebäuden mit insgesamt achthundert Wohnungen ab und baute quer durchs Wohngebiet Münchens Möchtegern-Boulevard, den Altstadtring.

Den Besitzerwechseln im Lehel und den damit in astronomische Höhen steigenden Bodenpreisen – Anfang der 70er Jahre war entlang dem Altstadtring unter 3.000 – 4.000 DM/qm kaum mehr was zu haben – folgte die „notwendige strukturelle Umwandlung baulicher Art.“ (Stadtentwicklungsplan 1963):

 Von 1962 – 1966 gab es nur fünf Baugesuche, 1967 – 1970 dagegen fünfundsechzig.
 Von 1961 – 1969 gingen fünfhundertdreiundvierzig Wohnungen, vierzig kleine Läden und einhundertfünfzig alte Handwerksbetriebe verloren.
 Allein bis November 1972 wurden achtundfünfzig Gebäude abgerissen bzw. Antrag auf Abriss gestellt. In den Innenstadtrandgebieten insgesamt erhöhte sich die Anzahl der Anträge auf Zweckentfremdung (inklusive Abriss) von zweihundertsechzehn auf achthunderteinundsiebzig (1973).

Im Schatten der großen Kapitalgesellschaften kochten auch kleinere private Hausbesitzer, Immobilienbüros und dergleichen mehr ihr Süppchen: Wohnungen wurden in Eigentums- und Kleinstwohnungen umgewandelt, mit „Gastarbeitern“ belegt – 1972 ein Viertel der Bevölkerung – oder so lange leer stehen gelassen, bis ein Abbruch „notwendig“ wurde, um das Grundstück lukrativer nutzen zu können.

Infolge all dieser Maßnahmen nahm die Bevölkerung von 1961 – 1970 um ein Fünftel ab. Allein 1970 zogen Tausend Leute weg. Während Stadtrat Preißinger dazu noch beschwichtigend bemerkte: „Vielleicht liegt es im Zug der Zeit, dass die Bevölkerung aus dem Lehel will“, beschlossen viele Bewohner des Lehels, sich nicht mehr von der „Zeit“ ziehen zu lassen – sie begannen sich zu wehren.

Zu dieser Zeit eröffneten wir – eine Gruppe von Architektur- und Soziologiestudenten(innen) – einen Laden in der Christophstraße (dort wo heute eine Spirituosenhandlung drin ist) und informierten mit Flugblättern, öffentlichen Abenden und später der „Lehel-Zeitung“ die Bevölkerung. Doch auch andere Leute wurden auf die beginnende Unruhe aufmerksam. Eine Gruppe eifriger SPDler, die ihre Wahlchancen verbessern wollten oder teilweise vielleicht wirklich etwas betroffen waren (you never know), allen voran Lehelpapa Lichtl, gründeten die IGS (Interessengemeinschaft der Sanierungsbetroffenen) – unter Mithilfe unserer Gruppe übrigens, aber wir flogen bald raus. Auch die DKP tat sich, allerdings etwas später, hervor, und konnte eine Reihe von Leuten auf ihrer Demonstration versammeln, obwohl während der Ankündigung dieser Demo Lichtl im Lautsprecherwagen hinterherfuhr und vor den bösen Kommunisten warnte. Aber Demokrat Lichtl hatte mit seiner Kommunistenfeindschaft in dieser Zeit eh keine glückliche Hand: Als er auf einer Versammlung gegenüber der Stadt beteuerte „Wir sind keine Kommunisten!“ musste er sich von einer älteren Frau aus dem Publikum sagen lassen: „Aber wir werden’s bald!“

Der Stadt war das ganze verständlicherweise nicht geheuer. Sie ergriff mit dem ihr eigentümlichen Aufwand am 4. März 1970 die Initiative und eröffnete die „Öffentliche Planung Lehel“. Sie ließ die Öffentlichkeitsarbeit zunächst vom Münchner Forum (Hoffman und Patellis) durchführen, dann, als selbst dieses Gremium ihr zu weit ging – es erdreistete sich zum Beispiel, Zusammenhänge zwischen Entscheidungen der Stadt und Spekulationsgewinnen in seiner Ausstellung darstellen zu wollen – nahm sie die Angelegenheit in eigene Regie und zog sich zunächst einmal zu monatelangen Beratungen zurück. Für die zuständige Stelle im Baureferat wurde ein Panzerschrank gekauft, damit ja keine Informationen mehr nach außen dringen. Aber da das ganze unter „öffentliche Planung“ lief, wurde schließlich eine puplic-relations-Ausstellung eröffnet – Kostenpunkt 205.976 DM -, ironischerweise in der Kantine des Knöbelblocks, in dem die Firma Sager und Woerner sechshundert meist türkische „Gastarbeiter“ untergebracht hatte, so dass die Ausstellungsbesucher in einer Art praktischem Anschauungsunterricht des öfteren den an den verbliebenen fünf oder sechs Kantinentischen speisenden Arbeitern beim Essen zuschauen konnten.

Im Rahmen der Ausstellung ließ die Stadt dann auch die Bevölkerung über die „Alternativen“ Kern- und Wohngebiete oder Mischung aus beidem abstimmen- ein zynisches Spielchen, da mit einer solchen formalen Ausweisung die Vertreibung der Bevölkerung aus dem Viertel nicht mehr aufzuhalten war und die Stadt sich noch dazu nicht an die Entscheidung der Bevölkerung hielt: 84,6 Prozent stimmten für Wohngebiet, die Stadt entschied sich für „Wohngebiet der Tendenz nach“ und ließ in ihren Ausführungen durchblicken, dass keiner der kapitalkräftigen Investoren um Baugenehmigungen fürchten muss.

Immerhin hatte die Stadt erreicht, was sie wollte: nachdem die Bevölkerung lange genug mit „fachkundigen“ Informationen überschüttet wurde, glaubte sie schließlich selbst, die Stadt wisse es wohl besser, oder zog sich resigniert zurück: in diesem Dschungel von Paragraphen, Architektendeutsch und Politikerblabla konnte sie sich nicht behaupten. Und vielleicht würde doch alles nicht so schlimm kommen, wie man es am Anfang befürchtet hatte?

Zudem hatten die Leute keine „Sprecher“ mehr. Sozialistische Gruppen wie die unsere gingen nahezu unter im PR-Zirkus der Stadt mit seinen Schriften, Bildern, Veranstaltungen, Ausstellungen. Die IGS – mittlerweile (Januar 1971) aufgegangen in der AGL, der „Arbeitsgemeinschaft der Lehelorganisationen“, einem „repräsentativen“ Gremium aus Parteienvertretern, Kirchen u.ä. war endgültig auf die andere Seite übergewechselt und bemühte sich um die Sympathien Stadtbaurat Zechs.

„In der Öffentlichkeit wurde das Verständnis für die Probleme der planenden Verwaltung der Stadt, welche bisher von der Öffentlichkeit oft als ‚Gegner’ empfunden wurde, gefördert“, konnte der Stadtentwicklungs- und Stadtplanungsausschuss Juli 1971 befriedigt feststellen. Schließlich ging es nun auch um „Wesentlicheres“: um die architektonische Gestaltung des Altstadtrings, wobei man „wegen der Differenziertheit und Komplexität nicht mehr mit der Beteiligung der breiten Öffentlichkeit rechnen konnte“ (Baureferat) und vor allem nicht wollte. Nur Lichtl – mittlerweile Neuperlachbewohner – rief noch einmal den Rest der Bevölkerung als Akklamationskulisse für seine Vorschläge zum Architektenwettbewerb zusammen.

Während des ganzen Ablaufs dieses Wettbewerbs und der daraus folgenden Entscheidungen erhitzten sich die Gemüter in der „Öffentlichkeit“ in erster Linie bei so essentiellen Fragen wie, ob man die Maximilianstraße historisch oder modern schließen, die Kuppel (= das Armeemuseum) abreißen sollte oder nicht. Nur ganz nebenbei konnte man erfahren, dass die „Alternativen“ der Planung den Abriss von dreihundert bis eintausendsechshundert Wohnungen vorsahen. Die einzige Forderung, die die Bevölkerung durchsetzen konnte, war, dass der Pilotyblick doch nicht zugunsten von Neubauten des Bayrischen Innenministeriums abgerissen wurde.

„Das Lehel ist ein Paradebeispiel dafür, Kapital nur auf Zeit zu investieren und dann, in fünfzehn Jahren etwa, wird die Bevölkerung auf irgendeine Weise weg sein und dann kann man mit der Umwandlung beginnen.“ (Zech am 14. Juli 1970)

In den folgenden Jahren konnte man zunehmend besser verstehen, was Zech mit dieser Bemerkung wohl gemeint haben könnte. Ein paar Beispiele:

1971:

Der Gerling-Konzern erhält (im April) die Genehmigung, das Haus Prinzregentenstraße 48 abzureißen und dafür ein Bürohaus (im oberstem Geschoss mit Wohnungen – im folgenden eine beliebte Alibi-Klausel) zu bauen. Das Bürohaus – mit Bank – steht mittlerweile, nur die Wohnungen lassen sich nicht finden.

Das Haus Emil-Riedlstraße 11 wird abgerissen. Jetzt: Supermarkt und Eigentumswohnungen.

1972:

Baugenehmigung für Bank und Bürohaus in der Thierschstraße 2 (Februar) (Deutsche Bank, MVV)

In der Tattenbachstraße werden im August die Gebäude Nr. 7 (VG + RG), 12 und 5 (VG + RG) abgerissen, davon ist zumindest der Abbruch von Nr. 5 illegal. Die „Ehrlichkeit“ des Baureferats gegenüber dem Stadtrat gerät dabei gewaltig ins Zwielicht.

1975:

Januar/Februar anhaltendes Gerangel um den Block zwischen Gewürzmühl-, Stern-, Widenmayer- und Maximilianstraße, den die Bayrische Versicherungskammer zu Bürozwecken nützen will, dazu will sie vier Häuser abreißen und zwei gnädigerweise noch ein paar Jahre stehen lassen. Die Abbrüche werden zunächst genehmigt – Zech: „Diese Rattenecke kann nicht ewig so liegen bleiben“; „Städtebauliche Paradentose“ (gemeint: das unter Denkmalschutz stehende Haus Gewürzmühlstraße 10); „Die Stadtstruktur schreit hier danach, Wohnstruktur als Unsinn zu erklären.“ – später wird die Genehmigung für die Häuser Gewürzmühlstraße 10 und 12 vorläufig zurückgenommen.

Das Münchner Rote Kreuz erklärt seine Absicht, die Gebäude an der Ecke Christoph-/St. Anna-Straße (einschließlich der beliebten Wirtschaft St. Anna Vorstadt abzureißen und dafür ein Altersheim u. ä. zu bauen (genehmigt 1976).

1976:

Im Tucherpark werden zwei weitere Verwaltungsbauten (der Bayrischen Vereinsbank) genehmigt.


Peter Schult/Ralph Schwandes/Herbert Straub/H.-Rainer Strecker/Ursula Wolf, Stadtbuch für München 76/77, München 1976, 45 ff.

Überraschung

Jahr: 1970
Bereich: Stadtviertel

Referenzen