Materialien 1976

„Selbst“mord

Selbstmordwelle unter Schülern

Der 15-jährige Schüler Jörg Bender hatte nach einer Grippeerkrankung eine Englischarbeit verpatzt. Er bekam eine Frist, in der er sein Wissen aufholen sollte. Am Abend vor dem Ablauf dieses Ultimatums lernte Jörg bis Mitternacht. Am nächsten Morgen saß er schon wieder um 6 Uhr über seinen Vokabeln. In der Schule aber versagte er erneut, so dass er das Klassenzimmer verließ und nach Hause lief. Dort stürzte er sich aus einem der oberen Stockwerke aus dem Fenster und blieb zerschmettert auf der Straße liegen. Bei seiner Beerdigung hielt Pfarrer Walter Leopold eine ungewöhnliche Grabrede: „Der Tod dieses gesunden, liebenswürdigen und feinfühligen Jungen ist ein unüberhörbarer, furchtbarer Aufschrei gegen unser heutiges Schul- und Bildungssystem. Das kann nicht mit frommen Worten zugedeckt werden.“

Der Tod des Jörg Bender ist kein Einzelfall.

* Am 10. Oktober 1975 warf sich die 13-jährige Carin B. vor die S-Bahn. In ein Schulheft schrieb sie vor ihrem Selbstmord: „Ich hatte zu viele Sorgen mit der Schule.“
* Am 11. Oktober 1975 nahm der 14-jährige Siegfried B. aus Wolfratshausen einen Strick und erhängte sich auf dem Dachboden des Elternhauses.
* Am 9. Dezember 1975 machte der 14-jährige Helmut K. aus Neuaubing mit seinem Leben Schluss. Grund: eine 5 in Mathematik.
* Am 10. Dezember 1975 erhängte sich der 14-jährige Michael W. aus Schwabing. Grund: Schwierigkeiten in der Schule.
* Am 19. Dezember 1975 beging der 13-jährige Peter S. aus der Lerchenau Selbstmord. Er hatte einen Leistungstest für die Realschule nicht bestanden.
* Am 27. Dezember 1975 sprang die 16-jährige Schülerin Diana S. aus dem 8. Stock eines Hauses in Pasing.
* Am 9. Januar 1976 erhängte sich in Wolfratshausen der 14-jährige Schüler Karl-Heinz A. In seinem Abschiedsbrief stand der Satz: „Das Leben kotzt mich an!“

Rund zwei Drittel der Schulkinder in der Bundesrepublik sind psychisch gefährdet. Sie weisen entweder Konzentrations- und Leistungsschwächen auf oder sie sind nervös, kontaktarm, aggressiv, kauen Nägel, lutschen am Daumen, haben Asthma oder leiden an Sprach- und Schlafstörungen. Die Anzahl der Kinder, die wegen schulischer Schwierigkeiten Selbstmord begehen, steigt ständig. 1959 haben sich in der BRD zweiundvierzig Kinder umgebracht, 1972 waren es bereits vierhundertfünfunddreissig (!).

Jahrelang haben linke Psychologen und Pädagogen vor den Folgen des unmenschlichen Leistungsprinzips gewarnt, das unser Schul- und Hochschulsystem prägt. Umsonst!. Heute regiert die nackte Angst vor dem Versagen in den Klassenzimmern, tagtäglich tobt in den Schulen ein erbarmungsloser Kampf um Zehntelnoten. Die Auswirkungen des Numerus Clausus machen sich bereits schon in der Grundschule bemerkbar. Selbst Wilhelm Ebert vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband klagt: „Er werde gegen seinen Willen in die Rolle eines Menschensortierers und Handlangers einer gnadenlosen Notenmaschine hineingezwungen.“ Und selbst ein so konservativer Pädagoge wie Prof. Dr. Anton Neuhäusler von der Münchner Universität, der noch 1972 im katholischen Don Bosco-Verlag vorsichtig umschrieben die Prügelstrafe verteidigte („Wenn ein Kind anderen Kindern oder Erwachsenen absichtlich Schmerz zufügt, dann gibt es wohl – falls der Versuch scheitert, es zum Einsehen und zum ‚Fühlen’ zu bringen, was es anderen antut – nur das Gegenmittel, ihm selbst zu zeigen, was Schmerz ist. Natürlich darf das nicht in potenzierter und gefährlicher Weise geschehen, höchstens mit der Andeutung, dass man auch noch heftiger antworten könne.“) kommt nun in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift „Schülerselbstmorde – Symptom wofür?“ zu der Einsicht: „Fazit solcher Schreckensmeldungen sollte sein: Als Eltern sollen wir die familienzerstörende Krankheit des Noten-Ehrgeizes verfemen … als Lehrer sollen wir dieser uralten Elternseuche nicht Vorschub leisten.“

Dabei gab es bereits vor Jahren konkrete Anzeichen einer Flucht aus der Leistungsmaschinerie unseres Schulsystems: Hunderttausende von Schülern und Lehrlingen griffen zum Joint und zur Flasche, um sich diesem Schulstress zu entziehen. Abbie Hoffmann hatte in seinem Buch „Woodstock-Nation“ das ausgesprochen, was viele dachten: „Die Rebellen waren es leid, von einem Erziehungssystem ohne Anregungen, Kreativität und Sinnlichkeit programmiert zu werden. Ein System, das Menschen wie Labor-Ratten, denen man Elektroden in die Ärsche gerammt hat, in einem hochmechanisierten Labyrinth laufen lässt, einem Labyrinth von Klassenunterschieden, Stufungen, Karrieren., Neonsupermärkten, militärisch-industriellen Komplexen, Vorstädten, unterdrückter Sexualität, Heuchelei, Geschwüren und Psychoanalytikern.“

Aber die Warnung war umsonst. Das System reagierte mit Polizeistaatsmethoden. Anstatt die Ursachen der Flucht zu bekämpfen, bekämpfte man die Auswirkungen, und zwar mit Gummiknüppeln und Paragraphen. Die Gefängnisse füllten sich, die Gummizellen der psychiatrischen Anstalten hallten wieder von den Schreien der Gequälten, viele blieben auf der Strecke und verreckten an harten Drogen. (Siehe Blatt Nr. 55.) Nachdem sich nun auch ohne Drogen schon Kinder das Leben nehmen, bemühten sich endlich einmal auch die Herren „Volksvertreter“ mit dem Stress in der Schule, Im Bayerischen Landtag forderte die SPD-Fraktion eine Expertenkommission zur Überprüfung der Belastung unserer Schüler. Dieser Antrag wurde von der CSU abgelehnt.

Daraufhin klagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Alfons Bayerl: „Was ist das für eine Schule, die erbarmungslos sortiert, statt menschlich zu fördern? Will Bayerns Kultusminister Schulen, die den Selbstmord produzieren? Will Herr Maier sich den Vorwurf gefallen lassen, in seine Amtszeit fielen die meisten Selbstmorde von Schülern?“

Das Kultusministerium hat inzwischen die Äußerungen des Bundestagsabgeordneten als „unglaubliche Geschmacklosigkeit“ bezeichnet. Bezeichnend ist dagegen die Forderung des bayerischen Kultusministers Hans Maier vom 7. Juli 1970 an die Vorsitzenden der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, „gegenüber der Scheinreform der gegenwärtigen Hochschulgesetzgebung die Priorität der Leistung wiederherzustellen“, also genau das zu fördern, was heute Hunderte von Kindern in den Tod treibt.

Peter Schult

Blatt. Stadtzeitung für München 62 vom 23. Januar 1976, 8 f.

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„Selbst“mord, Fortsetzung

Am Mittwoch, den 21. Januar 1976, erschien das BLATT Nr. 62 mit dem Artikel „Selbstmordwelle unter Schülern“. Schon einen Tag später, am Donnerstag den 22. Januar 1976, berichtete die „tz“ unter der Überschrift „Selbstmordwelle hält an“ von einem neuen Todesfall.

In einem Heustadel des elterlichen Anwesens in Erding erhängte sich der 16-jährige Schüler Paul W. Noch kurz vor seinem Tode hatte er seinem Vater geklagt: „Immer nur Fünfer und Sechser. Ich komm’ einfach nicht mehr mit, und wenn ich was Falsches sage, dann lachen die anderen auch noch!“

Aufgeschreckt von diesem neuen Fall in einer langen Reihe von Schülerselbstmorden und beunruhigt über die immer heftiger reagierende Öffentlichkeit, richteten beide Landtagsfraktionen eiligst Anfragen an die Staatsregierung und baten um Auskunft über die Streßsituation in den Schulen.

Wer aber nun erwartet hatte, dass die christlich-soziale Regierung des Freistaates Bayern, die sich z. B. in der Kampagne um den § 218 so eifrig für das „ungeborene Leben“ eingesetzt hatte, vom Tode so vieler junger Menschen betroffen wäre, sah sich bitter enttäuscht. Als Landtagspräsident Hanauer am 28. Januar den Tagesordnungspunkt „Schulstress“ aufrief, eilten Minister und Staatssekretäre zielstrebig davon. Auf der gähnend leeren Regierungsbank blieb als einziger Kultusminister Hans Maier zurück und der fand rasch die Schuldigen für den Schulstress und den Freitod der Schüler: Die Eltern und das Fernsehen. Im übrigen legte er erneut ein Bekenntnis zum Leistungsprinzip ab, unterstützt von der CSU-Fraktion, die ein völlig nichtssagendes und nichts veränderndes 10-Punkte-Programm vorlegte. Für die CSU erklärte Johann Zehentmaier: „Die Schüler dürfen nicht bemitleidet und verwöhnt werden.“ Lediglich der SPD-Landtagsabgeordnete Adalbert Brunner, der selbst Gymnasialprofessor ist, gab zu: „40 Prozent des Lehrstoffes gehören in den Papierkorb.“ Zur selben Zeit aber, da der Landtag über den Schulstress diskutierte und Kultusminister Maier Herrenwitze vom Stapel ließ (zu Frau Hamm-Brücher: „Von Ihnen lass ich mich weder überführen noch verführen!“), griff in Weiden der 13-jährige Schüler Stefan Grünbauer zur Pistole seines Vaters und erschoss sich. Er hatte in Mathematik eine 5 geschrieben und fürchtete sich nun vor einem schlechten Halbjahreszeugnis.

Anscheinend kommen aber immer mehr Eltern, Lehrer und Schüler langsam zu der Einsicht, dass von unseren heutigen Parteien keine Änderung der Schulsituation zu erwarten ist. Rettung wird wieder einmal von einer Bürgerinitiative erhofft, die sich „Aktion Humane Schule“ nennt und seit kurzem bundesweit in Erscheinung getreten ist. Prof. Walter Leibrecht, Gründer dieser Initiative, will sogar noch einen Schritt weiter gehen und plant die Gründung einer neuen „Volkspartei“. Seine Ziele: eine menschliche Schule, eine Kirche ohne Kirchensteuer, Solidarität aller Schaffenden und Arbeitslosen, freie Marktwirtschaft …

Leibrecht will also nicht das System verändern, sondern nur reformieren, aber durch eine Reform ändert sich nichts, vor allem nicht die Schule, weil an den Ursachen für die Streßsituation nichts verändert wird, sondern nur die Auswirkungen gemildert werden sollen. Also statt Selbstmord nur eine Neurose oder Psychose.

Solange wir aber eine kapitalistische Gesellschaftsordnung haben, solange wird die Schule nichts weiter sein als Nachschublieferant für die Industrie. Solange noch Herrschaftsstrukturen bestehen, solange werden wir auf diesen Lebensweg hin ausgerichtet, das heißt auf Herrschaftsfunktionen und Sklavenaufgaben vorbereitet. Der Kapitalismus braucht rücksichtslose egoistische Unternehmer und gehorsame angepasste Arbeiter. Und das Leistungsprinzip mit all seinen Prüfungen und Zeugnissen, Noten, Versetzungen und Klassifizierungen in verschiedene Schulsysteme dient ja gerade dazu, um eine Auswahl für diese oder jene Gruppe zu treffen. Die einzige wirkliche Alternative wäre im Grunde die Zerstörung der Schulen und die Vertreibung der Lehrer. Die Erziehung müsste von der Gesellschaft für die Gesellschaft erfolgen, das Lernziel hieße dann Solidarität.

Auf dem Wege zu diesem Ziel wäre im Augenblick eine neue Schülerbewegung notwendig, anknüpfend an die Ansätze Ende der 60er Jahre. Eine Bewegung, die sich nicht auf reformistische Nahziele beschränken dürfte, die revolutionär und undogmatisch sein müsste, die sich nicht auf parteipolitische Bindungen einlassen und die alle Formen des Widerstandes einschließen sollte bis hin zur großen Verweigerung. Sie sollte sich allerdings auf außerschulische Gruppierungen stützen, etwa auf alternative Arbeits- und Wohngemeinschaften, auf undogmatische Gruppen, auf alternative Presse- und Verlagskollektive, auf unabhängige Jugendzentrumsbewegungen, auf ähnliche Gruppierungen innerhalb der Universitäten, auf alle emanzipatorischen Bewegungen, auf linke Gewerkschaftskreise usw.

Sie sollte selber Wohnkollektive initiieren und neue Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens entwickeln. Gegen die Vereinzelung durch das Leistungsprinzip muss der Begriff des kollektiven Lernens gesetzt werden Und sie sollte Eltern und Lehrer in ihre Arbeit integrieren, die die hoffnungslose Situation unserer heutigen Schulen erkannt haben. Viele Lehrer, die aus der Studentenbewegung der 60er Jahre kommen, haben nur deshalb resigniert, weil sie sich von den Schülern verlassen fühlten. Das Verständnis der Eltern ist heute sicher um vieles größer als noch vor einigen Jahren. Die Zahl der Toten hat viele aufgeschreckt aus ihrer Lethargie, die neu entfachte Diskussion über die Situation in den Schulen beweist das.

Der Kampf in den Schulen gegen die Schulen muss jetzt und hier entfacht werden. Der Klassenkampf beginnt in der Klasse, wenn die Schüler erst einmal erkannt haben, das die Schulen Gefängnisse sind.

Peter Schult


Blatt. Stadtzeitung für München 63 vom 6. Februar 1976, 9.

Überraschung

Jahr: 1976
Bereich: Kinder