Nützliches

Ich finde das Papier im ganzen o.k.

Aber es ist stark geschrieben vom Aspekt der Durchbrechung von Tabus, mit denen wir in den letzten Jahren in unserer Szenerie gelebt haben. Dieser negative Aspekt lässt einiges herauskommen. Das Bild von der Wasserlandschaft drückt was Wichtiges aus. Aber es bleibt zu passiv, zu friedlich. Was passiert denn mit den einzelnen Armen beim Durchfließen durch Bewegung/Verlag, was hindert die Tümpel zu vermodern? Das fließt nicht einfach gleichförmig, da gibts Stromschnellen, Wirbel. Und es gibt nicht nur bereits Kanäle dazwischen, sondern wir selbst als Bewegung/Verlag bauen welche, stauen das Element, gleichen durch Schleusen aus usw. Dem Bild fehlt das Moment der Auseinandersetzung zwischen den Teilen. Pluralismus als notwendige Voraussetzung, als Reaktion auf verschiedenartige Realitäten; dass wir uns untereinander respektieren. Aber der Reichtum an einzelnen Bedürfnissen und Inhalten muss sich aufeinander beziehen, verändern, korrigieren, Schwerpunkte setzen, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des gemeinsamen Gegners. Andere(s) erfahren und im Reden und Vergleichen kennenlernen, aber auch durch Streit und Auseinandersetzungen zu Klärungen kommen, und sei es nur zur Reinigung der dicken Luft zwischen uns.

Und das ist, verdammt nochmal, kein Gegensatz zur liebevollen Behandlung unter uns, jedenfalls nicht so automatisch wie das unterstellt wird. Oft drückt es im Gegenteil überhaupt erst aus, dass man jemanden ernst nimmt und dass wir nicht gewillt sind, alle zerstörerischen Verhaltensweisen zwischen uns zu dulden. Die gewaltsame Vorwegnahme konfliktfreier Sanftheit hat eben auch einen Haufen Scheiße in uns und zwischen uns nur unter den Teppich gekehrt; ihr Diktat auch zur Entwicklung nur versierter Techniken des Leistungsterrors gegen uns und untereinander geführt. Also: die Differenz als Mittel der eigenen Identitätsfindung; das andere als der Blitz, der dich trifft. Und das geht nicht nur in Harmonie ab, reibt sich, eckt an, setzt sich durch. Der Unterschied zur alten Welt muss sein: wir wollen den anderen nicht unterwerfen, kolonisieren, sondern das jeweils besondere zur Entfaltung bringen.

Ich bleibe bei dem Bild und füge hinzu: wir schwimmen nicht nur in verschiedenen Armen und Tümpeln, es gibt auch sowas wie dasselbe Element aus dem das „Flüssige“ besteht und irgendwo — und irgendwann — gibt es ja auch mal Flüsse. Hier steht die Frage nach revolutionärer Totalität, nach Fundamenten, Perspektiven, Utopien. Ist nicht nur zu diskutieren als Notwendigkeit, schon gar nicht zu verwechseln mit diesem Begriff von Einheit/Gemeinsamkeit als Zwangsjacke. Es gibt — gerade jetzt — ein riesiges Bedürfnis nach Totalität.

Nicht als vom einzelnen Bedürfnis abgetrennte, von oben zu überschauende Position, sondern vielmehr als das, was dem einzelnen Teil Radikalität und Sinn gibt. Da macht das Papier auf der praktischen Ebene einen Fehler: sowenig es nur die einzelnen Arme und Tümpel gibt, sowenig speist sich der Einzelne in Bewegung/Verlag aus Teilbereichen. Das ist ja gerade unser Problem in den letzten Jahren, die Weigerung, in solchen „Arbeitsfeldern“ zu arbeiten und Identität zu finden. Die Motivationen haben eine allgemeine Grundlage, eben den Zipfel, den wir von der Möglichkeit fundamentaler Alternativen ergriffen haben, im Kopf, im Gefühl, im Leben. Die Beziehung zu den Inhalten, wie sie sich außerhalb des Verlags artikulieren, hat nicht diesen klaren Charakter, wie im Papier suggeriert: dieser zu jenem, jener zu diesem — das ist was für die Sonntagspredigt. Nicht die klare Definition verschiedener Inhalte, und wie man sich ihnen zuordnet, ist die Realität, sondern ein unstetes, vages Tasten zwischen verschiedenen Sachen (die man auch mal nur ausprobiert) und ihrer ansatzweisen Verflechtung zu einem ganzen Entwurf.

Z.B. kann man auf unterschiedliche Art in die Ökologiebewegung gehen. Einmal als Teilbewegung mit begrenztem Inhalt, wo es auf sehr pragmatische Weise um die Beseitigung oder Verhinderung eines Übels geht, was natürlich eine Vorstellung lokalisierbarer Heilungsmöglichkeiten einschließt. Andererseits im Sinne einer zentralen politischen Kraft, die auch einen Interpretationsrahmen dafür geben kann, was heute mit uns und der Welt so vorgenommen wird, Wo eine auf die Spitze getriebene Selbstdarstellung dieses Systems gleichzeitig gestattet, die Richtung zu bestimmen, in die wir uns und die Welt bringen müssen.

Wichtiger als diese etwas schematische Pluralität von Inhalten wie in einem Warenhaus, wäre zu sagen, dass sich im Verlag ganz unterschiedliche Motive, Geschichten, Temperamente, Rhythmen innerhalb so eines gemeinsamen inhaltlichen Bezugsrahmens ausdrücken können. Und dass, indem wir als Bewegung insgesamt unsere Fähigkeiten dazu ausbilden, wir auch unsere Kommunikationsfähigkeit verbessern, im Sinne von Toleranz, aber auch von inhaltlicher Präzision.

Wie das Bild von der Wasserlandschaft ein bisschen zu sehr auf eine neutrale Momentaufnahme aus dem Inneren von Bewegung/Verlag zugeschnitten ist, so auch in der Diskussion über die „Macht“. Sie wird nur als ein inneres Verhältnis diskutiert (demontiert damit natürlich ein wichtiges Tabu). Was legitimiert diese Machtausübung, wozu soll sie gut sein, was will sie bewirken? Kann natürlich nur sinnvoll diskutiert werden als Macht nach draußen, Macht für die Revolution, d.h. ein anderes Leben usw. Wichtig ist zu sagen, dass sich diese Machtausübung nicht nur gegen was richtet, obwohl es immer „Winterpalais“ zu stürmen geben wird und deshalb auch einiges von der Hässlichkeit der alten Macht auf unsere Bewegung abfärben wird. Sondern vor allem versuchen wir, uns mächtig aufzubauen, um andere Leute zu erreichen; die Macht (und nicht nur die potentielle Fähigkeit) zu haben, die Schranken zu zerstören, mit denen das System uns von den Köpfen und Herzen anderer Leute isoliert (und damit auch irgend wie von unseren eigenen). Deshalb kann es bei uns eine Macht geben auch ohne den Willen zur Hierarchie und Kolonisierung. Wird das Auftreten von Macht auch innerhalb unserer Bewegung aber nicht derart gebunden an dieses äußere Verhältnis, wirkt ihre Darstellung so ungemütlich wie die koexistierenden Tümpel gemütlich.

Dann: die Blutabgabe für neue Initiativen. Das ist sehr wichtig, aber irgendwie zu glücklich dargestellt. Da entstehen überall also neue Flüsschen, Tümpel: warum nicht sagen, dass unsere Ängste und Wüte gegenüber unseren „Rippen“ gerade daher kommen, ob sie sich dann auch so offen und politisch gegenüber der Bewegung verhalten werden (und das heißt auch: uns gegenüber). Und dass wir nicht die glückliche Ausnahme sind, die einen natürlichen Hang zur Verausgabung haben, sondern durch Betriebsblindheit, Ängstlichkeit und Egozentrik selbst gefährdet sind — also uns diese politische Qualität dauernd selbst erkämpfen müssen, z.T. sogar gegen uns selbst. Und dass es eben gerade auf der Ebene von Institutionen (die auch was mit Geld zu tun haben) überhaupt nicht selbstverständlich ist, dass sie sich so verhalten und entwickeln. Es gibt einfach unter den Linken und Alternativen sehr starke korporative Tendenzen, wo sich der einzelne Arm/Tümpel abkapselt, absichert und bestenfalls zweckhafte Kombinationen mit anderen eingeht, wo aber Großzügigkeit, Verströmen als politische Qualität weg ist. Und diese Entwicklung zur Autarkie statt zur Autonomie ist der Beginn einer bewusstlosen Umkehrung der Werte, mit denen wir ideologisch durch die Welt laufen.

Achim Bergmann


Blatt. Stadtzeitung für München 99 vom 15. Juli 1977, 14.

Überraschung

Bereich: SchülerInnen