Materialien 1977

Hoass bflassda fom begg

Geld stinkt nicht, weiß man, und will es nicht mehr hören, aber da spült die Isar eine Flaschenpost an und darin ist geschrieben:

mei schdrass riacht noch gressde kadoffen
noch nägabeil und fuizzbandoffen
noch eignbau und dreikenixdog
und wia d neimeia musch untam rog
riacht wiar a schbrizwongwassa
wenns schbrizd auf des hoasse bflasda
riacht wia da friseasalon am egg
und baggschdum fom mülla begg
mei schdrass riacht noch got und da wäid
noch ollam – blos ned noch gäid1

Endlich hat sich ein Verleger erbarmt und diese Isarpost-Lebenszeichen zu einem Büchlein von 1.000 Stück Auflage komprimiert (Helmut Paul Eckert: „gedichta“, Friedl-Brehm-Verlag, 44 Seiten, 6 Mark). Das kostet also nicht mehr als eine Kinokarte, man muss es nur geduldig suchen, weil das nicht jeder Buchhändler hat. Es ist ein Bavarica-Buch, anders zwar als jene Märchenkönig-Ludwig-Prachtkunstbände, aber es handelt von Münchner Menschen, ohne diese billige Arme-Leute-Seeligkeit eines Sigi Sommer oder Helmut Schneider. Der Verfasser ist am 20. August 1934 in Wurmlind bei München geboren, hier aufgewachsen an der Westermühlstraße, am Glockenbach, im Schlachthofviertel und in Breitenthal. Er war wandernder Bäckergeselle, Hotelhausl, gründete Familie, arbeitete in Stadelheim, ging nach Kanada (auch als Holzfäller) und ist durch keine Anerkennung nie korrumpiert worden. HPE hausiert nicht mit Goldenen Münchner Herzen; er hat selbst nur eines, das ist rot und nicht käuflich:

da foaraweita
ramd an aweita zam
da aweita macht an huifsaweita zua sau
deo drogd sein eaga zu da frau
de frau schimbfd iara kind
dea bua lasz am goidhamsda biassn
dea hamsda schreibt se dinglreita
und is a fazauwada foaraweita2

Ich habe ihn vor fünf Jahren in Haidhausen kennengelernt, am Dienstag-Stammtisch der Mundart-Dichter. Da waren viele Lehrer, die nebenbei mit lockerer Hand heitere Verserl absondern. Zuerst hat der Paul nur Wasser getrunken. Dann habe ich ihn viele Halbe Bier leeren sehen, bis er mit seinen Gedichten herausgerückt ist. Der ist sich nicht klar darüber, ein wie wichtiges Sprachrohr er ist, wenn er vom Schlachthof-Dschango berichtet (heid wead oana gwassad!), vom Sankt-Pauli-Schorsch (in da hambuaga heabeag is a mim bauch iwam seil kengd zum schlaffa), vom Ameisel-Lucke {sechane leid san a gligg fiar an wiat). Er muss noch etliche Halbe Bier trinken, bis es hier herum klar wird: Helmut Paul Eckert hat wahrscheinlich das wichtigste München-Buch überhaupt geschrieben.

v. Hase


Blatt – Stadtzeitung für München 98 vom 1. Juli 1977, 17.

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1 Übersetzung der Überschrift dieses Artikels: Heißes Pflaster vor der Bäckerei.
Das Poem: Meine Straße riecht nach gerösteten Kartoffeln/Nach Bierresten und Filzpantoffeln/Nach Eigenbau und Dreikönigstag/Und wie die Neumeier Musch unterm Rock/Riecht wie ein Spritzwagenwasser/Wenns spritzt aufs heiße Pflaster/Riecht wie der Friseursalon am Eck/Und die Backstube vom Bäcker Müller/Meine Straße riecht nach Gott und der Welt/Nach allem – blos nicht nach Geld.

2 Der Vorarbeiter/Staucht den Arbeiter zusammen/Der Arbeiter macht den Hikfsarbeiter zur Sau/Der trägt seinen Ärger zu seiner Frau/Die Frau schimpft ihr Kind/Der Bub lässt es den Goldhamster büssen/Der Hamster schreibt sich Dinglreiter/Und ist ein verzauberter Vorarbeiter.

Überraschung

Jahr: 1977
Bereich: Kunst/Kultur

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