Materialien 1977

Süddeutsche Zeitung und ID

Zweidrittel Zeitungsseiten überließ die Süddeutsche Zeitung ihrem Redaktionsmitglied Heiko Flottau am Samstag, dem 26. Juni 1977, damit er sich mit einem Bericht über den ID und unseren Beirat noch seinen Urlaub mitfinanzieren konnte, den er inzwischen angetreten hat. Tenor des Berichts: Durch „eigenwillige Publikationspraktiken“ bringe sich der ID in Verdacht des Sympathisantentums mit Terroristen.

Flottaus Artikel, den wir hier gar nicht umfassend würdigen wollen, ist folgendermaßen eingefädelt: Vorab beruft er sich auf ID-Beirat Horst Bingel, der sich, von Flottau telefonisch befragt, nicht daran erinnern konnte, ID-Beirat zu sein, worauf Flottau ihm zu suggerieren versuchte, er sei schließlich seit drei und mehr Jahren als solcher ausgewiesen (obwohl es den Beirat erst seit wenig mehr als einem Jahr gibt). Bingel wunderte sich, für ihn war das eine „unterbliebene Nachricht“, subjektiv für ihn wohl nicht ganz zu unrecht, denn er hatte uns im letzten Jahr zwar seine schriftliche und beglaubigte Beitrittserklärung geschickt, jedoch hatte er anders als die übrigen Räte seitdem keinen ID mehr zu Gesicht bekommen – eine Panne im ID-Versand, wir bedauern es. Im Übrigen will Horst Bingel im Beirat bleiben und den ID bekommt er inzwischen zugestellt. Dieses Missverständnis Bingels, das Flottau als solches doch hätte auffallen müssen, – schließlich hatte er mit anderen Beiräten telefoniert, denen es nicht so wie Bingel ergangen war – benützt Flottau (ohne beim ID rückzufragen), um das zu praktizieren, was er selbst laut SZ „in herkömmlichem Sinne ‘objektiv’ berichten“ nennt, indem er nämlich zum Auftakt des Artikels suggeriert, der ID habe sich wohl den Bingel unrechtmäßig unter den Nagel gerissen.

Doch Flottau, der bei uns im ID war und mit dem wir mehrere Stunden bei Tee und Kaffee offen diskutierten, ging es wohl eher darum, zu untermauern, was der Verfassungsschutz 1975 über den ID in seinem Jahresbericht zu veröffentlichen für notwendig hielt: der ID schildere „u.a. angeblich ungerechtfertigte Haftbedingungen von Terroristen, zu deren Unterstützung er aufrief. Er berichtete in Protokollform über den Prozess in Stuttgart Stammheim und drucke als Meinungsforum Solidaritätsbekundungen, Erklärungen und Gegenerklärungen ab“. Dazu Flottau in der Süddeutschen: „Dieser Eindruck bestätigt sich in letzter Zeit. Flottau begnügt sich damit, ins Horn des Verfassungsschutzes zu stoßen und bestätigt unsere Einschätzung, dass die „objektiv“ schreibenden bürgerlichen Journalisten sich regelmäßig damit begnügen, amtlich abgesegnete Informationen für bare Münze zu nehmen, genauso, wie seinerzeit die Presse und Rundfunk/Fernsehen während des Frankfurter Häuserkampfes, übrigens einer der Gründe, warum der ID ins Leben gerufen wurde. Genauso wie FAZ-Reporter Thomas Meyer, der am 7.5.77 („Revolution wollen sie alle“) schrieb: „So ist nach diesen Erkenntnissen der „Informationsdienst für unterdrückte (!) Nachrichten“ mittlerweile nahezu völlig ins „terroristische Lager“ abgedriftet .“ Die Bezeichnung ‘unterdrückte’ statt ‘unterbliebene’ stammt aus dem Verfassungsschutzbericht. Befragt, ob Meyer überhaupt den ID gemeint habe und woher die „amtlichen Erkenntnisse“ stammten, sagt der FAZ-Kopf, der nie einen ID gesehen hatte: „Ich kann Ihnen versichern, es beruht in diesem Artikel nichts auf amtlichen Veröffentlichungen“. Auf die Frage, ob der Hinweis auf die „Amtlichkeit“ ein Trick war, sagt Meyer etwas später: „… Sie können sich darauf verlassen, wenn man sowas recherchiert bei so einem Thema, kann man sich auch nur auf amtliche Quellen verlassen, wie sollte man denn sonst …“ etc. etc.

Eine Reihe BRD-Journalisten der bürgerlichen Medien haben unter dem Deckmantel der „Objektivität“, die sie sich in ihr Notizbuch des „journalistischen Ethos“ geschrieben haben, Staatsschutzaufgaben übernommen. So auch Grabert vom Bayrischen Rundfunk, der ebenfalls die Aufgabe bekommen hatte, die Münchner Stadtzeitung Blatt in einem Beitrag über Terror zu verwursten und die Blatt-Macher mit der Lüge, er möchte über die Arbeit des Blatt eine Sendung machen, zu einem Gespräch überredete.

Das sind Einzelheiten, die Kampagne läuft auf breiter Ebene. Allesamt knüpfen an „Mescaleros“ Buback-Artikel in der Göttinger Studentenzeitung an, über den wohl die breitest massierten Lügen, und nicht nur von Springer, verbreitet werden.

Die beiden ID-Beiräte Volker Schlöndorff und Peter O. Chotjewitz haben einen Brief an die Süddeutsche Zeitung bzw. eine Gegendarstellung geschrieben, die wir im folgenden abdrucken.

„Volker Schlöndorff, Obermeierstr. 1, 8 München 22

Herrn Heiko Flottau
c/o Süddeutsche Zeitung
8 München

den 25.6.77

Betr.: Authentisches aus dem „Tegeler Lager“/SZ von heute

Sehr geehrter Herr Flottau,

seit an die zehn Jahre lese ich die SZ, insbesondere auch Ihre Berichte und Kommentare. Da ich mich lange Zeit in Frankreich aufhielt, lese ich weiterhin „Le Monde“. So bin ich ein ganz gut informierter Leser – und trotzdem erfahre ich hier und da, besonders im ID, immer wieder vieles, was in der Presse sonst einfach nicht vorkommt. Es gibt also unterbliebene Nachrichten, was einen speziellen Pressedienst schon mal rechtfertigt. Zum zweiten verändern sich ein und dieselben Vorgänge ganz erstaunlich, nachdem sie als kurze Nachricht mit ein oder zwei Zitaten (in Anführungszeichen) erscheinen – oder aber als komplettes Protokoll, Rede, Brief oder Erlebnisbericht. Gerade solch unmittelbares, sinnliches Material ist in der Presse – leider auch im Fernsehen – nur selten zu finden, stattdessen viel, viel redigiertes. Die beiden Arten der Berichterstattung stellen aber eine qualitativ völlig verschiedene Öffentlichkeit her – worüber Oskar Negt und andere gearbeitet haben. Mich interessiert die Wirklichkeit – schon von Berufs wegen – mehr in ihrer unmittelbaren, sinnlichen Form. Deshalb lese ich seit Jahren den ID.

Deshalb bin ich auch gerne zur Stützung des Unternehmens in den Beirat der Redaktion eingetreten, als man mich darum bat. Der Beirat hat nie „eine unklare Rolle gespielt“ – wie sie schreiben. Ich jedenfalls fühle mich von der Redaktion genügend informiert und kann mich jederzeit beratend an Entscheidungen beteiligen. Wenn einige Mitglieder in diesem Beirat ziemlich passiv sind, so unterscheiden sie sich in nichts von zahllosen anderen Beiräten in zahlreichen kirchlichen, künstlerischen, wirtschaftlichen, politischen und anderen Beiräten. Und dass jemand, ohne es zu wissen, irgendwo dabei ist, wie Herr Bingel, soll auch anderswo schon vorgekommen sein, ohne dass der Beirat dann gleich eine unklare Rolle spielt. Sprechen wir es doch offen aus: eine Publikation wie der ID muss sich heute trotz Pressefreiheit bedroht fühlen. Deshalb braucht er einen Beirat, der ihn unterstützt, und ich bin sicher, dass im entscheidenden Moment auch Horst Bingel und Ingeborg Drewitz wieder dabei wären. Welche Rolle spielt dann aber ein Bericht, wie der Ihre? Ich habe den Eindruck, hier wird bewusst oder unbewusst etwas vorbereitet. Zum mindesten wird ein solcher Artikel von den zuständigen Behörden und Diensten als ein Zeichen dafür gewertet, wie die liberale Presse im Falle eines staatlichen Eingriffs reagieren würde: wahrscheinlich zustimmend.

Zu viele Haus- und Kanzleidurchsuchungen wurden in den letzten Jahren publizistisch auf diese Art vorbereitet, als dass man bei dem Lesen des Artikels über den ID nicht ein ungutes Gefühl haben müsste. Ich meine, es ist wichtig, sich als Journalist auch dieser möglicherweise ungewollten Funktion bewusst zu sein, und entsprechend „ausgewogen“ zu berichten. Sie zitieren ausführlich Frau Drewitz, die aber selbst schreibt, dass sie den ID nur sehr unregelmäßig las. Stein des Anstoßes ist ein authentischer Bericht, aus dem ich mehr zum woher und wieso des Buback-Attentates entnehmen kann, als aus vielen anderen Leitartikeln. Was kann daran gefährlich sein – zur Wirklichkeit gehört’s nun mal. Warum bleibt unerwähnt, dass ID auch die Texte Jugendlicher, bürgerlicher Bürgerinitiativen, Streikberichte, Portugal- und Südamerikaberichte und vieles andere mehr bringt, was tatsächlich anderswo unterbleibt. Ist es nicht schlimm genug, dass der Verfassungsschutzbericht schon das Veröffentlichen solcher Meldungen (wörtlich: „Er berichtet in Protokollform über den Prozess in Stuttgart-Stammheim und druckte als Meinungsforum Solidaritätserklärungen, Erklärungen und Gegenerklärungen.“) für berichtenswert hält! Sie werfen der Redaktion vor, „die Nachrichten, besser die „Originalberichte“, werden nicht nachrecherchiert. Lässt sich dieser Vorwurf nicht viel eher an andere richten? Die obendrein ihre Nachrichten nicht als Originalberichte, sondern als objektive Berichterstattung ausgeben?!

Hoffentlich regt Ihr Bericht nicht nur beim Verfassungsschutz zum Lesen des INFORMATIONSDIENSTES ZUR VERBREITUNG UNTERBLIEBENER NACHRICHTEN an. Ich freue mich mit jeder Nummer wieder, dass es ihn gibt, gerade jetzt, wo rundherum Zeitungen sterben und fusionieren. Mit freundlichen Grüßen“

Und nun die Gegendarstellung von Peter O. Chotjewitz.

„Gegendarstellung

Sehr geehrte Herren!

Ihr Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 25./26. Juni 1977, Nr 143 – „Authentisches aus dem Tegeler Lager“ von Heiko Flottau – enthält eine mich betreffende unwahre Behauptung. Ich bitte deshalb gem. Pressegesetz um Veröffentlichung der nachstehenden GEGENDARSTELLUNG in der nächsten Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ an gleicher Seite.

Sie behaupten, dass „der Kontakt zwischen Beirat und Redaktion gleich Null ist und dass die Reaktion von Frau Drewitz die einzige bisher bekanntgewordene inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Dienst ist …“

Diese Behauptung ist unrichtig.

Richtig ist vielmehr, dass die Redaktion des „Informationsdienstes zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ seit Bestehen des Beirates, dem ich angehöre, mehrfach mit mir Kontakt aufgenommen hat, um mich in politischen, redaktionellen und juristischen Fragen zu konsultieren.

Richtig ist ferner, dass ich von mir aus mit Mitarbeitern der Redaktion gesprochen habe – vor allem wegen der Berichterstattung des „Informationsdienstes“ vom Stammheimer Prozess und als der „Informationsdienst“ sich im Mai 1977 weigerte, eine Richtigstellung der Gefangenen aus der RAF gegen einen Artikel von Klaus Rainer Röhl in der Frankfurter Rundschau ungekürzt abzudrucken. Schließlich habe ich noch im Juni 1977 dem „Informationsdienst“ die Nachricht übermittelt, dass der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes bei der Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Vergehens nach § 111 StGB – öffentliche Aufforderung zu Straftaten – wegen Verbreitung der im „Informationsdienst“ erschienenen „Hungerstreikerklärung“ der Gefangenen aus der RAF gegen mich angeregt hat.“

ID-HAUSMITTEILUNGEN


Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten 185 vom 9. Juli 1977.

Überraschung

Jahr: 1977
Bereich: Medien