Materialien 1977

Die Mediziner streiken!

Es ist freilich noch frisch in Erinnerung, dass zu Beginn des Jahres Ärzte in verschiedenen Bundesländern aus Protest gegen Regierungspläne zur „Kostendämpfung im Gesundheitswesen“ ihre Praxen dichtmachten. Letzten Samstag (30. April) hat nun sogar die Fachkonferenz Medizin der Vereinigten Deutschen Studentenschaften (vds) den bundesweiten unbefristeten Streik der Medizinstudenten ausgerufen. Solche Häufung von organisiertem Unmut lässt vermuten, dass im Gesundheitswesen der Wurm ist.

Die Erfahrungen der Menschen mit unserem Gesundheitswesen sind sicher nicht die besten: ständig steigende Krankenversicherungsbeiträge, 5-Minuten-Medizin in überfüllten Arztpraxen, lieblose und medizinisch oft fragwürdige Behandlung im Krankenhaus. Die Sparmaßnahmen der Regierung zielen jedoch nicht auf eine Verbesserung der medizinischen Versorgung, sondern auf bloße Senkung der Betriebskosten, um die freiwerdenden Gelder anderweitig zu verwenden. Beide, Ärzte und Medizinstudenten sind, wenn auch unterschiedlich, betroffen und haben deshalb Streiks organisiert. Können die Versicherten interessiert sein, diese Protestmaßnahme zu unterstützen?

Viele Ärzte sehen sich selbst als absolute Richter über Gesundheit und Krankheit der Menschen. Erst bei der letzten Bundestagswahl bezeichneten sich die Ärzteverbände sogar als „staatstragende“ gesellschaftliche Gruppe. Wenige Monate später gleich ein Streik gegen Regierungspläne gerade dieses Staates! In ihren Argumenten spielen sie sich als Wahrer der Interessen der Patienten auf, obwohl sie dazu keinerlei Legitimation besitzen. Wie ernst es ihnen damit ist, zeigt, dass sie mit ihrem Streik die Patienten ausgesperrt haben. Tatsächlich geht es ihnen nicht um die Qualität der medizinischen Versorgung, sondern um die Erhaltung und den weiteren Ausbau ihrer maßlosen materiellen Privilegien.

Wie verhält es sich mit dem studentischen Streik?

Der letzte Teil des Medizinstudiums besteht aus einem Jahr praktischer Arbeit in einem Krankenhaus. Voll einbezogen in die medizinische Betreuung der Patienten, dient diese Arbeit in erster Linie der Ausbildung der praktischen ärztlichen Fähigkeiten. Durch eine Gesetzesänderung hat die Regierung unter anderem den für den Lebensunterhalt notwendigen und angemessenen Lohn weggenommen. Außerdem wurden die für die anderen am Krankenhaus Beschäftigten selbstverständlichen Rechte den Studenten entzogen. Zur Zeit ist ein Student während seines Praktischen Jahres verpflichtet, vierzig Stunden in der Woche unentgeltlich und auf eigenes Risiko am Krankenhaus zu arbeiten sowie sich gleichzeitig auf das anschließende Staatsexamen vorzubereiten. Man hat nicht einmal ein Haftpflichtversicherungsschutz, kann an dem verbilligten Essen des Personals nicht teilnehmen. Ja selbst die Arbeitskleidung muss selbst gestellt und gereinigt werden. Für vier bis acht Monate muss der Student aus eigener Tasche einen doppelten Haushalt und Fahrtkosten finanzieren, weil er für diese Zeit an einem auswärtigen Krankenhaus arbeiten muss. Da die Lehrkrankenhäuser finanziell und personell schlecht ausgestatten sind und es auch keinen Ausbildungsvertrag gibt, ist die ärztliche Ausbildung der Studenten dem Zufall und dem guten Willen des Personals überlassen.

Wenn Medizinstudenten mit ihrem Streik einen Tarif- und Ausbildungsvertrag, 700 DM monatlich sowie die üblichen politischen und gewerkschaftlichen Rechte fordern hat das nichts mit den oben erwähnten Privilegien zu tun, sondern dient der Sicherung der bloßen Existenz der Studenten, die nicht auf den Geldbeutel reicher Eltern zurückgreifen können. Jedermann kann sich leicht vorstellen, dass die jetzigen Ausbildungsbedingungen nicht geeignet sind, eine bessere medizinische Versorgung herbeizuführen. Während der Zeit des Streiks werden die Medizinstudenten an zentralen Plätzen der Stadt mit der Bevölkerung Kontakte aufnehmen und die notwendigen Diskussionen führen.

fachschaftsinitiative medizin

Blatt – Stadtzeitung für München 93 vom 6. Mai 1977, 19.

Überraschung

Jahr: 1977
Bereich: StudentInnen

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