Materialien 1980

„Dann hat das Leben den berühmten Sinn ...“

Stefan Reitsam

In der Jugendgruppe der »Katholischen Studierenden Jugend« habe ich zum ersten Mal über den Zivildienst nachgedacht. Das war mit 13 oder 14 Jahren. Mit 15 bzw. 16 Jahren war ich dann in einem Arbeitskreis »Soziale Verteidigung«, den wir selber ins Leben gerufen hatten. Wir waren fasziniert von dieser Thematik. Bei der sozialen Verteidigung ist die Voraussetzung, dass die Gesellschaft nicht auf einem Aggressions- und Gewaltmechanismus beharrt, wie im Militarismus. Das hat mich dazu gebracht, Konsequenzen zu ziehen und immer wieder zu fragen: Wo begegnet mir Militarismus? Für mich war also klar, dass ich Zivildienst machen würde.

Nach meiner Lehre war natürlich die Bundeswehr angesagt. Noch während meiner Lehrzeit habe ich verweigert – das war mit 18 Jahren. Dies ging natürlich durch alle Instanzen. Meine Freunde, die Gymnasiasten waren, wurden beim ersten Mal anerkannt. Ich war Hauptschüler und konnte mich nicht so fundiert zur Wehr setzen. Wahrscheinlich musste ich deswegen drei Verhandlungen durchmachen. Sie haben in der zweiten Verhandlung sogar den Gewissenskonflikt anerkannt, der sei jedoch nicht so beträchtlich. Vor dem Verwaltungsgericht wurde ich dann anerkannt.

Im Arbeitskreis »Kriegsdienstverweigerung« hatten wir uns mit der kommenden Verhandlung auseinandergesetzt. Unser Gruppenleiter Stefan hat uns vorbereitet. Sonst hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Als ich erfahren habe, wie die bei der Bundeswehr auf Leute reagieren, die aus der unteren Riege der Bildung, aus der Proletarierschicht, kommen und wie sie auf diesen Menschen rumhacken, das hätte ich wahrscheinlich nicht verkraftet. Ich habe auch in der Lehre mit Einigen geredet, die verweigert hatten und es nicht geschafft haben. Sie haben erzählt, dass es bei ihnen eine ziemliche Ungerechtigkeit in der Behandlung gab. Abiturienten, eine einzige Verhandlung, anerkannt! Bei uns: meistens drei Verhandlungen. Die einen können sich sehr stark ausdrücken und die anderen machen das mehr vom Gefühl her. Aber die Beweggründe sind dennoch genauso wichtig. Ob guter oder schlechter Sprachgebrauch – das Gewissen bleibt. Ich bin froh, dass das geändert worden ist. Diese Gewissensprüfung war idiotisch.

Ich habe nach den Verhandlungen bei Siemens gekündigt. Ich war gerade von der Lehre in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen worden und auf der Freisprechung wurde uns gesagt: »Unsere Arbeitsplätze sind gesichert. Wir bauen jetzt die nächsten Jahre die Elektronik für die F-16-Bomber.« Zwei Tage später habe ich meine Kündigung eingereicht, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, in der Rüstung zu arbeiten. Ich wollte erst einmal Theater spielen und dann den Zivildienst machen. Ich habe angefangen, mit freien Theatergruppen zu arbeiten. Wir haben z.B. für Schüler ein Stück entwickelt, das Feindbilder behandelte. Auf Ostermärschen waren wir dabei, mit einem Ostermarschtheater, das den Ost-West-Konflikt thematisiert hat. Zur Pershing-I-Stationierung haben wir einen Hungerstreik gemacht: Fasten fürs Leben. Das war eine ziemlich extreme Aktion gewesen, sechzehn Tage ohne Nahrung.

Die Erfahrung im Zivildienst war toll. Ein sinnvoller Dienst an der Menschheit. Man erfährt etwas über das Leben. Wie läuft Krankheit ab? Wie läuft Sterben ab? Wie wird mit dem Tod umgegangen? Wie funktioniert ein Krankenhaus? Es hat mir eine unheimliche Fülle an Eindrücken und Reifeprozessen beschert. Ich möchte das nicht missen, und vor allem habe ich etwas Sinnvolles für den Staat gemacht, was er sich sonst hätte teuer erkaufen müssen durch die Schaffung von Stellen, die viel mehr kosten, als einen Zivi zu bezahlen.

In dieser Zeit ist mir aufgefallen, dass das Thema »Tod« ziemlich aus der Gesellschaft verdrängt wird: Nicht, dass man Angst vor dem Tod hat, sondern im Gegenteil, wie pietätlos, wie abgestumpft unsere Gesellschaft mit dem Sterben von Menschen umgeht. Warum kann man sie nicht irgendwo in Frieden in irgend einer guten Umgebung bei ihren Familien sterben lassen? Warum müssen sie immer in solchen Krankenhäusern »verrecken«? Auch mit den Leichen wird ganz technisch und mechanisch umgegangen. Es hat mich verwundert, wie unsere Gesellschaft mit ihren Toten oder Kranken umgeht.

Mir ist auch stärker bewusst geworden, wie meine Lehre verlaufen war. Ich wurde nicht zur Selbstständigkeit erzogen. Als Zivildienstleistender im Krankenhaus erfüllst Du eine Funktion und stehst wirklich in der Verantwortung. Das war ein ganz tolles Gefühl für mich, wirklich verantwortlich zu sein für meine Aufgabe. Diese neue und gute Erfahrung hat mir sehr viel Kraft gegeben: Wenn Du einen Fehler machst, dann hast Du dafür gerade zu stehen, ob es Dir passt oder nicht. Man macht den Job ganz oder gar nicht.

Das ist eine Erfahrung aus der Zivildienstzeit, die ich mitgenommen habe. Es war eine Ganzwerdung, ein Reifeprozess. Ich habe eine Aufgabe für mein weiteres Leben gefunden. Ich habe für gesellschaftliche Belange sehr starkes Interesse entwickelt. Dann hat das Leben den berühmten Sinn.

Stefan Reitsam, 1962 in München geboren. 1978 – 81 Lehre als Werkzeugmacher bei Siemens. 1983 – 85 Zivildienst im Krankenhaus Schwabing, seitdem freier Schauspieler und Kabarettist in München.


Landeshauptstadt München (Hg.), Wie wir werden, was wir sind. Zur Geschichte der Erziehung in München. Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags. Geschichtswettbewerb 1997/98, München 2001, 178 f.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Bundeswehr

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