Materialien 1981

Künstliche Anwesenheiten

… Dass man die versteinerten Verhältnisse, wenn nicht zum Tanzen, so doch ein wenig in Bewegung bringen kann, zeigen andere Jugendliche. Die Zerfetzten.

Eigentlich sind sie das Letzte. Für sich selbst; vor allem für die anderen. Solange sie und die anderen darin übereinstimmen, können sie bei sich selber sein: abgesondert, vergessen, abgestellt. Aber auch angenommen von den Unbotmäßigkeiten der herannahenden Eiszeit.

Eine kurze Zeit tanzten sie mit unterdrücktem Widerwillen und forderten keinen auf, es ihnen gleich zu tun. Auch machte sie ihre aggressive Verschlossenheit unberührbar; unberührbar zumindest für jene Blicke, die nicht gelernt hatten, ihre Erwartungen über den Rand streifen zu lassen.

Sie schrecken nicht einmal vor sich selber zurück: Bandagierte Leiber, grell gefärbte Haarexplosionen, tätowierte Augen, Eisenkonstruktionen, die einzelne Gliedmaßen gefangen nehmen, lackierte Münder ohne Himbeer-Sirup erobern hemmungslos ihren Körper, um ihn in einen künstlichen Kriegszustand zu versetzen. Plastikherzen, Eisenringe und Tüllfetzen dienen als Schmuckstücke. An den zersprengten Accessoires und zerrupften Teilen haftet noch ein Ereignis. Nach der Explosion kommen die Dinge nicht zur Ruhe. Auseinanderstrebend machen sie deutlich, dass sie einmal zusammen waren, unter falschen Voraussetzungen. Jetzt, in der Differenz zu sich selbst, nehmen sie Gestalt an, beginnen sich als Torso zu formen. Sie geizen mit Rundungen, genauso wie die Typen, die sie tragen, Typen, die sich im Verzicht einrichten und dennoch darauf bauen, dass ihre Gegenwart, ihr unverrückbares Hier und Jetzt die Welt in die Luft schleudert. Indem sie darauf vergeblich warten, versetzen sie sich in einen künstlichen Spannungszustand, der sie selber auseinanderreißt: in »Sexpistols«, Gliederpuppen und Vollstreckungsorgane.

Und in dieser Spannung lebt auch ihre Zeit. Eine Zeit, die ihnen bedeutet, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Sonst würden sie nicht soviel Mühe aufwenden, sich mit End-Zeit-Symbolen zu schmücken: Nazi- und RAF-Plaketten, Scherben, Hundeketten, Rasierklingen, No Future. Mit einem Sammelsurium von Angriffswerkzeugen, denen die Spitze abgebrochen, denen die Angriffslust geraubt wurde. Mit Klamotten, die nur noch Andeutungen sind für das, was sie einmal waren und nun nicht mehr sind: Schlagwerkzeuge ohne Nutzen für die, gegen die sie immer angewandt wurden. Nicht nur deren Schlagkraft ist zerbrochen, ebenso der Zustand, der nach dieser folgt. Maßnahmen mussten scheitern, notwendig.

So signalisieren die Typen, dass es ihnen nichts ausmacht, neu anzufangen, allerdings vom Ende her; Propheten der Gosse, die bereit sind, es mit dem Ende aufzunehmen. Einem Ende, das den Dingen vielleicht eine andere Bedeutung verleiht, außerhalb eingeschliffener Wahrnehmungen. Zurück bleiben aufgeraute, zerbrochene Attribute – Nieten am Revers, ausgefranste Strähnen, die als Teile eines gewesenen Ganzen, jetzt, da sie aggressiv nach außen gekehrt sind, eine eigentümliche Sachlichkeit annehmen. So sind die Dinge wieder zur Sache gekommen, denn sie verunglimpfen sich selbst. Als P®unk.

Sie tauchen in vielen Ausführungen auf. In Rüstungen, mit blanker Haut, schlampig und konfektioniert. Uneinheitlich wegen der Vibrationen ihrer Sinne, vereinheitlicht durch die allseits spürbare Ablehnung von außen, verstummt und aufgebracht. Viele zu sein, einzeln zu erscheinen, dieses und anderes, schier unentwirrbare Widersprüche prägen ihr Äußeres. Das provoziert.

Manchmal spielen sich unbestimmbare Kämpfe auf ihren Gesichtern ab: Lachen, Flimmern, lautloses Reden. Eine vage Unruhe hält ihre Gesten in Bewegung – ein unaufhörliches Bewegungsgeriesel. Mag sein, dass sie in der Gruppe zur Ruhe kommen, hin und wieder. Jenseits der Gruppe den einzelnen nicht zu vergessen, daran ist ihnen vielleicht auch gelegen; aber ohne die Gruppe verrennt sich der einzelne, auch das ist bekannt. Auf einem schmalen Seil zu balancieren, das die Gesellschaft zwischen sich und ihnen gespannt hat, sich zurückzuziehen und dennoch dabei zu sein, sich zu verlieren ohne verlorenzugehen – dies alles erfordert eine Perspektive des Glücks, des Übermuts, auch der Skepsis. Verlangt selbstsüchtige Träume gegen die Beliebigkeiten der Zeit, Träume, die sperrig genug sind, sich gegen ungebetene Zuschauer abzuschirmen.

Einzig in den Fluchtbewegungen scheint die Absonderung zu gelingen, ansonsten ist die Korona ständig vom Zerfall bedroht. Anästhetisierende Einflüsse der Gesellschaft, kreisende Gewissensbisse und schnelle Marotten tun das ihrige, ihn zu beschleunigen, den Zerfall, der zugleich auch stigmatisiert. Denn in einer funktionstüchtigen Gemeinschaft ebnen Partnerschaftstüchtigkeit, Kontaktfähigkeit und Gruppenkompetenz die Wege ins Ungetrübte. Der einzelne existiert nur im Umgang mit anderen.

Vom Zerfall bedroht zu sein ist eines, sich ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben etwas anderes. Mag der Unterschied von bei dem – einer von Selbstaufgabe und Selbstinszenierung – auch nur in Nuancen bestehen, allein auf ihn kommt es an. Dem Vorhandenen sind wenig Perspektiven abzutrotzen, es scheint bequem zu sein, sich in der Katastrophe einzurichten. Deshalb auch ist in der Gesellschaft von Katastrophen die Rede, jedoch ohne dass sie zur Sprache kommen. Ebenso akzeptiert man eine schon geläufig gewordene Ästhetik des Unfalls (Autokarambolagen, Politikerphysiognomien, Wetterkarten) und macht sie zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Alltagswahrnehmung, jenseits von Phobien und Widerständen. Self-fulfilling-prophecy. Vielleicht verstehen es die Jugendlichen, damit nicht nur fatalistisch umzugehen? Vielleicht nehmen sie den Unfall direkt, tauchen gleich selber in ihn ein und entwerfen daraus eine Scheinlandschaft, in der sie sich als deren Ebenbild bewegen: kunstvoll zersprengt. So geschehen in dem Film „Asphaltnacht«, der unentwegt von Unfällen handelt, die den beiden Protagonisten, Johnny und Angel, als Wegweiser dienen. Wohin? Zu immer neuen Unfällen, einen anderen Bestimmungsort kann es nicht geben.

In jenem Formumschlag von Selbstaufgabe zu Selbstinszenierung steckt ein Stück Zukunftsvision: fahle Gesichter im Widerschein von Beleuchtungsapparaturen. Wenn die Spots ausgehen, bleibt jeder für sich. Auch vom Alleinsein leben diese Selbstinszenierungen. Sie haben es nicht unbedingt darauf angelegt, sich ineinander zu spiegeln oder es dem anderen gleich zu tun, im Gegenteil; Mimesis bedeutet nicht viel in einer Gesellschaft, die sich selber bis zur Unkenntlichkeit derangiert. Vor-Bilder werden vergessen, einfach vergessen und nicht boykottiert. Und lösen sich in illusionistische Räume auf, bis sie unkenntlich werden, unkenntlich und unwirklich. Unwirklich in einer Wirklichkeit, die sich dem Relativen verschrieben hat – um jeden Preis – und die, standortlos geworden, noch hofft, einen Standort zu finden. Die schließlich immer noch auf die Macht des Wortes baut. Wenn schon nicht vor-bildlich, dann wenigstens diskursfähig zu sein, selbstverständliche, schnelle, freizügige Wahrheiten auszusprechen. Aufrüsten? Muss sein. Und ebenso die Kollekte für die Hungernden der Welt. Aber auch der Friedenswille nimmt bedenkliche Ausmaße an … Metallen tönt ihre Sprache. Und nicht nur das – sie spinnt die Fäden der Ununterscheidbarkeit, webt ein undurchlässiges Netz der kommunikativen Kompetenz. Möglich, dass gerade jene Vereinnahmungen listige Befreiungsversuche provozieren. Was läge näher (oder weiter entfernt), als Sprach-Spiele zu entwerfen? Was läge näher, als gerade sie dem verpflichtenden Redefluss zu entwinden, sie zur Ikone zu machen, die Häuserwände ziert (»Spießt die Spießer auf«, »Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter« etc.)? Lautlose Intonationen. Was man auch immer von dieser Katastrophen-Poesie halten mag, sie setzt alles daran, der Sprache jenseits des Sprechens einen Sinn zu geben, sie wenn schon nicht anders, dann wenigstens ikonographisch zu beleben. Diese Bilder-Sprache entwindet sich dem Gerede und tritt aus der Alltagswahrnehmung heraus, ähnlich den frühen Comic-strips, die unbiegsame und gesetzmäßige Lebensvorstellungen, manchmal, in illustrierte Paradoxien auflösten.

»Legalize Erdbeereis« singt die New-Wave-Gruppe »2«. Es fehlt der Sinn, es fehlt der Kontext. Dem reichhaltigen Reservoir der bürgerlichen Vorstellungswelt werden ein paar Parolen entrissen und zu Nonsens gemacht. Die »Talking heads« vergrößern auf einem Plattencover ihre Köpfe bis zur völligen Unkenntlichkeit, lösen sich freskenhaft auf und löschen Erinnerungen (an sich selber) aus. Was bleibt, sind metaphysische Impressionen. Auch dies ist ein Versuch, mit der eigenen zerrinnenden Geschichte umzugehen.

Provokationen sind auch ihr Geschäft, natürlich, etwas anderes jedoch ist es, daraus rechtsstaatliche Geschäfte zu machen. Lediglich auf die lächerliche Vermutung hin, dass Leute mit blauen oder grünen Haaren Schlägereien anzetteln könnten, werden diese in Vorbeugehaft gesteckt. So geschehen letztes Frühjahr in Frankfurt und anderswo. „Ein äußerer Schein, eine diffuse Wahrnehmung reichen mittlerweile aus, um Leute zu kriminalisieren. Schon ein abweichendes Erscheinungsbild bedeutet Verrat an der Herkunft der Väter. Jede Form von Maßlosigkeit – und wenn sie nur eine ästhetische sei – muss hemmungslos geahndet werden. Nach der Sprachfahndung folgt schließlich der Bildersturm.

Da nichts mehr Bestand hat, zerfallen auch die Bestände. Sonntagsausflüge, Idole und Mütter geraten in Bewegung und kommen in Fahrt. Ein Plattencover von» The Human League« lässt hochhackige Frauenbeine in höllisch spitzen Schuhen auf einer zersprungenen Glasplatte tanzen, unter der sich albinogefärbte, schreiende Babys tummeln. Besser lässt sich wohl kaum die Absage an die Zukunft visualisieren. Hier und vor allen Dingen jetzt soll sich das Lebensgefühl und Zeitempfinden verdichten. Was öfter zu dem Trugschluss verleitet – vereinzelt für die Akteure, wie meistens für ambitionierte Zuschauer mit ethnologischem Spürsinn -, es ginge auf diesem Trip durch den Müllhaufen der Geschichte völlig mit rechten Dingen zu, immer authentisch und ohne besorgniserregenden Schein. Ganz so, als hätte die kaputte Gesellschaft – in der Abgeschiedenheit von sich selber – noch ein paar ungeformte Subjekte konserviert, ungeschliffene, herausgekotzte, aber mit versöhnlichem Gestus.

Die, die gemeint sind, denken vielleicht doch eher daran, sich und die End-Zeit in Szene zu setzen, um den Punkt zu finden, von dem aus es für sie erst richtig losgehen kann. Ihr Schatten belebt zwar die Phantasie der Ereignisse, bewegt unentwegt einige Leute – im Wartezustand -, die darauf bauen, dass andere, spontanere das Konzept der Geschichte stellvertretend für sie selber in die Hand nehmen. Merkwürdig, wie schnell sich doch das Prinzip der Stellvertretung verkehrt! Schon dem aktiven Gebrauch liegt die passivische Bestimmung zugrunde. Rasierklingen und Ketten werden plötzlich mit eindeutigen unumgänglichen Bedeutungen versehen, Zustandsbeschreibungen (von Schlägereien, Abriss-Rock-Feten) gehen geschwind in symbolische Handlungen über. Und als solche sind sie frei verfügbar für alle, die meinen, daran teilhaben zu können.

Ihr Zustand indes verpflichtet sich emphatisch dem Augenblick, der immer wieder mühsam der Zeit entrissen werden muss. Manchmal hektisch und angestrengt, ein anderes Mal launisch-improvisierend. Sie antizipieren das Schon-Erlebte und widerrufen das Noch-Nicht-Erlebte. Erstickter Atem, fahrige Gesten, künstliche Körperteile. Dass ihre Selbstinszenierungen auch erdachte sind, nicht nur intuitiv erlebte, machen gezieltere Aktionen (wie z. B. »Rock gegen Rechts«) deutlich. Ihr Denken jedoch erscheint vorrangig als ein ästhetisches Wissen, das natürlich auch vor Selbstmystifikationen nicht zurückschreckt (siehe »Talking heads«). Dass nämlich jenseits aller spontanen, unverrückbaren Beweggründe die End-Zeit idealisiert, ja zum Dekor stilisiert erscheint, dass ekstatische Abgesänge gesungen werden, um schnell der Zeit noch das Letzte zu entreißen, ist nicht zuletzt auch ein Motiv der Dekadenz, nicht weit entfernt von den Parolen eines Marinetti: »Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit … Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit …«

Wenn man so auf Detonationen setzt, den Knall goutierend, verliert man nach und nach sein Unterscheidungsvermögen, und es ist plötzlich ganz egal, wer oder was getroffen wird, wie oder wo etwas zerreißt. Spiel und Gewalt verlieren sich aneinander: »Schönheit gibt es nur noch im Kampf.« Demnach bleibt nur noch eins: sich ganz nahe zu sein und sich (in der Nähe) tödlich zu verbrauchen. Und schließlich? Vereinzelung, ein Vor-Schein, der nichts und alles zugleich illuminiert.

Mit dem unverblümten Augenblick hat sich der Zeitgeist Zutritt zu ihrer Runde verschafft.

Und langsam beginnen die Typen nicht mehr das Letzte zu sein. Salonfähig geworden, zerreiben sie sich an den Abnutzungserscheinungen der Zeit. Einer Zeit, die immer ihren eigenen Abläufen hinterherläuft, Zeit-Erscheinungen produziert, die natürlich möglichst »echt« und folgerichtig sein sollen, wie diese unruhigen Jugendlichen. Jedoch mit diesen Zuschreibungen lässt sich schlecht leben, sobald sie nämlich ausgesprochen sind, formen sie Klischees und strafen sich selber Lügen.

Von der Renitenz und Unbeugsamkeit bleibt, öffentlich einsehbar zumindest, recht wenig zurück. Einzig der böse Blick will sich nicht eingemeinden lassen. Die Augen ruhen in mandelförmigen, elliptischen Ornamenten – weiß, schwarz oder blau. In den Umgrenzungen verschwindet das Lid, verflüchtigt sich die Augenbraue. Nur Iris und Pupille flackern unbeständig; unnachgiebig machen sie andere, vorbeieilende Augen auf sich aufmerksam, die sich vergeblich in ihnen zu spiegeln versuchen.

Mona Winter


Kursbuch 65 vom Oktober 1981, 134 ff.

Überraschung

Jahr: 1981
Bereich: Freizeit '81

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