Flusslandschaft 1961

Nazis

Im November 1959 wurde in einem Lokal in Karlsruhe die vom Sozialistischen Deutschen Stu-
dentenbund
(SDS) initiierte Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz – Dokumente zur NS-Zeit“ er-
öffnet. Zum Teil qualitativ schlechte Fotokopien von Sondergerichtsurteilen, Justiz- und Perso-
nalakten, auf einfachste Art zusammengefasst, nennen Namen von Juristen und ihre Nachkriegs-
karrieren, liefern die Belege für die „Unrechtsurteile“ und verweisen ebenso auf die strukturelle Untätigkeit bei der Verfolgung von NS-Tätern, die weiterhin in der Justiz der Bundesrepublik Dienst tun. Die Ausstellungsmacher um den Westberliner Studenten Reinhard Strecker stießen bei bundesdeutschen Archiven auf Ablehnung. Sie erhielten keinen Zugang. Archive in Prag, Warschau und Berlin (DDR) öffneten dagegen ihre Tore. Strecker und seine Freunde erleben später öffentli-
che Anfeindungen, geheimdienstliche Überwachung und persönliche Bedrohung. In München wei-
gert sich 1961 die Universitätsleitung, die Ausstellung zu zeigen. Daher sind die Studierenden ge-
zwungen, ins studentische Milieu auszuweichen, ins Schwabinger Atelierhaus Eickemeier im Hof der Leopoldstraße 38a. (Hier, im ebenerdigen Ateliergebäude mit einstöckigem Seitenturm, traf sich in der Nazizeit die Widerstandsorganisation Weiße Rose. Im Keller wurden die Flugblätter ab-
gezogen. Im September 1961 werden sowohl das Vordergebäude wie das Ateliergebäude abgeris-
sen. Das Vordergebäude bildet heute den linken Flügel der Leopoldstraße 34.) Im Treppenaufgang des Atelierhauses hängt eine handgeschriebene Wandzeitung: „Wenn hier ca. 400 Akten ausliegen, so haben wir weit über 4.000 gesehen. Ebenso könnten hier andere Akten gezeigt, andere Richter benannt werden. Die hier genannten sind nicht schwerer als andere belastet. Sie stehen stellvertre-
tend. Es geht nicht um die Belastung einzelner, wir fordern eine generelle Überprüfung. Können auf Grund der bestehenden Verordnungen belastete Richter nicht ihres Amtes enthoben werden, so hat der Gesetzgeber einzugreifen: Das Potsdamer Abkommen verpflichtet ihn, das Grundgesetz gibt ihm in § 131 die Möglichkeit dazu.“ Die Ausstellung hat das Ziel, die Behörden zu veranlassen, Ermittlungen gegen Nazi-Juristen einzuleiten und Anklage zu erheben. Es geschieht nichts; die Ausstellung befördert nur die weitere Abgrenzung der SPD vom SDS und führt in München zu einer weiteren Auseinandersetzung der Liberalen Hochschulgruppe des LSD mit der Münchner FDP.

In einer Ausstellung „Massenmord im Zeichen des Hakenkreuzes“ im Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen weist Rolf Seeliger auf die Verstrickungen von Staatssekre-
tär Globke in der Nazizeit hin.1


1 Siehe „Zur Person“.

Überraschung

Jahr: 1961
Bereich: Nazis

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