Materialien 1982

„Eine Streitschrift für einen Rückschritt zum Fortschritt“ ...

Buchbesprechungen, Lesetipps, Kultur ..

Nicola Schulz & Karl Heinz Albers: Nicht nur Bäume haben Wurzeln, Trikont-dianus 1982, 246 S., DM 16,-.

„Eine Streitschrift für einen Rückschritt zum Fortschritt“ nennen die beiden aus der 68er Apo-Generation stammenden Autoren ihr Buch im Untertitel. Immer noch verstehen sie sich als Linke, konservativ geworden und revolutionär geblieben. Sie haben inzwischen erkannt, dass die sog. Befreiung, die allein in der konsequenten Abkehr vom Alten, Tradierten und historisch gewachsenen Bestand den Keim des Scheiterns bereits in sich trug. Die teilweise völlig unvermittelt und zusammenhanglos an v.a. Schüler, Lehrlinge und junge Arbeiter herangetragenen „progressiven“ Ideen, die diese oft sinnlos überforderten, werden nun radikal in Frage gestellt. Tabus werden geknackt, heiße Themen angegangen und diskutiert, um die sich die Linke jahrelang mit einigem Erfolg herumdrücken konnte.

Die Autoren setzen sich mit Fragen und Problemen wie Heimat, Regionalismus – Nationalismus, Fremdarbeiter, Liebe – Moral – Sexualität, Familie etc. auseinander. Marxismus und Psychoanalyse sind für sie längst keine starren Dogmen mehr, vielmehr Wege zu den Quellen. Wohl wissend, dass sowohl konservative Heimattümelei, die irgendwann im Sufferlebnis eines Trachtenvereins endet, als auch der Mythos des Internationalismus, der sich bereits zweimal als Seifenblase entpuppte, als die Proletarier aller Länder begeistert auf sich einschlugen, ihren verdienten Platz im historischen Abseits haben, wird ein Nationalismus begrüßt und gefordert, der sich gegen Großmachtpolitik, supranationale Bürokratien und Ideologien, gegen die weltweite Modernisierung und Nivellierung der unterschiedlichen Räume, Kulturen und Ethnien wendet. Dieser revolutionäre Befreiungsnationalismus, für den auch wir Nationalrevolutionäre kämpfen, wird ganz zu Recht als antikapitalistisch und antiimperialistisch begriffen.

Im Kapitel „Fremdarbeiter“ plädieren die Autoren u.a. für „verfahrensmäßige Erleichterungen sowie aufklärende Propaganda für die Rückführung möglichst vieler Ausländer in ihre Heimatländer“, wobei die Finanzierung der Rückführung durch die „Schadensverursacher, die vom Arbeitskrafttransfer-System profitierenden deutschen Wirtschaftsunternehmen“, zu leisten ist.

In „Liebe – Moral – Sexualität“ werden Fragen aufgeworfen, dass es unseren ach so fortschrittlichen Linken eiskalt den Rücken herunterlaufen muss. Die durch die Pille ermöglichte „freie Liebe“ definieren die Autoren primär als „ichbezogene Lustbefriedigung am Objekt“ und behaupten obendrein, dass unbeschwertes Bumsen mit und ohne Verliebtheit nichts mit Liebe, aber sehr viel mit Oberflächlichkeit, Einsamkeit, Verlorenheit und armseliger Traurigkeit zu tun habe. So trat an die Stelle der überholten repressiven Moral die neue Moral der kapitalistischen Warengesellschaft: „Aufreißen, auslutschen, wegwerfen.“ Diese neue Moral der sozialliberalen Fortschrittseuphoriker hinterließ aber nur noch mehr Isolation, Bindungsunfähigkeit und Abstumpfung, war also um keinen Deut besser als die alte, die zwar auch massenhaft Untreue und Seitensprünge produzierte, jedoch nie mit dem verlogenen Anspruch der „großen Freiheit“ hausieren ging, der sich schließlich als pure Illusion der Freiheit herausstellte.

Schulz/Albers stellen die Bewegung der „Neuen Innerlichkeit“ vor, deren Rufe nach den verlorenen Werten wie Bindung, Halt, Nähe, Wärme, Zärtlichkeit, Treue und Liebe sicher nicht unkritisch übernommen, aber doch als potentiell subversiv angesehen werden. Auch die Institution Familie erfährt eine äußerst differenzierte Beurteilung. Davon ausgehend, dass praktizierbare alternative Formen nicht in Sicht sind, wird eine bloß negierende Kritik radikal linker und feministischer Kreise an Ehe und Familie abgelehnt, da diese Art Kritik oft nur die eigene psychische Deformation, Verantwortungs- und Bindungsangst beweise.

Sieht man einmal von wenigen Unsachlichkeiten ab (z.B. werden die Nationalrevolutionäre als „rechts“ und Henning Eichberg als „rechter Chefdenker und Reaktionär“ gehandelt), so ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der sich endlich von dem tödlich langweiligen Stuss der meisten linken Schriften, in denen das „Friedensgelalle“ (Cohn-Bendit) inzwischen zum Ritual heruntergewirtschaftet ist, emanzipieren will. Jene Genossen, deren Denkmuster in den überlebten Strukturen des großen Disziplinierungsapparats der Lohnabhängigen steckengeblieben sind, oder Leute wie der az-Redakteur Willi Hau, der in der Juli-Ausgabe der irgendwo zwischen DKP und SU-freundlichem Teil der Friedensbewegung angesiedelten Frankfurter Zeitschrift in einer von dummdreisten Plattheiten nur so wimmelnden Polemik gegen Rudolf Bahro Sätze wie „Konservative Kultur, das ist der muffige Dunst treu-deutscher Dackel-Doggen und Gartenzwergidylle“ auskotzt, werden das Buch ohnehin bald angeekelt zur Seite legen. Wer aber aus dem linken Ghetto, dieser Sackgasse der Orientierungslosigkeit, der abgehalfterten und ausgebufften Schein- und Pseudoperspektiven herauswill, der findet hier in der Tat eine wahre Fundgrube an Provokationen und Anstößen, Fragen, Antworten und ehrlichen Gedanken.

W. Olles


Aufbruch. Beiträge zur nationalrevolutionären Politik 4/1983, 29.