Materialien 1988

Thesenpapier für eine Rede zur „Münchner Linie“

1. Es besteht grundsätzlich ein Zusammenhang zwischen katholischen, reaktionären Ordnungspolitikern und Basisbewegungen: in den Augen katholischer Konservativer sind Basisbewegungen immer noch etwas zutiefst sündhaftes. Es gibt eine Gleichsetzung von Basisbewegung, Weiblichkeit, Volksaufstand, deren Ursprünge gerade in Bayern bis ins Mittelalter zurückzuverfolgen sind. (Aufgearbeitet wurde diese These vor allem von Theweleit) Hieraus folgt, dass die Reaktion konservativer katholischer versteinerter Politiker auf (auch kleinste) Bewegungen von unten oft etwas irrationales bekommen. Es steht sozusagen: unbewegliches/machterhaltendes um jeden Preis gegen eine nicht klar zu definierende Bewegung von unten. Gerade im katholischen Bayern sollte dieser Aspekt nicht unterschätzt werden. Äußerungen von Politikern, die Bewegungen von Unten immer mit Schmutz und Sexualität in Verbindung bringen, belegen dies (aber dies nur vorneweg).

2. München wird konkret zur Weltstadt ausgebaut. Hier konzentrieren sich Rüstung, High-Tech und seit neuestem Gentechnologische Anlagen. 60 Prozent des bundesdeutschen Rüstungsetats werden im Großraum München verbraten etc. Um diesen Ausbau auch voranzutreiben wird die gesamte Infrastruktur des Großraumes München dementsprechend umgebaut: Fluchhafen München II, Ausbau des Autobahnringes (mit eigenem Anschluss für MAN und MTU) und einer auch für militärische Nutzung nötigen Eschenrieder Spange, Ausbau des Münchner Nordostens und des gesamten Münchner Westens zum Gewerbegebiet, Kulturvollzugsanstalt Gasteig, Sanierung in München bedeutet gleich das Verschwinden für ganzer Häuserblocks: Europäisches Patentamt, Elisenhof, Kunstblock, etc. München ist also eine zum Wirtschaftswachstum verdammte Stadt geworden, dafür wird sie auch auf allen politischen Ebenen ausverkauft, wo es nur nachgefragt wird.

Anders ausgedrückt: München hat sich voll und ganz an die internationalen Kapitalströme verkauft. Dies war/ist vor allem möglich, da München als alte Beamtenstadt noch jede Menge Gewerbeflächen freihatte, was in den norddeutschen Industrieregionen nicht der Fall war.

3. Die Kapitalzentren wollen natürlich geschützt werden. Hier soll der reibungslose Ablauf gewährleistet werden. Insofern unterscheidet sich die Mentalität der bayerischen Staatsregierung/Stadtverwaltung nicht vom Verhalten in einer Kolonie: sie wollen Ruhe im Land. Keine Störung an den Glitzerfassaden , keine Bewegungen, die den Ablauf stören, wer gegen die Zerstörung ist, ist gegen den Fortschritt etc.

4. Die Sicherheitsprobleme in den Kapitalzentren sind natürlich dementsprechend hoch:

a. einmal, weil als Kehrseite der Medaille eine immense „neue“ Armut in München herrscht: mindestens ein Viertel der Münchner Bevölkerung sind arm. Dies sind offizielle Zahlen. Der Wunsch nach Umverteilung/bzw. der Reiz der Glitzerfassaden führen zu dementsprechenden Delikten (München hat am meisten Banküberfälle etc.)

b München ist als Arbeitsplatzmarkt begeht. Aus dem gesamten Bundesgebiet ziehen Menschen nach München. Dementsprechend sind die Obdachlosenzahlen.

c. Es findet eine Vertreibung der eingesessenen Bevölkerung aus den begehrten Innenstadtrandgebieten an die Peripherie statt!

5. Dementsprechend wittern die bayerischen Sicherheitspolitiker immer und überall die Gefahr des Verbrechens. Im Kopf dieser Politiker setzt sich das Verbrechen zusammen aus allem, was den geordneten Abläufen (des Kapitals) entgegenstehen könnte. Deswegen wird versucht, Ordnung in den kleinsten Abläufen durchzusetzen! Seien es die Penner in der Konsumfängerzone, die weg müssen, sei es, dass der Fluss des Verkehrs wichtiger ist als eine Demonstration.

6. Ziel der „Münchner Linie“ (so sie so genannt werden kann) ist es, es gar nicht erst zu Auseinandersetzungen kommen zu lassen. Die Auseinandersetzung muss im Vorfeld verhindert werden.

7. Hierfür ist eine genaue Kenntnis der Münchner Szene notwendig. Interne Querelen werden ausgenutzt. Hier kommt die Abkapselung der Münchner Gruppen untereinander gerade recht. Die Szene hat den internen Diskussionsprozess nie geschafft. Gruppen können sich mit ihrem Weltbild eingraben und seit Jahren auf dem gleichen Stand sein (Musterbeispiele: Arbeiterbund, MG).

8. Trotz sehr viel brennenderer Probleme als beispielsweise in Berlin. z.B. im Bereich der Wohnungsnot, gab es in München nie einen massenhaften militanten Widerstand. Sie müssen also sowohl keine Angst davor haben als auch sicher sein, dass es nicht dazu kommt. Sie können also im Hintergrund agieren und wissen, dass damit der Widerstand abgefangen wird, bevor er sich im Stadtbild zeigen kann.

9. Für andere noch zu kolonisierende Regionen – Oberpfalz – ist das unter der Decke halten noch in der Erprobungsphase …


Autonomes Material, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung.

Überraschung

Jahr: 1988
Bereich: Alternative Szene

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