Materialien 1993

Die „Freunde des Bieres“

Die beiden Studentenschaften Münchens leben in verschiedenen Welten

Jörn Wellniak schämt sich. „Ich habe Stoiber die Hand gegeben“, klagt der AStA-Sprecher der Technischen Universität München. „Wie konntest du so tief sinken?“ fragen seine AStA-Kollegen spöttisch.

Ganz einfach: Die TU München feierte in der vergangenen Woche ihr 125jähriges Jubiläum. Und weil der Freistaat Bayern die Gelder für die Universitätsbibliothek soeben ganz heftig gekürzt hat, postierten die Studenten vor dem Audimax. Doch die Beziehungen zwischen Unileitung und Studentenvertretung sind nicht schlecht, deshalb war die Aktion vorher abgesprochen. Auch die prominenten Gäste waren vorgewarnt, und die zeigten sich huldvoll.

Der bayerische Ministerpräsident Stoiber und sein Kultusminister Zehetmaier überreichten dem verdutzten Wellniak einen Gutschein über 125.000 Mark. Der wollte eigentlich erklären, dass es eine Frechheit sei, wenn dieselben, die den Unis das Geld wegnehmen, nun mit großer Geste einen Bruchteil davon zurückerstatten. Doch Stoiber hielt nur lächelnd die Hand hin, und Wellniak schlug ein.

Studentenvertreter sind links. So will es das Klischee seit anno 68. Aber stimmt es noch? Geistern die Studenten heute nicht viel öfter als Karikaturen durch die Köpfe der Öffentlichkeit – als angepasster Karrierist Marke Betriebswirt, als humorlose Soziologiestudentin, als linkischer Informatiker und eben auch als kleiner Möchtegern-Revoluzzer vom AStA?

Manchmal stimmen die Klischees von früher dann doch noch – wenigstens auf den ersten Blick. Niemand käme auf die Idee, die Studentenvertreter der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), Münchens anderer Alma mater, nach ihrer politischen Orientierung zu fragen. Hier ist links noch links, und Stoiber wäre mit faulen Tomaten beworfen worden. Die studentische Satzung der LMU bekennt sich zu Antisexismus, Antirassismus und Antifaschismus, während die TU-Satzung nur die Arbeitsweise der verschiedenen Gremien festschreibt. Ist in Papieren der LMU-Studentenvertretung von „StudentInnen“ die Rede, haben sich die TUler diplomatisch auf „Studierende“ geeinigt. Gelten die TU-Studentenvertreter an der Nachbaruni oft als brave „Geschaftlhuber“, zeigen sich diese von den an der LMU nicht seltenen Fehden zwischen AStA-Vorstand und Frauenreferat, zwischen Jusos und Sozialistischer Arbeitergruppe verwirrt. Dass an der TU zwar der unionsnahe Ring Christlich-Demokratischer Studenten keinen Fuß in die Tür bekommt, dafür aber der eine oder andere Fachschaftier heimlich in der CSU oder der Jungen Union ist, ist fast kein Geheimnis.

An den Gegensätzen sollt ihr sie erkennen. Statistisch gesehen sind die Studenten der TU München politische Aktivisten im Vergleich zu ihren Kommilitonen an der Ludwig-Maximilians-Universität. Über 37 Prozent der TU-Studenten wählten im vergangenen Sommer ihre Vertreter in die universitären Gremien. An der Ludwig-Maximilians-Universität waren es nur 14,3 Prozent. Aber an beiden Unis gibt es bei den Gremienwahlen seit Jahren immer denselben Sieger: Die Liste für Fachschaften und AStA (Litfas) an der TU, die Liste für AStA und Fachschaften (LAF) an der LMU. Die Namen der Schwesterlisten zeugen von dem kleinen, aber feinen Unterschied zwischen den Studentenvertretern von TU und LMU. An der TU stehen die Fachschaften an erster Stelle – nicht nur im Namen der Liste. Ihre Arbeit – am sichtbarsten sind die Betreuung der Erstsemester, der Skriptenverkauf und das TUnix-Festival – überzeugt die Ingenieure in spe vom Sinn einer funktionierenden Vertretung. Dagegen ist es an der LMU nur wenigen der 45 Fachschaften gelungen, ein befriedigendes Serviceangebot zu organisieren. Vieles existiert sowieso nur auf dem Papier. Zur großangekündigten Diskussionsveranstaltung „Uni: Gute Nacht“ kamen nur knapp hundert Studenten – von 65.000.

Solche frustrierenden Erfahrungen machen Wellniak und seine Kollegen an der TU selten. Kommen einmal zuwenig Studenten auf eine Vollversammlung, dann setzen die Veranstalter eben eine neue an und stellen zur Strafe den Skriptenverkauf ein. Wellniak betont, dass die TU-Studentenvertreter sich strikt an die Vorgaben halten, die die Studenten ihnen geben. Dirk Joußen vom LMU-AStA hingegen glaubt, auf diese Weise nicht zu „vernünftigen Beschlüssen“ kommen zu können.

Joußen weiß aus Erfahrung: Geht der AStA an seiner Uni ohne vorformulierte Vorschläge in eine Vollversammlung, kommt wenig dabei heraus. Bieten sie aber fertige Konzepte, dann beschwert sich unter Umständen jemand, dass „hier was von oben aufoktroyiert“ werden soll. Er wünscht sich deshalb ein Comeback der politischen Hochschulgruppen: „Als es noch die Verbände gab, waren 200 bis 300 Leute organisiert und haben richtig tikern bei einem Picknick über Ökologie geredet“, erzählt Johanna. „Anschließend sind die aufgestanden und haben ihre Plastikteller einfach auf der Wiese liegenlassen.“

Auch der Umgang miteinander wird als schwierig empfunden. Johanna erinnert sich an ein gesamtdeutsches Studententreffen. Die Ostler hätten bemerkt, dass jemand für das Abendessen sorgen müsse, und wären in der Küche verschwunden. „Die Westler dagegen diskutierten angestrengt. Als sie auf das Thema Unis in den neuen Ländern kamen, fragten sie auf einmal verwundert: ,Wo sind denn eigentlich die Ossis geblieben?’“ Er erinnert er sich: „Heute haben wir nur noch verfeindete Einzelpersonen, jeder kämpft für sich. Und viel Wissen über Hochschulpolitik ist auch verlorengegangen.“ Die TUler sind hingegen stolz darauf, dass die Hochschulgruppen, egal ob rechts oder links, bei ihnen nie reüssieren konnten. Zur Zeit – die Hochschulwahlen stehen gerade vor der Tür – macht nur eine Liste namens „Freunde des Bieres“ den Lokalmatadoren Kopfzerbrechen.

Studentenvertreter wie die an der Technischen Universität München sind weder ein rein bayerisches Phänomen, noch gibt es sie nur unter den Ingenieuren und Naturwissenschaftlern, glaubt Jörn Wellniak. Politisch interessiert, aber nicht „politisiert“, machen sich die TU-Studentenvertreter keine Illusionen über das Engagement ihrer Kommilitonen. Sie nutzen das Desinteresse der Basis auch nicht, um möglichst ungestört ihren politischen Striemel durchzuziehen; dafür neigen sie zu Vereinsmeierei und zum Fachschaftspatriotismus. Obwohl das „allgemeinpolitische Mandat“, das Recht, sich im Namen der Studenten zu allen politischen Fragen zu äußern, auch zum Selbstverständnis der TU-Studentenvertreter gehört, machen sie davon weniger Gebrauch als ihre Kommilitonen an der LMU. Die kleine Welt der Elektrotechnik oder des Bauwesens ist manchem Fachschafter wichtiger als hochschulpolitische Probleme oder gar Somalia und Jugoslawien.

Professoren und Präsidenten schätzen diesen neuen Typus. „Unsere Studenten arbeiten konstruktiv in allen Gremien mit, und weil sie konstruktiv arbeiten, hört man auch auf sie“, lobt Präsident Meitinger. „Ich sage ihnen immer: Wenn ihr euch für die Verbesserung von Forschung und Lehre einsetzt, dann sitzen wir in einem Boot.“ Meitinger erinnert stolz an eine Demonstration gegen volle Hörsäle: Als Höhepunkt des Protests hielten TU-Professoren auf Münchner Plätzen unter freiem Himmel Vorlesungen. Für Meitinger liegt der Zusammenhang zwischen der Ausrichtung der Universität und den politischen Neigungen der Studenten auf der Hand: „Wir haben halt keine Soziologen und Politologen, und Ingenieure sind eben doch etwas pragmatischer.“

Gregor Kurseil


Die Zeit 27 vom 2. Juli 1993; www.zeit.de/1993/27/Die-Freunde-des-Bieres.

Überraschung

Jahr: 1993
Bereich: StudentInnen

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