Materialien 1996

„Ich bin ein Sünder“

Satirisches von Johannes Glötzner

Gideon geht um an bayrischen Schulen: Verstärkt in diesem Schuljahr suchen die wackeren Man-
nen des Gideonbundes, mit dem Segen des bayrischen Kultusministeriums und der bayrischen evangelisch-lutherischen Landeskirche versehen, bayrische Schulen auf und verteilen dortselbst an alle Schülerinnen und Schüler wahl- und kostenlos Bibeln, Bibeln, Bibeln: kleine handliche DIN-A 7-formatige Neue Testamenter samt Psalmen und Sprüchen, apokryphen-, aber nicht kommentar-
frei. Die Bibel spricht ja bekanntlich nicht für sich selbst, sie muss erläutert und erklärt werden, die SchülerInnen wollen in sie eingeführt werden. Solches macht Gideon so:

„DIE BIBEL zeigt den Willen Gottes, die Situation des Menschen, den Weg zum ewigen Leben, das Schicksal des Sünders und die Freude des Glaubenden. Ihre Lehren sind göttlich, ihre Gebote bin-
dend und ihre Berichte wahr. Lesen Sie darin,
  um die Wahrheit kennenzulernen. Glauben Sie ihr, um für immer gerettet zu werden, und leben Sie danach! Die Bibel gibt Antwort auf Lebens-
fragen, Trost und Hilfe in Not, bleibende Freude und wahren Frieden … Der Verantwortung ge-
genüber Aussagen der Bibel kann sich keiner entziehen.“

Folgerichtig werden die bayrischen Schülerinnen und Schüler in dieser Gideon-Bibel aufgefordert, folgende Erklärung mit Datumsangabe zu unterschreiben:

„Ich bekenne, dass ich ein Sünder bin, und ich glaube, dass der Herr Jesus Christus für meine Sünden am Kreuz gestorben und zu meiner Rechtfertigung auferstanden ist. Ich nehme Ihn jetzt an und bekenne Ihn als meinen persönlichen Erretter.“

Aufgrund einer Anfrage im Bayerischen Landtag (betreffend „Missionstätigkeiten an Schulen“) teilte das Kultusministerium am 21. März 1996 mit, dass ihr dies alles einschließlich diesem zu unterschreibenden „Entschlussbekenntnis“ bekannt sei und verweist auf die rechtliche Lage: „Nach den Schulordnungen dürfen Druckschriften in der Schulanlage an die Schüler nur verteilt werden, wenn sie für Erziehung und Unterricht förderlich sind und keine kommerzielle oder politische Werbung enthalten.“ Das sei hier erfüllt, denn: „Der evangelisch-lutherische Landes-
kirchenrat hat meinem Haus auf Anfrage bestätigt, dass er die Verbreitung von Gideon-Bibeln an evangelische Schüler im Rahmen des evangelischen Religionsunterrichts begrüßt und unterstützt. Die in den Schulordnungen festgelegte rechtliche Voraussetzung für die Verteilung von Druck-
schriften an Schüler, dass sie für Erziehung und Unterricht förderlich sein müsse, ist insoweit er-
füllt. Deswegen habe ich dem Gideonbund mitgeteilt, dass ich mit der Verbreitung seiner Bibeln in der genannten Weise einverstanden bin.“

Nur: Die Gideonbundleute scheren sich einen Dreck um solche für sie allzu vagen Einschränkun-
gen des von ihnen verehrten Herrn Kultusministers, fühlen sich wohlaufgehoben unter seinem väterlichen Schutz, fackeln und fragen nicht lange nach Religionszugehörigkeit und/oder Frequen-
tierung des evangelischen Religionsunterrichts, sondern drängen jedem Schulkind, das sich in den Pausenhof oder pausenbrotschnabulierend in die Aula wagt, ihr Bibelchen samt Droh- und Be-
kenntnispassagen auf. Und das Kultusministerium weiß und fördert das, denn es antwortet auf die Anfragen-Frage „Ist der Staatsregierung bekannt, dass es sich hier um deutliche missionarische Aktivitäten handelt?“ folgendermaßen: „Ziel der Aktivitäten des Gideonbundes ist die Verbreitung von Bibeln in allen Kreisen der Bevölkerung. Insofern trifft es zu, dass er missionarisch tätig ist.“

Und so trifft es auch zu, dass das bayrische Kultusministerium bewusst und kaltschnäuzig gegen das Grundgesetz verstößt und – wie auch sonst – verfassungsfeindliche Aktivitäten zulässt, fördert und sogar anordnet.

Und gerade die Gideon-Bibel passt doch Herrn Zehetmair bestens in seinen konservativen Kram, besonders die Sprüche, mit denen sie schließt und am besondersten die letzten (wobei auch noch ein besonderer Akzent auf die Förderlichkeit für den Deutschunterricht gelegt werden kann):

„Lob der tüchtigen Hausfrau: Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köst-
lichsten Perlen … Lieblich und schön sein ist nichts; ein Weib, das den HERRN fürchtet, soll man loben. Gebt ihr von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke sollen sie loben in den Toren!“

Womit wir wieder beim Kultusminister, seinen Mitarbeitern und Helfershelfern wären.


Mitteilungen der Humanistischen Union 154 vom Juni 1996, 49 f.

Überraschung

Jahr: 1996
Bereich: Religion

Referenzen