Materialien 2010

Eine distanzierte Betrachtung der Münchner Linken

Am 30. April ist es mal wieder so weit. Nachdem die hiesige Linke sich bereits im Januar auf einer „Diskussionsveranstaltung zu linksradikaler und antifaschistischer Praxis in München“ kräftig auf die Schultern geklopft hatte, weil das „letzte Jahr … nicht unbedingt schlecht für die radikale Linke in München“ verlaufen sei und es „im Rückblick betrachtet eine Vielzahl von Aktionen, Diskus-
sionen, Mobilisierungen zu verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Entwicklungen“ gegeben habe, bereitet man nun eine große Demonstration vor, die laut Aufruftext „die Vielfalt emanzipatorischer Bewegungen mit ihren verschiedenen Herangehensweisen und Aktionsformen mit einem gemeinsamen Ausdruck zusammen“ bringen soll. Mit anderen Worten: Man plant eine groß angelegte Werbeaktion.

Das ist durchaus typisch für die lokale linke Szene, die sich mächtig etwas darauf einbildet, von den Diskussionen und Brüchen, die es in allen anderen größeren deutschen Städten gibt, verschont geblieben zu sein und die sich absolut immunisiert hat gegenüber Denkanstrengungen und Posi-
tionierungen, die nicht den antikapitalistischen, antirassistischen und antisexistischen Konsens reproduzieren. Man ist hier unter sich. Alles – das heißt genauer: fast alles – ist erlaubt. Solange niemand „einseitig“ für Israel Partei ergreift oder den Islam als Feind jeglicher Emanzipation de-
nunziert, kann man in den Szeneläden ungestört und unbehelligt für alles und nichts, eben „für ein ganz anderes ganzes“ sein, das niemandem weh tut.

Führt man sich die diversen Aufrufe der Gruppen, die in trauter Eintracht gegen Kapitalismus auf die Straße gehen wollen, zu Gemüte, dann überkommt einen unwillkürlich die Erkenntnis, dass die Kritik der Münchner Linken nicht nur zahnlos ist, sondern peinlich zwischen verbaler Kraftmeierei und bemühter Ironisierung der eigenen Ohmacht pendelt. Denn wo kein Mut zur Subversion ist, sondern nur pseudoavantgardistisches Besserwissertum, wo den Verhältnissen gerade nicht ihre eigene Melodie vorgespielt wird, sondern gedankenlos antikapitalistische Phrasen abgespult werden, ja, wo das einzige Wagnis daran besteht, in der Öffentlichkeit ausgerechnet einen Bade-
mantel zu tragen, weil es „ein Kleidungsstück [ist], welches Entspannung, Zufriedenheit und Wohlbefinden impliziert“ (und nicht etwa intellektuelle Verkommenheit, soziale Verwahrlosung sowie die Absage an Schönheit als zu erstrebendes Gut), da ist der linksradikale Aktivismus nichts anderes als ein Hobby, das man sich bis zum Ende des Studiums leistet.

Jeder Beteiligte profitiert von diesem sozialen Netzwerk, sei’s wegen des Erlernens wichtiger skills („Sozialkompetenz“, „Teamarbeit“, Organisieren etc.), sei’s ob des Knüpfens wichtiger Kontakte, sei’s aufgrund der Schulungen im postmodernen oder sonstwie ideologischen Jargon des geistes-
wissenschaftlichen Milieus.

Zwar wirken die Flugschriften und Kommuniqués, die sie verfassen, bisweilen etwas altmodisch – wie alles in dieser Stadt (sogar das Kokettieren mit der „Schickeria“ versprüht noch immer den kleinbürgerlichen Humor der TV-Serie Kir Royal aus den 80er Jahren). Aber anschlussfähig sind sie allemal: Die Überwindung „einer Wirtschaftsweise, in der in erster Linie nach dem Profit und nicht nach den Bedürfnissen der Menschen richtet [sic!]“, fordern auch ausnahmslos alle Parteien im Deutschen Bundestag; Attac und andere Besessene sowieso. Dass man sich dabei im „Wider-
stand“ wähnt, wo man doch in Wahrheit eine vom Staat nicht bloß geduldete, sondern alimentierte Subkultur ist, gehört zum radical chic. Richtig ernst nimmt es niemand, weil jedem klar ist, dass es um nichts geht und alles irgendwie nur Spaß ist.

Das große Geheimnis der Subversion ist die Kritik. Sie hat nichts mit dem Nachäffen der proleta-
rischen Sprache der KPD oder der autoritär-abgeklärten der Marxistischen Gruppe zu tun, sondern ist eins mit der Bereitschaft, sich von Erfahrungen auch dann beeindrucken zu lassen, wenn sie der eigenen Weltanschauung widersprechen. Ideologiekritik bedeutet demnach nicht, zum x-ten Mal das Fetischkapitel herunterzubeten oder den ahnungslosen Massen die Tatsache der unbezahlten Mehrarbeit zu erklären, sondern die reaktionären, zivilisationsmüden und zunehmend wahnsinni-
gen Anwandlungen der Mehrheit der Bevölkerung ins Visier zu nehmen. Dazu gehören nicht zu-
letzt der geradezu verbrecherische „Pazifismus“ der Linkspartei und die berechtigte Israelkritik des ideellen linksradikalen Gesamtmünchners vom Internetblog Bikepunk, die Vergewaltigerhatz des „Antisexistischen Aktionsbündnisses“ und der Neo-Gesellianismus der veganistischen DIY-Frakti-
on.

Aus all dem folgt: Die Linke, speziell die in München, muss endlich ein Objekt materialistischer Kritik werden. Es braucht Ruhestörer, damit die Harmonie aufbricht und der subkulturelle Opportunismus jede Anziehungskraft verliert. Wir versprechen: Wir werden von uns hören lassen.

gruppe monaco /// verein freier menschen (ao) im April 2010.


Manuskript, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung