Flusslandschaft 1978

SchülerInnen

Kultusminister Hans Maier, Mitbegründer von „Mut zur Erziehung“, meint am 21. April in Wies/Steingaden bei der Katholischen Landvolkbewegung : „Haben Sie Mut zur Erziehung, Mut zum Widerstand … Nicht das Treibenlassen im Strom der Triebwelt und selbstherrliche Emanzipation machen frei, sondern die Zustimmung zur Ordnung … Es ist in unserer komplizierten Massengesellschaft unverzichtbar, dass Menschen gelernt haben, pünktlich, aufmerksam, verträglich, friedfertig und ruhig zu sein …“

Im Unterschied zum Dokumentarfilm „Hitler — eine Karriere“, den Joachim C. Fest und Christian Herrendoefer 1977 drehten, lehnt die 15köpfige Gutachterkommission der Staatlichen Landesbildstelle Südbayern, eine Abteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, den Einsatz des im gleichen Jahr von Theodor Kotulla gedrehten Films „Aus einem deutschen Leben“ im Unterricht ab. Kritiker bemängeln an Fests Film, dass er die Geschichte des Nationalsozialismus auf Hitler fokussiere und damit Geschichte personalisiere und dass es ihm nicht gelinge, mit seinen Kommentaren die emotionalisierende Sogwirkung der verwendeten Originalpropagandastreifen zu durchbrechen, dass inmitten der Wucht der faszinierenden Bilder, die die Sinne betäuben, der gesprochen Text lediglich „mit schwimmen“ könne, auf keinen Fall aber deren Wirkmächtigkeit breche und auch nicht Zusammenhänge verdeutlichen könne. Kotullas Film dagegen zeigt das Psychogramm des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß und fragt, welche Voraussetzungen ein normgerechtes Karrieremuster prägen, in dem sich Biederkeit, Kinderliebe, Belastbarkeit und pflichteifrige Untertanengesinnung mit grausamer Henkertätigkeit ergänzen. Kotullas Film hält den Deutschen einen Spiegel vor. Gerade auch deshalb wird der Film mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet und erhält das Prädikat „Besonders wertvoll“. Kultusminister Maier aber stellt sich hinter die Entscheidung der Landesbildstelle, der es in ihrer Ablehnungsbegründung unheimlich ist, dass Höß „durch ‘deutsche’ Tugenden (Pflichterfüllung, Gewissenhaftigkeit, Wertschätzung jeglichen Befehls) zu dem wird, was er wird … Der Film leitet eine Verallgemeinerung ab, eine Exemplarik, endlich eine Konnotation: Aus einem deutschen Leben = aus dem deutschen Leben“.1 Daraufhin protestieren Schülerinnen und Schüler: „Der Teufel ist in der Nähe des Guten zu finden – Zu dem Artikel ,Eine Bayerische Behörde und ein Deutsches Leben‘ in der SZ vom 16.10. Der Lehrplan für letztes Jahr behandelte u.a. das Dritte Reich, und im Rahmen dessen gingen wir in Kotullas Film. Nachdem wir dann diesen Artikel gelesen hatten, überlegten wir uns, ob es nicht verantwortungsbewußter ist, den Schülern Kotullas Film zu zeigen und ihnen damit eine der Möglichkeiten zu geben, den deutschen Faschismus aufzuarbeiten, als sie vor angeblichen Obszönitäten zu beschützen, welche ihnen ohnehin tagtäglich offeriert werden? Sollte man nicht eher das Zeigen dieses Films, das hilft, ,die Weltkatastrophe dieses Regimes als Produkt einer nachvollziehbaren, fast logischen, Entwicklung zu erfassen‘, fördern, anstatt es zu boykottieren? Betrachten wir z.B. einen Film wie Fests ,Hitlers Karriere‘, der eine Demonisierung der Person Hitlers fördert, also Resignation und als Folge daraus Passivität beim Publikum hervorruft. Kotullas Film dagegen zeigt, dass der ,Teufel‘ immer in der Nähe des Guten zu suchen ist, und diese Erkenntnis ist wichtig, um das kritische Denken jedes einzelnen zu fördern. Grotesk ist jedoch die Tatsache, dass die Gutachter der staatlichen Landesbildstelle Südbayern, obwohl sie den Film begriffen und richtig interpretiert haben, ihn dann, trotz ihres bewiesenen Denkvermögens, mit fadenscheinigen Begründungen ablehnen. Folglich stellt sich die Frage, welches sind die wahren Gründe für dieses Verbot? Diese Zensur fällt in die Reihe der bereits vollzogenen Verbote von Texten im Rahmen der Schulbücher (z.B. Biermann, Wallraff). Kann dies noch als demokratisch bezeichnet werden? Vielleicht sollten sich die Gutachter dieses Beschlusses Gedanken darüber machen, ob es in einer Demokratie nicht wichtiger ist, selbständiges Denken zu fördern, als es zu beschneiden. Klasse 11q des Willi-Graf-Gymnasiums, Borschtallee 26, 8000 München 40“2

„Das Bild des Führers befriedigt den doppelten Wunsch der Geführten, sich der Autorität zu unterwerfen und zugleich selbst Autorität zu sein. Dies entspricht einer Welt, in der irrationale Herrschalt ausgeübt wird, obwohl sie durch universelle Aufklärung ihre innere Überzeugungskraft verloren hat. Die Menschen, die dem Befehl der Diktatoren gehorchen, fühlen zugleich, daß diese überflüssig sind, und sie lösen diesen Widerspruch durch die Vorstellung, selbst rücksichtslose Unterdrücker zu sein.“3


1 Zitiert in Abendzeitung vom 14./15. Oktober 1978, 8.

2 Süddeutsche Zeitung 272/1978, 123.

3 Theodor W. Adorno: „Dir Freudsche Theorie und die Struktur faschistischer Propaganda“ In: Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt am Main 1971, 34 ff. hier 50.

Überraschung

Jahr: 1978
Bereich: SchülerInnen