Materialien 1986

Resignation auf voller Linie?

Die deutsche Bundespost – wer denkt da nicht an gemütliche, oder besser: faule Beamte; warum sonst braucht die Post immer ewig, kommt der Briefträger immer später, und – Hand aufs Herz – wer schreibt überhaupt noch Briefe bei DEM Porto? Kurz: Die Post geht nicht ab.

Doch warum macht sie schlapp? Max Kammerl, Personalratsvorsitzender im Fernmeldeamt 2, weiß es: „Wir sind total überlastet, zum Beispiel in den Störungsstellen. Da muss die Hälfte der früheren Mannschaft die inzwischen doppelte Arbeit leisten. Da ist es kein Wunder, dass 70 Prozent der Beschäftigten bei der Post vorzeitig in den Ruhestand gehen müssen aus gesundheitlichen Gründen.“

Ernst Edhofer, Gewerkschaftsvorsitzender im Fernmeldeamt 2, weiß Ähnliches zu berichten: „Viele von uns machen freiwillig unbezahlte Überstunden, weil ihnen die Kunden aufs Dach steigen.“

Nichts scheint also näher zu liegen, als den 530.000 Beschäftigten beim größten Arbeitgeber Europas neue Mitarbeiter zur Seite zu stellen. Aber der (Sonnen-)Schein trügt: Postminister Schwarz-Schilling setzt allein in diesem Jahr mindestens 8.500 Beschäftigte auf die Straße. Die Wende bei der Post – postwendend vollzogen. Die Entlassungen, so der Minister, seien „notwendig zur Haushaltssicherung“. Man kann es auch anders sagen: Schwarz-Schilling hat sich so sehr ins Kabel verstrickt, dass woanders massiv gespart werden muss. Denn irgendwo müssen die rund 15 Milliarden Mark wieder herausgeholt werden, die der Postminister bis 1988 in die Verkabelung stecken will.

Ernst Edhofer ist verbittert: „Da redet Kohl immer vom obersten Ziel der Vollbeschäftigung und sein eigener Minister baut gleichzeitig Arbeitsplätze ab. Aber da steht eine gezielte Politik dahinter, die das Postmonopol durch Privatisierung aufweichen will nach dem Muster der USA oder Japans. Je weniger Personal, desto schlechter der Service, desto unzufriedener die Kunden und desto günstiger die Marktchancen für Privatfirmen.“ Schon jetzt, so Edhofer, habe die Bundespost in der Nebenstellentechnik (z.B. Installierung von firmeninternen Telefonnetzen) nur noch einen Marktanteil von 20 Prozent.

Im Fernmeldeamt 2 wird zum Beispiel in der Linien- und Zeichenstelle jeder zweite entlassen. Die zurückgebliebene Hälfte muss dann die gesamte bisherige Arbeit leisten. Gegen diese „willkürlich festgesetzten Maßnahmen“ (Edhofer) machte die Postgewerkschaft jetzt mobil. In einer Aktionswoche vom 12. bis 16. Mai informierten die Gewerkschafter vom Fernmeldeamt 2 in Flugblättern und Versammlungen ihre Kollegen über das, was ihnen bevorsteht. Die Beteiligung an den Protestaktionen war allerdings gering, gemessen an dem hohen Grad an gewerkschaftlicher Organisation von über 80 Prozent.

Woran liegt’s? Max Kammerl: „Ein Beamter tut nichts, was sein Vorgesetzter nicht will. Die Angst vor Disziplinarstrafen, wie sie Schwarz-Schilling angedroht hat, scheint größer zu sein, als die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes. Deswegen ist es für uns schon ein großer Erfolg, dass rund 80 Leute in die zentrale Münchner Protestversammlung gegangen sind. Früher, als der Anteil der Arbeiter an den Postbeschäftigten noch größer war, ließ sich viel mehr machen.“

Es ist wohl kein Zufall, dass der Anteil der Beamten im Laufe der Jahre stark erhöht worden ist. Also Resignation auf der ganzen Linie? Ernst Edhofer: „Wir rechnen uns keinen schnellen Erfolg aus. Die Gewerkschaften müssen sicher neue, wirksamere Aktionsformen ausprobieren. Aber unsere Chance liegt hauptsächlich in der steigenden Unzufriedenheit der Kunden, denn die sind gleichzeitig Wähler.“

Henning Sieverts


Münchner Stadtzeitung vom 30. Mai 1986, 185 f.