Materialien 1967

I mechd koa Nodstandsrechd!

(Zu singen nach der altbayrischen Melodie »Fein sein, beieinander bleiben«)

In Bonn drom de Minisda plana,
Wia ma uns oisam zügln ko.
Mia soin des na scho spanna,
Uns oisam, uns gähts o.
Des is vielleicht a Text!
O, mi lext!

As Auto, drund’n vor da Düa
Fahrt dia da Blockwart weg –
Koan Pfenning griagst dafüa,
Geblärr hod dann koan Zweck –
Wennst du des mechst?
Na, mi lext!

An Arwad wo’s d’ned macha mechsd,
Weis ned guad zoid und dreckad is!
Do ziagst ned lang a sauers G’fries,
Wenns scho regiern mi’m Nodstandsrechd.
Na frogd di koana, wos du mechsd.
Na, mi lext!

Dahoam hosd du dann a koa Rua.
Grod wias zum Bedgeh zeidig is,
Do kumd vom Hausward da kloa Bua:
»Dean sas glei wida nei, as Gebiss,
A Zivilschutzübung hamma jetzt!«
O, mi lext!

A Nodstandssonndog langweild di,
A zeama Musi drahst da her
(Im boarischen Rundfunk is a Simfonie ),
Do, im vorbeigeh, head des wer
Und hängd di hi, glei z’hächst.
O, mi lext!

Di sperrn’s ei auf viea – fümf Wocha,
Vahandld wead dei Foi gorned.
Du moansd, du hosd ja nix vabrocha?
Freile, wenns so weid feid, is z’schbäd.
Jetzt muasd’as sogn, dass d’as ned mechsd
As Nodstandsrechd – mi lext! 1

August Kühn


Münchner Palette 6/1967 und: August Kühns Münchner Geschichten, Frankfurt am Main 1977, 101.

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1 Ich lehne das Notstandsrecht ab! // Oben in Bonn planen die Minister, / wie man uns alle im Griff hat. / Wir sollen das dann schon kapieren, / Uns alle, uns geht das an. / Das ist vielleicht ein Text! / Fürchterlich ist das! // Das Auto, das unten vor der Türe steht, / Fährt dir der Blockwart weg – / Du bekommst dafür keinen Pfennig, / Lauter Protest dagegen ist sinnlos – / Gefällt dir das denn? / Das ist schrecklich! // Eine Arbeit, die du nicht leisten willst, / Weil sie schlecht bezahlt ist und zudem schmutzig! / Da wirst du nicht lange griesgrämig schauen, / Wenn sie schon mit dem Notstandsrecht regieren. / Da fragt dich keiner mehr, was du willst. / Grauenhaft ist das! // Zuhause hast du dann auch keine Ruhe mehr. / In dem Moment, wo du dich zum Schlafen niederlegen willst, / Kommt der kleine Sohn des Hauswarts: / „Schieben sie gleich wieder ihr Gebiss in den Mund, / Jetzt beginnt eine Zivilschutzübung!“ / Das ist ein Alptraum // Wenn dich ein Notstandssonntag langweilt, / drehst du dir eine hübsche Musik an / (Im Bayrischen Rundfunk spielen sie eine Sinfonie). / Und da, im Vorbeigehen, hört das jemand / Und hängt dich hin, gleich am höchsten (oder: gleich beim Höchsten) / Grauenerregend ist das! // Du wirst für vier – fünf Wochen eingesperrt, / Dein Fall wird überhaupt nicht verhandelt. / Du denkst, du hast ja nichts verbrochen? / Freilich, wenn es erst soweit ist, ist es zu spät. / Deshalb musst du das jetzt sagen, dass du es nicht möchtest / das Notstandsrecht – verdammt noch mal!

Überraschung

Jahr: 1967
Bereich: Notstandsgesetze