Materialien 1980

Wir landen einen Bestseller

Asterix und das Atomkraftwerk

Irgendwann Ende 1979 kam aus Wien ein Typ namens Scheißdanix nach München, im Gepäck einen Satz belichteter Druckplatten. Auf den Platten war ein Comic, den er aus allen bisher erschienen Asterixheften zusammengeschnitten und neu getextet hatte: „Asterix und das Atomkraftwerk“

Darin kämpften die Gallier gegen die atomkraftwerkbetreibenden Römer und blieben letztendlich siegreich. Das AKW konnte nicht gebaut werden und vergammelte schließlich als Ruine irgendwo in der Wildnis.

Der Comic wurde ein Bestseller in der deutschen Anti-AKW-Szene.

Etwa 20.000 Exemplare wurden von uns im Laufe von zwei Jahren gedruckt und vertrieben. Und schließlich lag die Auflage um ein Vielfaches höher, rechnet man die ganzen Raubdrucke hinzu, die überall in der Republik von unserer Ausgabe gefertigt wurden.

Das rief natürlich auch Herrn Uderzo, den geistigen Vater der französischen Comicfiguren auf den Plan. Anfangs belächelte er in einem Fernseh-Interview noch den frechen Ideenklau, aber dann wurde es ihm offensichtlich zu bunt. Er witterte entgangene Tantiemen …

Wir waren natürlich nicht ganz blöde und hatten uns vorher bei Götz von Olenhusen, einem anerkannten Raubdruckexperten, ein Gutachten eingeholt, in dem uns bescheinigt wurde, dass in diesem Fall keine Urheberrechtsverletzung vorlag, sondern der Raubdruck allenfalls ein Plagiat darstellte. Und so druckten und vertrieben wir den Comic eifrig weiter unter dem Motto: „Der Reinerlös dieses Heftes kommt der Bewegung ‚Kein AKW in St. Tropez’ zugute.“

Aber Herr Uderzos Anwälte waren nicht auf den Kopf gefallen – sie bekamen uns schließlich doch an den Haken! Verstoß gegen das Warenzeichengesetz, garniert mit einer Schadensersatzforderung von 1 Million Deutschmark gegen die beiden Geschäftsführer der Druckerei. Und auch die Staatsanwaltschaft München witterte öffentliches Interesse: drei Hausdurchsuchungen in der Druckerei, Durchsuchungen der Privatwohnungen der Geschäftsführer, Beschlagnahmungen etc. waren die Folge.

Hektik kam auf. Unser Anwalt Wolfgang Bendler flog nach Paris. Verhandlungen hier, Verhandlungen da – und schließlich Entwarnung: Im Gegenzug für die Übernahme von Herrn Uderzos Anwaltskosten, Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung und Aushändigung der Druckunterlagen wurde die Schadensersatzforderung zurückgezogen.

Das wars dann. Wir waren mit einem blauen Auge davongekommen, „Asterix und das Atomkraftwerk“ wurde eingestellt, und die Bewegung ‚Kein AKW in St. Tropez’ war ihrer wichtigsten Einnahmequelle beraubt.


33 Jahre Ulenspiegel 1978 – 2011, Andechs 2011, unpag.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Atomkraft