Flusslandschaft 1993
Kapitalismus
„Bestechungs-Bonus: Auf viel menschliches Verständnis und Milde stieß der wegen Bestechung angeklagte und in einem Fall auch für schuldig befundene Ex-Senator Hans Zausinger, einst Chef der bayrischen Elektro-Innung: Zehn Monate auf Bewährung und 750.000 Mark Geldbuße für Schmiergeldzahlungen beim Bau eines Krankenhauses hielt die Münchner Strafkammer für aus-
reichend, weil Zausinger sich wegen seiner zahlreichen Ehrenämter ‚nicht mehr viel um die Firma gekümmert’ habe. Strafmildernd für den 57jährigen Unternehmer wurde ferner berücksichtigt, dass Preisabsprachen zur Familientradition gehörten. Zausinger habe in dem Familienbetrieb ,nie ein korruptionsfreies Verhalten kennen gelernt’.“1
„Einbruch in die Siemens-Bank – Einen gelungenen Einbruch in die sagenhafte Schatzkammer des Siemens-Konzerns hat Mitte September das Berliner Kammergericht verübt. Es entschied rechts-
kräftig auf die Klage eines Kleinaktionärs, dass Deutschlands reichstes Industrie-Unternehmen seine diskreten Beteiligungen an anderen Geld- und Industrie-Konzernen offen legen muss, sofern die Anteile mindestens zehn Prozent oder einen Marktwert von l00 Millionen Mark betragen. Sie-
mens weist in seinen Bilanzen regelmäßig ,flüssige Mittel’ von rund 20 Milliarden Mark aus, die gewiss nicht im Sparstrumpf angelegt sind. So kam jetzt heraus, dass die ,Bank mit eigener Elek-
troabteilung’, wie Siemens im Branchenspott heißt, massiv in Deutschlands größter Geldsammel-
stelle engagiert ist. An der Allianz-Versicherung und der mit ihr durch Überkreuz-Beteiligungen verschwisterten Münchner Rückversicherung hält Siemens drei beziehungsweise 1,1 Prozent der Aktien mit einem Börsenwert von derzeit 1,4 Milliarden Mark. Dieses Eingeständnis des Siemens-Vorstandes gilt freilich nur für die direkt gehaltenen Aktien. Denn weitere Anteile, die über Zwi-
schen-Holdings gehalten werden, unterliegen nicht der erweiterten Auskunftspflicht, entschied das Kammergericht. So unterhält Siemens etwa in Zürich einen Milliarden-schweren Neben-Konzern, der die Finanzen der Auslandsgesellschaften steuersparend steuert. Wenn also auch noch viele Schleier über dem Geldgeflecht der deutschen Wirtschaft bleiben, so wird doch das ,Pentagon der Macht’ in seinen Umrissen deutlicher. Zu diesem Fünfeck zählte die ,Wirtschaftswoche’ die heimli-
che Regierung des Landes: Deutsche Bank, Allianz, Siemens, Daimler-Benz und Bosch. Unterein-
ander durch finanzielle und personelle Überkreuz-Verbindungen gesichert wie eine uneinnehmba-
re Festung, regiert diese Fünfer-Gruppe Tausende anderer Betriebe in Industrie und Finanzwelt. Weitere Einblicke in dieses verdeckte Machtgeflecht sind zu erwarten, wenn die anhängigen Kla-
gen gegen sämtliche Großbanken und -versicherungen den gleichen Erfolg haben wie jetzt im Fall Siemens.“2
„Was bewegt die Woge und Welle am Strand / Gras und schleift Felsen zu Sand? / Viele Wogen und Wellen am Strand / verändern allmählich das Land.“ Wolf-Dieter Krämer am 9. Dezember
Siehe auch „Kapitalismus“ 1992.
(geändert am 26.6.2026)
1 Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 2 vom 22. Januar 1993, 20 (07).
2 Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 20 vom 1. Oktober 1993, 5.