Flusslandschaft 2000

Kapitalismus

Die Mehrheit in der Bevölkerung verbindet mit dem Wort „Reform“ keine besseren Zukunftsaus-
sichten, sondern befürchtet eine Verschlechterung ihrer Lage. Deshalb sehen sich Wirtschaftsfüh-
rer veranlasst, die Leute über „die zwingende Notwendigkeit zu Reformen aufzuklären“. Die Grün-
dung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wird von der Metall- und Elektroindustrie mit 50 Millionen Euro Startkapital für die ersten fünf Jahre ausgestattet. Die neoliberale Propaganda gegen den „Gewerkschaftsstaat“, die „Überbürokratisierung“, die „Faulenzer“, die „Besitzstands-
wahrer“, das „Stillstandsland“ und den „Reformstau“ bekommt neuen Aufwind.

Technik und Maschinen werden immer effektiver. Der Anteil der Erwerbsbevölkerung im Bereich der materiellen Produktion nimmt weiter ab. Um alle gesellschaftlich notwendigen (wer entschei-
det, was gesellschaftlich notwendig ist? der säzzer) Produkte herzustellen, reicht es, wenn jede und jeder Arbeitsfähige einige wenige Stunden in der Woche arbeitet. Darauf wies schon Charlie hin, der meinte, dass die Entwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Beziehungen die materiellen Bedingungen sind, um die kapitalistischen Produktionsverhältnisse „in die Luft zu sprengen, weil das Kapital hier – ganz unabsichtlich – die menschliche Arbeit auf ein Minimum reduziert“ und dies die Bedingung der Emanzipation der Arbeit ist, nämlich der vollen Entwick-
lung „der künstlerischen und wissenschaftlichen“1 Ausbildung der Individuen. Die Zeiten fordisti-
scher Vollbeschäftigung unter den Bedingungen wachsender Zuwachsraten sind endgültig Vergan-
genheit; die Lohnarbeitszeitgesellschaft steht selbst auf dem Prüfstand. In seinem neuen Buch „Arbeit zwischen Misere und Utopie“ fordert André Gorz, um den Ausstieg aus dem Kapitalismus sinnvoll vorzubereiten, die Umverteilung von Arbeit, die Wiederaneignung von kollektiver und individueller Zeitsouveränität sowie die staatlich garantierte Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für jede/n.2 Diskussion und Propagierung des bedingungslosen Grundein-
kommens ist aus den Auseinandersetzungen der kommenden zehn Jahre nicht wegzudenken.


1 Karl Marx, Grundrisse der politischen Ökonomie (MEW 42), Berlin 1983, 598 ff.

2 Vgl. André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2000.

Überraschung

Jahr: 2000
Bereich: Kapitalismus