Materialien 1980

Langweilig war’s auch nicht

Gerhard Seyfried im Gespräch mit Ziska Riemann

Z: Du hast mit Susanne Plambeck zusammen gewohnt?

S: Ja, und zwar in der Kaiserstraße.

Z: Und warst auch mit Juliane Plambeck, Susannes Schwester, gut befreundet.

S: Ja, Bine hieß die bei uns, so in der RH, und ich habe Fritz Teufel durch sie kennen gelernt und wiederum durch Fritz die ganze Szene.

Z: Bine war damals mit Fritz zusammen?

S: Ja, sie war mit Fritz zusammen, als ich sie kennen lernte. Und Fritz war in der Einsteinkommune damals, Wacker Einstein, das war der Fußballverein von der Kommune. Da war auch die Uschi Obermaier und der Rainer Langhans, und die habe ich dann da alle – kennen gelernt ist zu viel gesagt, aber da auch getroffen, ich war ein paar Mal in der Einsteinkommune, was für meine Verhältnisse eine riesengroße Altbauwohnung war, auch für München riesengroß und ganz leer, Parkett und schmuddelige Wände, und was ich nie vergesse, ist das etwa ein Meter hohe Einmachglas, das im Wohnzimmer neben der Tür stand und voller Gummibärchen und Bonbons war. Das hat mich mächtig beeindruckt.

Z: Aber im Gegensatz zur Einsteinkommune wart ihr ja viel radikaler.

S: Militant haben wir gesagt, ja, und wir waren stolz darauf, wir waren keine Weicheier … Wir haben das als konsequent betrachtet. Wenn die einem so kommen, dann kommen wir denen eben auch so. Dann zünden wir ihnen die Autos an und machen ihnen die Fensterchen kaputt, so war das am Anfang. Wir haben gesprüht und all so illegale Aktionen gemacht, und wenn man da gepackt worden ist, dann gab’s halt wieder erkennungsdienstliche Behandlungen, die müssen Dutzende von meinen Fingerabdrücken haben. Manchmal gab’s Prügel, aber meistens nicht.

Z: Na, du hast ja auch irgendwie Glück gehabt, weil ja viele aus deinem Freundeskreis dann noch sehr viel weiter gegangen sind.

S: Ja. Zum einen war ich immer vorsichtig und zum anderen hatte ich viel Glück. Ich bin ziemlich schnell, als die Sachen riskanter wurden, nicht mehr so hopplahopp mit, sondern habe mir das genauer überlegt und habe auch mit den anderen drüber geredet. Das teilte sich dann auch, und die ganz Radikalen spalteten sich ab. Aber es war alles nie so klar, es war immer verschwommen und durcheinander, der eine war mal so drauf und dann wieder so. Und Spitzel tauchten dann auf oder Leute, die wir für Spitzel hielten. Keiner hat mehr dem anderen getraut, außer dem engen Bekanntenkreis, mit dem man zusammen was Illegales gemacht hat. Und das hat auch nicht lange funktioniert, weil es dann eben Spitzel gab, die so was angeleiert haben. Die gesagt haben, hier, ich weiß was, da gehen wir hin und machen das, um sich das Vertrauen zu erschleichen und den Bullen irgendwie einen Eingang zu eröffnen in die militanteren Kreise. Alles in allem war es recht unterhaltsam.

Z: Was hat dich davon abgehalten, weiter zu gehen, war das die Angst oder die Vernunft? In deinem Bekanntenkreis waren ja einige Leute, die dann Banküberfälle gemacht oder Politiker entführt haben?

S: Ich bin schon ein bisschen weiter reingegangen, als die ersten Bekannten im Gefängnis oder untergetaucht waren, da hat man ihnen geholfen, so gut es irgendwie ging. Das waren ja Freunde. Das wurde dann als Unterstützerszene bezeichnet in der Zeitung, als Sympathisantensumpf. In der Zeit sind auf Partys oft Pässe und Ausweise geklaut worden, die man dann versucht hat, für die Leute zu verändern. Das war dann nicht so sehr Angst, was mich da vom Weitergehen abgehalten hat, als vielmehr Ratio. Da hat es sich wieder gespalten, es war ein ständiger Spaltungsprozess von Anfang an, diese ganze Linke, in unendlich viele Fraktionen. Es war ziemlich schnell zu sehen, dass das zu nichts führt. Dass wir nichts erreichen, dass es Tote geben wird. Es gab die Anhänger der Verelendungstheorie, die haben gesagt, den Leuten muss es dreckig gehen, und das Volk soll mal sehen, wie die Staatsmacht zuhaut und Leute erschießt, und das wird dann eine Volkserhebung bewirken. Was natürlich auch Traumtänzerei war. Und ich war überzeugt, dass das nichts wird, dass man das militärisch nicht angehen kann, dass die Basis fehlt. Wir hatten zwar eine ansehnliche Unterstützerszene, weil es eine ziemlich große, linke Bewegung gab, aber es hat nicht gereicht, einen bewaffneten Kampf mit dem Staat aufzunehmen, hinten und vorne nicht. Das einzige, was für mich an der Militanz Sinn machte, war zu versuchen, den Verfolgten zu helfen. Ihnen zu helfen, sich in Sicherheit zu bringen, das war so eine Freundespflicht, das ging gar nicht anders.

Z: Waren enge Freunde von dir im Knast?

S: Fritz war im Knast, einige andere auch, mal länger, mal kürzer. Bine ist 1975 in Berlin verhaftet worden, im September glaub ich. Sie stand unter Verdacht, an der Lorenz-Entführung beteiligt gewesen zu sein, aber das ist alles unbewiesen, reiner Verdacht und eine Menge Inkompetenz und politischer Druck. Die Bullen und die Staatsanwaltschaft haben damals jedem alles angehängt, den sie gekriegt haben, weil sie nicht durchgeblickt haben. Das ist einfach behauptet worden, und die Springerpresse, Bild. und BZ und so weiter, haben es als bare Münze verkauft. Bine war jedenfalls nicht lang im Knast, im Juli 1976 ist sie nämlich aus dem Frauenknast in der Lehrter Straße ausgebrochen, zusammen mit drei anderen Frauen. Der spektakulärste Ausbruch von Frauen überhaupt, würd ich mal sagen.

Z: Wow!

S: Ja. Das finde ich ja heute noch eine Großtat, muss ich ganz ehrlich sagen, dass es den vier Frauen gelungen ist, aus der Lehrter Straße abzuhauen. Das war zwar ein alter Knast, der keinen Vergleich mit Stammheim aushält, aber trotzdem, Hut ab.

Z: Na ja, aber dadurch konntet ihr euch dann auch nicht mehr sehen, sie war dann ja untergetaucht.

S: Wir konnten uns nicht mehr sehen, und ich habe auch vorher ewig keine Besuchserlaubnis gekriegt, ich glaube, nur ein Mal, während sie im Gefängnis war. Wenn ich mich richtig erinnere, war ich da noch in München. Irgendwann haben sie es dann erlaubt, und da musste ich halt nach Berlin fahren zu diesem Besuch von 20 Minuten, den man uns da zugestanden hat. Das ist natürlich keine schöne Situation. Aber der Ausbruch, der hat irgendwie eine Festlaune in der ganzen Szene bewirkt, ob die Leute nun dafür waren oder nicht, das fanden alle toll. Leider sind die anderen gleich wieder gepackt worden, ich glaube, eine ein paar Tage später, irgendwo auf dem Kudamm, genau weiß ich’s nicht mehr.

Z: Wer war da noch dabei?

S: Monika Berberich und Gabriele Rollnik, ich glaube, die beiden waren eher der RAF zuzuordnen, dann Bine, und die vierte fällt mir jetzt nicht ein, das müsste ich nachgucken – doch, Inge Viett war das …

Z: Und bei euch haben sie danach wahrscheinlich am Telefon gehangen und vorm Haus rumgestanden …

S: Ja. Wir hatten die Bullen am Hals, und zwar jahrelang. Schon bevor Bine in den Knast kam. Am Anfang waren das immer wieder Festnahmen und Verhaftungen. Ich weiß nicht, ich muß um die 20 Hausdurchsuchungen erlebt haben. Wenn ich zurückdenke, war das richtig alltäglich. Es gab Tage, an denen ich mich gewundert habe, wo die Bullen bleiben. Das Telefon ist überwacht worden, das hat uns ein Fachmann für solche Geschichten bewiesen, indem er unsere Wohnung nach Wanzen durchsucht und einige gefunden hat. Nach einer Weile kam dann dieses neue Schema. Ein, zwei Tage lang haben sie mich oder Susanne völlig offen verfolgt. Sie sind also zu dritt, zu viert hinter einem her gelatscht, im Auto nebenher gefahren, im Schrittempo auf dem Bürgersteig, und haben gefilmt, also richtig, richtig hart. Und dann war wieder drei, vier Tage gar nichts. Ich habe mir dann gedacht, der Plan sieht so aus: Sie beschatten uns ganz offensichtlich, und dann machen sie es ganz vorsichtig und halten sich zurück, in dem Irrglauben, wir würden uns dann sicher fühlen und als allererstes zu unserem Waffenversteck rennen und die Listen rausholen mit den zu ermordenden Schweinen. Das war natürlich alles Käse, a) hatte ich so was nicht vor, b) hatte ich kein Waffenversteck und c) war das auch durchsichtig. Man hat einfach dazu gelernt, das war nichts anderes als eine Geheimdienstausbildung in der Praxis, learning by doing. Wenn man gemerkt hat, die sind mir jetzt drauf, und am Anfang war das Spielerei, schauen wir mal, ob wir die abhängen können, und das klappte auch oft. Und später haben wir dann gemerkt, dass es besser ist, wenn man so tut, als merke man nichts. Wir haben alle möglichen Tricks gelernt. Wir haben auch Fachliteratur gelesen. Le Carré zum Beispiel war einer unserer Autoren, von dem wir viel gelernt haben. Oder Filme. Aber auf das meiste kam man von selber, Phantasie ist da nützlich und Vorstellungskraft.

Z: Was hat das mit dir und mit den Leuten gemacht? Diese vehemente Verfolgung?

S: Also Bine ist zum Beispiel fast verrückt geworden, die haben sie auch richtig schikaniert, vielleicht wegen ihrer Bekanntschaft mit Fritz, der ja damals buchstäblich verteufelt wurde. Sie, und auch andere, wurden meines Erachtens direkt in den Untergrund gedrängt. Ich war damals und bin auch jetzt noch überzeugt, dass die „Terroristen“ in Anführungszeichen, die Leute im Untergrund, gemacht worden sind. Weil die Polizei, das Innenministerium, die Behörden, die Geheimdienste das brauchten, die brauchten einen Feind und eine Bedrohung, um höhere Budgets und immer mehr Macht zu kriegen. Zum Teil waren wir da unfreiwillige Helfer bei diesem Prozess. Die militante Linke war nie eine ernsthafte Bedrohung für den Staat, selbst als es zu dem Mord an Schleyer kam. Die Gegenseite hat das ausgenützt, die Demokratie dicht zu machen und einen Überwachungsstaat zu errichten mit allen Schikanen, an die wir uns inzwischen gewöhnt haben. Und es reicht ihnen immer noch nicht.

Z: Ihr hattet doch wahrscheinlich die ganze Zeit auch große Angst um Bine?

S: Ja, ja klar. Und schließlich ist sie dann auch ums Leben gekommen. Im Juli 1980. Ich hab davon in Ascona am Lago Maggiore erfahren, auf der Rückkehr von Italien, in einer Telefonzelle. Ich habe in Berlin angerufen, und ein Mitbewohner sagte, dass sie tot sei. Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, das war im Sommer 1980, und die Beerdigung war dann im September in Karlsruhe.

Z: Warum soviel später?

S: Weil die Polizei die Leiche so lang nicht freigegeben hat. Sie ist ja bei einer Verfolgungsjagd ums Leben gekommen, was sie aber nicht zugeben. Also da ist auch viel vertuscht worden, was da passiert ist. Es hieß, sie wär einfach nur zu schnell gefahren und in ’nen Laster geknallt. Es halt sich aber hartnäckig das Gerücht, dass es eine Verfolgungsjagd war und dass dieser seltsame Privatagent Mauss sie gejagt haben soll. Das ist dieser Typ, der für den BND Geiselbefreiungen in Südamerika verhandelt hat und der immer so ein Privat-Geheimagent war und mehrfach Dreck am Stecken hatte. Dem konnte man nie ans Leder, obwohl der immer so am Rande der Strafverfolgung war. Auch in der Presse hieß es öfter, den muss man mal ausbremsen. Und der Verdacht nährt sich dadurch, dass sie in dem Unfallauto von der Bine Waffen gefunden haben, auch Waffen, die bei der Schleyer-Ermordung verwendet worden sind, wird behauptet, und dann so’n Quatsch wie RAF-Broschüren im Kofferraum. Also so sind die doch nicht rumgefahren, die waren doch untergetaucht. Mit Waffen vielleicht, aber doch nicht mit politischen Broschüren. Das hatten die alles im Kopf, wozu sollten die das rumschleppen? Das war zu riskant. Die mussten ja immer damit rechnen, in eine Autokontrolle zu kommen. So heißt es jetzt, dass der die irgendwie gehetzt hat und dass es dadurch dann den Unfall gab, und dann isser hin und hat ihnen das Zeug in den Kofferraum getan. Und ist dann verduftet. Der hing, glaub’ ich, auch mit der Barschel-Geschichte zusammen, das ist das letzte Mal, wo der aufgetaucht ist. Beau Rivage. Also ich schätze, dass der die Dreckarbeit für den BND gemacht hat.

Z: Kannst du dich an Bines Beerdigung erinnern?

S: Ja. Ich bin von Berlin aus hingeflogen, nach Stuttgart, und weiter nach Karlsruhe mit dem Zug. Es waren eine Menge Leute da, buchstäblich die ganze Münchner Szene und viele andere. Nach der Beerdigung gab es ein Fest im Garten der Eltern, zum Andenken.

Z: War da auch alles voller Bullen?

S: Auf dem Friedhof wimmelte es von Bullen in Zivil, die fotografiert haben, Staatsschutz, und die hat Bines Vater verjagt – irgendwie hat er es geschafft, dass die raus mussten aus dem Friedhof.

Z: War das für dich ein Punkt, an dem du gemerkt hast, dass der Weg der zunehmenden Militanz nichts bringt? Oder wo es für dich keinen Sinn mehr gemacht hat?

S: Nach Bines Tod wollte ich nichts mehr davon wissen. Schon vorher hab ich in der Militanz keinen Sinn mehr sehen können.

Z: Und findest du jetzt rückblickend, dass sich doch einiges verändert hat durch diese Zeit, durch die Bewegung? Dass sich die ganze Auseinandersetzung gelohnt hat?

S: Ja sicher, das Übliche, was alle sagen: Also Frauenbewegung, Kindererziehung, Kindergärten, Umweltbewusstsein – das geht alles auf die Bewegung zurück. Natürlich. Ein anderer Umgang mit Drogen, man könnte eine Menge aufzählen. Es hat schon viel bewirkt, es hat auf der anderen Seite aber auch diesen Polizeistaat gestärkt. So Leute wie Schäuble, das waren damals in unserer Zeit so die Jung-CDUler, die Deppen von der Jungen Union, die sich heute aufblasen wie die Ochsenfrösche und sagen, die 68er sind an allem Schuld.

Z: Also es ist schon ein bisschen was passiert.

S: Ja, klar. Und langweilig war’s auch nicht.


Seyfried. Die Werke. Alle! Sämtliche Cartoons, Illustrationen, Poster und Gemälde sowie Skizzen und Entwürfe, Frankfurt am Main 2008, 68 ff.

Überraschung

Jahr: 1980
Bereich: Alternative Szene