Materialien 1984

Justizmord perfekt

Die Gnadengesuche für Peter Schult sind abgelehnt. Presse-Öffentlichkeit, zahllose Unterschriften, das Engagement von Prominenten haben im bayerischen Justizministerium nichts bewirkt.

Beim Versuch, meine Wut und Trauer hierüber auszudrücken, versagt mir die Sprache. Die ununterbrochenen Hustenanfälle von Peter, sein ständiges Nachluftringen, als ich mit ihm das letzte Mal telefonierte, wollen mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Das Exempel ist statuiert.

Dass jeder, der von Justizbürokratien Menschlichkeit fordert, sich der Lächerlichkeit preisgibt, war schon vorher bekannt; dennoch erschrecke ich vor der Gelassenheit, mit der das bayerische Justizministerium dies vor aller Öffentlichkeit zugeben kann. Man weiß, dass die Öffentlichkeit schnell vergißt – bei den ständigen großen Bonner Skandalen ebenso, wie bei einem an Krebs verstorbenen Häftling. In einem halben Jahr erinnert sich keiner mehr daran, dass man Peter Schult erst Recht und dann Gnade verweigert hat, dass man ihn in Bayern zweimal zum Tode verurteilte: Weil man erst in Kaisheim seinen Krebs grob fahrlässig übersah, sollte er jetzt auch im Knast sterben. Man könnte es sonst als Schuldeingeständnis auslegen; Schuld ist eine Bürokratie jedoch nie, zumindest wird sie dies in der Öffentlichkeit nie zugeben.

An dieser Logik wird Peter Schult sterben.

Die Menschen. die man – auch in diesem Fall – nicht öffentlich Mörder nennen dürfte, ohne sich dabei strafbar zu machen, haben individuelle Menschlichkeit längst abgelegt. Ob sie Sellmayer, Goldmund oder Lang heißen, Jahr für Jahr hat ihnen die Karriere im Apparat Wirbel um Wirbel des Rückgrats entfernt, bis sie nur noch vom steifen kalten Korsett staatserhaltender Ideologie aufrecht erhalten werden. Staatsfeinde haben von ihnen deshalb keine Gnade zu erwarten, nicht auf Menschlichkeit zu hoffen.

Hierüber sollte man nicht jammern.

G. Rossi


Die Aktion 26/27 von 1984, 345 f.

Überraschung

Jahr: 1984
Bereich: Alternative Szene