Flusslandschaft 1970

StudentInnen

„… Nirgendwo sonst in der Bundesrepublik haben die Kinder reicher Eltern so viele Privilegien, die Lehrer so wenig Spielraum, die Eltern so wenig zu sagen, die Studenten so wenig Mitbestimmung, die Hochschulen so wenig Möglichkeiten zu inneren Reformen. Franz Josef Strauß im Bayern-
kurier
: ‚Bei uns hat es immer mehr Privilegien und standesmäßig Denkende gegeben als anders-
wo.’ …“1

In einigen Fakultäten herrscht Friedhofsruhe, in anderen rumort es, zum Beispiel bei den Historikern im Fach „Neuere und Bayerische Geschichte“ in der Philosophischen Fakultät I.
Im Sommersemester 1969 sprengten die Rebellinnen und Rebellen die Zwischenprüfung. Das Argument: Traditionell dient die Geschichtswissenschaft als Zubringer für die Legitimationsbe-
gehren herrschender Eliten; Sieger schreiben die Geschichte. Und hiergegen artikuliert sich der aktuelle Protest. Die parteiische Geschichte der Klassenkämpfe nimmt indessen die Position der Schichten und Klassen ein, die sich emanzipieren wollten und wollen. – Im Wintersemester 1969/
70 leitet Prof. Dr. Karl Bosl das Hauptseminar „Konservativismus, Liberalismus, Sozialismus in Bayern“. Die Diskussionen sind ausgesprochen lebendig. Kommilitone Michael Wittmanns Haupt-
seminararbeit lautet „Die Vorbedingungen der bayerischen Novemberrevolution. Aspekte zu einer Gesellschaftsanalyse“. – Bosl überlässt im Sommersemester 1970 auf Anregung des Kommilitonen Günter Kopp der Fachschaft Geschichte ein Seminar „Aufgaben, Methoden und Aspekte der mo-
dernen Geschichtswissenschaft“, in dem sich in fünf Untergruppen je etwa sechzehn Studierende treffen. Eine der Gruppen beschäftigt sich mit Neukantianismus und Max Weber. Wittmanns Hauptseminararbeit zum Thema „Max Webers Kapitalismus-Interpretation“ erhält die Note 1.
In Günter Kopps Gruppe wird die Münchner Räterepublik diskutiert.2

Vierhundert StudentInnen des Geschwister-Scholl-Instituts für politische Wissenschaften treten am 26. Januar in einen einwöchigen Streik gegen ihre Ordinarien, die sich gegen eine Instituts-
satzung wehren, in der die Studierenden Drittelparität hätten. Auch die StudentInnen der Päda-
gogischen Hochschule beschließen einen dreitägigen Streik gegen die Raumnot, die Prüfungs-
ordnung und die undemokratische Organisation der Hochschule.

Am 21. März wird der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) zu Grabe getragen, SDS-
Bundesvorstand und Bundesverband lösen sich auf. Damit endet offiziell die Phase der anti-
autoritär geprägten Rebellion der StudentInnen und der außerparlamentarischen Opposition.

Der Uni-AStA rät am 21. April den StudentInnen, bei der Einschreibung die Formulare bei Fragen nach den Fremdsprachen, den Prüfungsterminen, den Studiengängen und der Kinderzahl falsch oder unvollständig auszufüllen. Es bestehe die Gefahr der Weiterleitung an die Industrie und eine „Verplanung der studierenden Masse“.

Auf dem Hochschultag der Münchner Universität werden am 26. Mai eine Resolution an Kultusminister Huber gegen die geplante „Verschulung der Universität“ verabschiedet und Kampfmaßnahmen angekündigt.

Die Studierenden boykottieren Lehrveranstaltungen, fordern lautstark Diskussionen über Lehr-
inhalte und greifen Ordinarien an. Etwa hundert Menschen, vor allem überwiegend konservative Hochschulprofessoren gründen jetzt bundesweit den Bund „Freiheit der Wissenschaft“. Im Gründungsaufruf fordern sie die „Sicherung der staatlich kontrollierten Selbstbestimmung der
im Zuge der Demokratisierung erweiterten Lehrkörper in allen Fragen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Qualifizierung“. Tatsächlich geht es ihnen darum, die tradierten Hochschul-
strukturen ohne Abstriche zu erhalten.

25. Juni: Das Kultusministerium will der Münchner Studenten Zeitung (MSZ) die Mittel streichen, da ihr als Organ der Fachschaften, Basis-Gruppen und Roten Zellen an den Münchner Hochschu-
len ein politisches Mandat nicht zukomme.

7. Juli: Die Assistenten aller Münchner Hochschulen demonstrieren vor dem Kultusministerium gegen die „falsche Personalpolitik, den Numerus clausus, überfüllte Hörsäle, fehlende Hochschul-
reform“ und für die Einführung eines Doktoranden-Stipendiums.3

Die Roten Zellen siegen am 10. Juli haushoch bei den Uni-Konventswahlen. Sie erhalten zweiunddreißig von vierundvierzig Sitzen. AStA-Vorsitzender wird Anselm Kreuzhage, zweiter Vorsitzender wird Peter Tode. Es heißt: „Die Arbeit an den Hochschulen ist nur das Vehikel für
die Arbeit draußen. In Zukunft wollen wir die arbeitende Bevölkerung oder das Proletariat gezielt ansprechen“. Innerhalb der Hochschule will der neue AStA für die Anerkennung der in den studentischen Seminaren ausgestellten Zeugnisse kämpfen.

6. November: Die Eröffnung des Lehrtraktes im Klinikum rechts der Isar in Haidhausen mit Kultusminister Huber und Dekan Maurer muss unter Polizeischutz durchgeführt werden. Die ausgesperrten StudentInnen setzen sich im Verbindungsgang auf den Boden und tragen ihre Einwände gegen die Struktur des Krankenhauses vor. Auf Spruchbändern ist zu lesen: „10 Millionen für Protzbauten – nichts für bessere Ausbildung“, „Patienten liegen auf dem Flur – Ordinarien kassieren“ und „Maurer, gib das Protzen auf, die Patienten warten drauf“.

13. November: Kundgebung gegen „Ein-Fach-Ausbildung“.4

Über tausend StudentInnen der acht Pädagogischen Hochschulen Bayerns ziehen am 20. November mit dem Ruf „Huber – wir kommen“ vom Königsplatz zum Kultusministerium,
um gegen die Missstände, Lehrermangel, Raumnot, Studien- und Prüfungsordnung an ihren Hochschulen zu protestieren. Kultusminister Huber stellt sich nicht.5

Das Rote Studenten-Kino zeigt am 24. November im Hörsaal 201 „Panzerkreuzer Potemkin“ und am 8. Dezember „Unter Mexikos Sonne“ von Sergej Eisenstein.

Die Liste der Fachschaften und Basis-Gruppen/Rote Zellen (LFB/RZ) gewinnt am 9. Dezember wieder überlegen die Uni-Konventswahlen. Von siebenundfünfzig Sitzen entfallen siebenund-
dreißig auf die LFB/RZ, sechs auf den Ring Christlich-demokratischer Studenten (RCDS), zwei
auf den Marxistischen Studentenbund/Spartakus (MSB), zehn auf Unabhängige.

Siehe auch „Frieden/Abrüstung“.


1 konkret. Monatszeitung für Politik und Kultur 24 vom 19. November 1970, 11.

2 Am 8. Dezember 1971 spricht Kopp zum Thema „Emanzipation durch Räte? Die Lehren von München 1918/19“. Veranstalter sind die Fachschaft Geschichte, der Historische Club e.V. und der Gewerkschaftliche Arbeitskreis der Studenten (GASt). 1973 erscheint sein Buch „Emanzipation durch Räte? Die Lehren von München 1918/19. Eine gesellschaftsgeschichtliche Deutung“, herausgegeben vom Historischen Club e.V.

3 Vgl. Süddeutsche Zeitung 162/1970.

4 Vgl. Süddeutsche Zeitung 273/1970.

5 Vgl. Süddeutsche Zeitung 279/1970.