Materialien 1979

»frei« sein um jeden preis

„schrecklich, dass wir jetzt einen verbrecher in unserer familie haben! unser eigener sohn! wie konnte das passieren!“ so jammern eltern, wenn es zu spät ist, wenn die sucht nach blinder folgsamkeit ihre folgen gezeitigt hat. ein interessantes beispiel für die eigene psycho-logik krimineller neigungen, die unter dem druck einer verlogenen moral entstehen

Es gibt viele Gründe, weshalb jemand die Krumme macht: gestörte familiäre Verhältnisse, Opfer von Gewalt, Schlägen, Quälereien, ständige Konflikte mit den familiären oder beamteten „Erziehern“, Schulversagen, abgebrochene Lehre, Heimaufenthalte, fehlende soziale Bindungen, Flucht in den Alkohol- und Drogenmissbrauch usw. usf. Die Ursachen der Delinquenz sind seit langem bekannt – trotzdem bleibt alles beim alten. Nach wie vor werden in Familien, Heimen, Schulen, Gefängnissen, Fabriken Menschen gedemütigt, gequält, terrorisiert, wird Menschen das Rückgrat gebrochen, wird ihnen der „aufrechte Gang“ ausgetrieben. Man wird gekrümmt: und macht die Krumme.

Das Ideal pädagogischer Praxis ist nach wie vor der Zögling, der „selbständig“ tut, was andere wollen, dem die Unterdrückung zur zweiten Natur wird, ist der Untertan, der gehorcht, bevor noch ein Befehl ergangen ist. Dieses Erziehungsprodukt bezeichnen wir als „normal“. Hergestellt wird diese „Normalität“ in Familien, Schulen, Heimen, Fabriken, Büros, Gefängnissen. Der englische Psychologe Cooper (1972) beschreibt diese Produktion von „Normalität“ so:

Normalität wird erzeugt durch die primäre Sozialisation des Kindes. In der Praxis ähnelt das „Aufziehen“ eines Kindes eher dem Abbau seiner Persönlichkeit. Dasselbe gilt für seine Weiterentwicklung: der Mensch wird aus sich heraus und von sich fortgeführt.

Und eines Tages dann werden diese entfremdeten und gedemütigten Kreaturen selbst zu Eltern, Lehrern, „Erziehern“, und nehmen jetzt an ihren eigenen Kindern Rache für die erlittene „Erziehung“ – der Kreis der Unterdrückung ist geschlossen, die Herrschaft des Menschen über den Menschen reicht von der Wiege bis ins Grab.

Auch ich habe reichlich Erfahrung mit Gewalt und Demütigung in Familie und Schule. „Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst …“, war die Rechtfertigung jeder Art von Vergewaltigung, ganz gleich ob es um die Länge meiner Haare, um die Farbe meiner Hosen oder ums Nachhausekommen ging. In der Schule hieß die entsprechende Gewalt-Legitimations-Formel: „Sie müssen sich hier nun mal anpassen …“.

Konkret hieß das z.B.: meine Haare auf die vom Herrn Direktor Süß gewünschte Länge stutzen. Was ich selbstverständlich nicht tat. Was mir ebenso selbstverständlich jahrelang Repressalien einbrachte. In seiner Familie, so hieß es, grassiere der Selbstmord …

Dieser ewige Zweifrontenkrieg gegen Familie und Schule machte mich ganz schön fertig. Jene dritte Front der Pfaffen, verinnerlicht als schlechtes Gewissen beim Onanieren, hatte ich mittlerweile im Sturm genommen: ich war aus der Kirche ausgetreten, hatte mich endlich befreit aus der Vormundschaft des katholischen Klerus. Entweder steht ER oder die Kirche, beide zugleich stehen nicht. Als mir das klar wurde, entschied ich mich für IHN und damit für ein Leben ohne religiöse Repression – ein Entschluss, den ich bis heute nicht bereue.

Aus der Kirche kann man austreten – aber aus Familie und Schule? Wie die lästige Bevormundung von Eltern und Lehrern abschütteln, ohne Geld? Wovon sollte ich leben, ohne Job? Und zur Müllabfuhr wollte ich auch nicht gerade, bloß um endlich selbständig und unabhängig zu sein, um endlich ein Leben führen zu können, wie ich es für richtig hielt. Also biss ich in den sauren Apfel, blieb in Familie und Penne, machte das Abi, ging schließlich an die Uni, studierte erst zwei Semester Jura, dann ein Semester Pädagogik, schließlich Psychologie. Es schien so, als hätte ich jetzt gefunden, wonach ich suchte. Aber die ewigen familiären Konflikte wegen meiner Haare, meiner Kleidung („Geh zum Friseur und zieh dir was Vernünftiges an, was soll’n denn bloß die Nachbarn denken!“), wegen der Mädchen („Unser Haus ist doch kein Puff !“) und meiner politischen Linkslastigkeit („Ich stehe im öffentlichen Leben und kann es mir nicht leisten, dass mein Sohn …“) verunmöglichten jedes konzentrierte Studium. Wenigstens der Hausarzt zeigte Verständnis, wusste Rat, verschrieb mir Captagon, um die gestörte Konzentration wieder aufzumöbeln. Damit nahm jene verhängnisvolle Flucht in die Droge ihren Anfang. die drei Jahre später im Knast ihr endgültiges Ende fand. Mit Captagon katapultierte ich mich aus meinen Depressionen in euphorische Höhen, mit Shit betäubte ich so manchen Schmerz. Schließlich durch Zufall Kontakt mit Großdealern. Ich witterte Morgenluft, will heißen Freiheit. Ich sah hier plötzlich die Chance, mich aus der Sklaverei der Familie zu befreien, und nahm sie wahr: ich begann zu dealen. „Das Verbrechen, so scheint es, macht über Nacht reich, wenn man die Nacht so zu benutzen versteht wie der besitzende Herr seinen Tag.“ (Bloch).

Hast du was, bist du was: diese menschenverachtende und profitverherrlichende Ideologie, von der deutschen Finanzbourgeoisie gezielt in Umlauf gebracht, übersetzte ich für mich mit: Hast du was, bist du frei!

Und ich hatte was. Hatte erst einen klapprigen WV, dann einen MG, danach einen Ford Mustang, schließlich einen BMW 2002ti, dazwischen kurze Gastspiele von Camaro, Porsche, Benz, Jaguar und ähnlich hochkarätigen Karossen, hatte eine eigene Wohnung, will heißen deren zwei, da ich mich nicht gerne auf Zeitbomben setze: also eine für mich und eine für den Shit, hatte stetig steigende Bankkonten, hatte schöne Frauen und war natürlich endlich – frei!

Rudi Lehnert


Fliegenpilz 4/1979, 8.

Überraschung

Jahr: 1979
Bereich: Lebensart