Flusslandschaft 1995

Fußball

Die Profimannschaft des TSV 1860 kehrt aus unerfindlichen Gründen dem Sechzgerstadion den Rücken, um in der tristen Atmosphäre des Olympiastadions ihre Heimspiele auszutragen. Jetzt glauben manche Personen des öffentlichen Lebens, dass das Stadion an der Grünwalderstraße nicht mehr gebraucht wird. Bei den 60er-Fans wächst der Unmut. Am Samstag, 1. April, demons-
trieren ihrer Tausend für den »idealen Giesinger Heimvorteil«.

Die Anwohnerinnen und Anwohner der Säbener Straße in Harlaching sind genervt. Die Fußball-Stars des FC Bayern fahren mit ihren Luxus-Schlitten zum Training, verfolgt von Fans. Straßen und Gehwege sind zugeparkt. Es wurlt in der Straße. Kamerateams suchen optimale Filmstandor-
te. »Hans-Peter Huber, im Bezirksausschuß Untergiesing/Harlaching: Sicher habe es seinen Reiz für die Fußballfans, zu sehen, wie die ,millionenschweren Fußballkicker ihre Schweißtropfen ver-
lieren’, doch sei beispielsweise der Getränkeverkauf mit Dosen dermaßen angestiegen, daß danach der Müll ,in allen Grünanlagen rumfliegt’. Toiletten für die ,Tausend und mehr Fans’ gibt es nur eine einzige, der einzige Parkplatz für 20 Fahrzeuge sei ständig mit Prominenten oder Spielerwa-
gen besetzt, wie man an den Kennzeichen erkennen könne … ,Dieser Wallfahrtsort ist natürlich nicht einfach abzuschaffen. Aber ein erster verlangbarer Schritt wäre zum Beispiel, den Getränke-
verkauf in Dosen zu verbieten.‘ Die Anbindung mit dem 51er-Bus und der Tram sei gar nicht so schlecht, müsse künftig aber besser bekanntgemacht werden. Doch die Anlieger in der Säbener Straße haben vor allem eine Sorge: ,Es gibt immer wieder Gerüchte über einen Stadionbau auf dem Gelände an der Säbener Straße, so ließe sich dann auch noch mit dem Training Geld verdienen. Wir sind der Meinung, daß so ein expandierendes Wirtschaftsunternehmen mit seiner Gewinnori-
entierung in ein Gewerbegebiet gehört …‘«1

»Fürs „Fanprojekt“ gibt’s (noch) kein Geld – / doch wenn: Was könnt’ geschehen? / Der Hooligan als Schläger-Held: / Wie wird der geistig umgestellt? / Da fehlt’s auch an Ideen. // Auch ist in München er meist brav, / weil scharf die Schandis lauern, / und weil manch schwarzes Fußball-
schaf / man ziemlich „repressiv“ schon traf – / nur: M u ß man das bedauern? // Helmut Seitz«2

(zuletzt geändert am 8.1.2026)


1 Münchner Stadtanzeiger 51. Münchner Osten vom 21. Dezember 1995, 2.

2 Süddeutsche Zeitung 208 vom 9./10. September 1995, 34.

Überraschung

Jahr: 1995
Bereich: Fußball