Flusslandschaft 1971

Kunstakademie

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„Eine Einführung in die visuelle Kommunikation, mit der Schüler tatsächlich selbständig arbeiten können, hat eine Gruppe von Münchner Studenten an der Akademie der Bildenden Künste im Ok-
tober 1971 herausgebracht. Die Broschüre heißt ‚Wir haben gebohrt!‘3; der Titel bezieht sich auf einen Werbespot von Colgate. Produktwerbung als Hauptbestandteil visueller Kommunikation im Kapitalismus wird nach politisch-ökonomischen und psychologischen Gesichtspunkten dargestellt. Der theoretisch anspruchsvolle Text ist dennoch einfach geschrieben, weiterführende Literatur ist jeweils angegeben. Was die Broschüre vor zahlreichen anderen Untersuchungen der Werbung aus-
zeichnet und weshalb sie für den Unterricht besonders geeignet erscheint, ist ihre optische An-
schaulichkeit, in der Typographie und noch mehr in der Verwendung von photographischem Mate-
rial. Werbephotos werden, was nahe liegt, als Beweisstücke der Analyse benutzt. Darüber hinaus wird diese selbst optisch umgesetzt, wenn z.B. die Sender-Empfänger-Relation (8) oder ein Kapi-
talumlauf (76) visualisiert werden. — Angekündigt ist übrigens ein Heft ‚FFF – Fotografie – Film – Fernsehen in der Schule’ von der gleichen Studentengruppe. Karin Buselmeier (Heidelberg)“4

Bei der Fortbildungstagung der Kunsterzieher an bairischen Gymnasien und Realschulen am 9. Dezember im Bayerischen Nationalmuseum spricht auch der Münchner Ordinarius der Kunstaka-
demie Thomas Zacharias. Er kritisiert die Pläne der Kuturministerkonferenz, die für einen Sekun-
darstufenlehrer I vorsehen, dass er in sechs Semestern zwei Fächer zu studieren habe. Dies sei bei der aktuellen Ausweitung des Fachs hin zur „visuellen Kommunikation“ unsinnig. „Die bedrohte Situation der Kunsterziehung nahm Prof. Thomas Zacharias zum Anlass, seine Pläne und Vorstel-
lungen zur Kunsterzieherausbildung zu entwickeln. Zu den räumlichen, finanziellen und personel-
len Schwierigkeiten in der Münchener Akademie (in 4 Räumen werden von ihm 217 Studenten unterrichtet) kommen interne Spannungen, die sich aus dem Missverhältnis von Arbeitsaufwand und Entscheidungskompetenz erklären. (Zacharias hat eine Stimme im Senat der Akademie, wobei er 2/3 der gesamten Studenten dort vertritt). Eine alte Prüfungsordnung aus dem Jahre 1959 er-
schwert zudem die Arbeit … Die Autonomie eines Fachbereiches Kunsterziehung müsse gesichert werden; die stärker theoretisch orientierte Ausbildung, mit ihren sinnlichen und sprachlichen Aus-
drucksformen müsse Praxis und Reflexion miteinander verbinden; der Fachbereich Kunsterzie-
hung soll nicht nur Ausbildungsfunktion haben, sondern auch Forschung auf dem Gebiet der ästhetischen Erziehung betreiben; es muss ein enger Kontakt zwischen Ausbildung und Lehrpraxis hergestellt werden; ein Kunsterzieher-Studium unter 8 Semestern ist nicht zu vertreten, ebensowe-
nig ein zweites Fach. Sollte sich das Studium des 2. Faches als unumgänglich erweisen, so müsse es ein wissenschaftliches Feld sein, zu dem sich, von der Kunsterziehung aus, sinnvolle Querverbin-
dungen herstellen lassen. In der daran anschließenden Resolution wandte man sich mit überwälti-
gender Mehrheit gegen das 6semestrige Studium und die Einführung eines zweiten Faches, selbst wenn das Studium eines ,wissenschaftlichen‘ Faches, nach Meinung eines Vertreters des Kultusmi-
nisteriums, das Ansehen des Kunsterziehers aufwerten würde, denn – so eine Formulierung in der Diskussion – »ein Lehrer, der Kunsterziehung und ein weiteres Fach in sechs Semestern studiert hat, kann nur eine Flasche sein«.“5

(zuletzt geändert am 25.5.2020)


1 Siebdruck. Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

2 Siebdruck. Plakatsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

3 Friedhelm Klein u.a., „Wir haben gebohrt!“ Werbung im Unterricht. Unterrichtsmittel für den Lehrer. Bezug: Michael Popp, 85 Nürnberg, Nunnenbeckerstraße 30 (80 S., br. 6,50 DM).

4 Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften 78 vom März 1973, 207.

5 Kunst und Unterricht. Zeitschrift für alle Bereiche der ästhetischen Erziehung 15 vom März 1972, Velber bei Hannover, 15 f.

Überraschung

Jahr: 1971
Bereich: Kunstakademie

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