Materialien 2015

Rede für Knut Becker

Inland/Ausland

Würde ich heute dort geboren
wo ich geboren bin
in Breslau
wäre ich Ausländer
für Euch – Pole
Ihr würdet von mir denken
ich hätte Euch die Wohnung
weggenommen
und den Arbeitsplatz
Und ein paar deutsche Frauen
die Euch gehören
hätte ich Euch auch noch
abspenstig gemacht
Polen sind faul
würdet ihr wissen
„faule Sau“ zu mir sagen
Und unser drittes Kind
würdet ihr wissen
kommt doch nur
wegen dem Kindergeld
Aber als ich geboren wurde
war Breslau zufällig deutsch
Und nur weil zufällig
„Deutscher“ in meinem Pass steht
steht mir alles zu
was ich mir erarbeitet habe

Knut Becker

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Knut Becker, Jahrgang 1939, geborener Breslauer, kam mit seiner Mutter über einige Zwischensta-
tionen nach München. Hier hat er von 1961 bis 1991 gelebt und gearbeitet. Er war Betriebsratsvor-
sitzender, Bildungsarbeitsentwickler, hochpolitischer Mensch, Rat- wie Ideengeber und Rezitator seiner satirischen Texte.

1991 überraschte Knut die Münchner Gewerkschaftsszene. Er zog nach Rothenbuch, gründete eine Familie und lebte dort bis zum seinem Tod am 24. Juli 2015 mit seiner Frau und seinen Kindern.

Knut hat über die Grenzen aller Gewerkschaften hinaus und bundesweit gewirkt wie kaum ein anderer Arbeits-Rechtsgelehrter. Er war begnadeter Redner und Referent und nebenbei auch gefragter politischer Satiriker.

Knut Becker hat neuen wie alten Betriebsratsmitgliedern gerne seine Ideen angeboten, z.B. dass
sie keine Geheimräte, sondern Interessensvertreter sind. Und es hat ihm immer einen Riesenspaß gemacht, mit Sprache zu spielen: Eines seiner Lieblingszitate der 90er Jahre war: „Nicht in den Betriebsrat gewählt werden darf, wem die bürgerlichen Ehrenrechte aufgrund eines Verbrechens entzogen worden sind oder wer Leitender Angestellter oder Unternehmer ist.“

Wir werden heute gemeinsam und im Gedenken an Knut versuchen, uns sein Leben aus verschiedenen Blickwinkeln vor Augen zu führen:

:: Robert Seebacher als Freund, Jurist, Ex-Betriebsratsvorsitzender
:: Sylvia Wild, Peggy Schade und Horst Schön als begeisterte, freundschaftliche und langjährige Kursteilnehmer
:: Eckhart Stevens-Bartol als Mitreferent der ersten Stunde und jahrzehntelanger freundschaft-
licher Wegbegleiter
:: Für mich ist der Blickwinkel Ex-Jugendvertreter und Betriebsrat, hauptamtlicher DGB-Sekretär und DruPa- bis ver.di-Hauptamtlicher vorgesehen.

Und da bin ich schon mitten im Thema meines Parts auf dieser Gedenkveranstaltung: Knut war nacheinander Mitglied dreier Gewerkschaften: Der guten alten Druck und Papier, dann der IG Medien (in der die DruPa mit der Gewerkschaft Kunst fusioniert haben) und schließlich der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Und: Knut war ein immer überzeugter DGB-Mann.

Knut war ein außerordentlicher Mensch. Seine Stimme hatte auf vielen Mitgliederversammlungen seiner Gewerkschaft Druck und Papier genau hier in diesem Raum immer Gewicht. Knut konnte mit wenigen Worten zuspitzen, messerscharf Situationen analysieren, begeistern, aber auch dees-
kalieren, beruhigen, zusammenführen. Manchmal hat er auch mit alldem als Redner gespielt.

Knut hat nie haupt- oder ehrenamtliche gewerkschaftliche Vorstandspositionen angestrebt und inne, war aber doch bis 1981 an zentraler Stelle in einem Kernbereich gewerkschaftlicher Arbeit verankert und war dort mittendrin in einem der wichtigsten gewerkschaftlichen Entscheidungs-
gremien. Er hat gemeinsam mit Ernst Späth Münchner und bayerische Interessen in einem ab-
soluten Kernbereich gewerkschaftlicher Gestaltungskraft vertreten, in der Tarifpolitik. Er war Mitglied der Bundestarifkommission Arbeiter der Druckindustrie, einer der damals kampfstärkste Branchen der Republik

Er war TK-Mitglied, als 1976 der wochenlange erfolgreiche Arbeitskampf gegen die Lohnleitlinien von Politik und Kapital geführt wurde. Er war damit an entscheidender Stelle, als zwei Jahre später eines der besten Rationalisierungsschutzabkommen (das es je gegeben hat) tarifiert wurde. Stich-
wort RTS-Tarif. RTS steht für rechnergesteuerte Textsysteme. Das waren die Vorboten der heuti-
gen elektronischen Arbeitsgeräte. Er hat die jahrzehntelangen Verhandlungen des legendären Gewerkschaftsvorsitzenden Loni Mahlein um eine neue Lohnstruktur begleitet und die Beschlüsse zur Forderung einer 35 Stunden Woche noch mit gefasst. Als aber 1984 der erste Schritt zur 35-Stundenwoche und die neue Lohnstruktur erkämpft wurde, hat Knut die Tarifrunden der Druckindustrie nicht mehr als Tarifkommissionsmitglied, sondern als „freier Bildungsarbeiter“ begleitet, wie er seine neue Tätigkeit selbst nannte.

Knut Becker und Ernst Späth waren in eben dieser Tarifkommission Druckindustrie gefürchtet, weil sie selten bis nie Zustimmung zu Tarifabschlüssen gaben. Klar: München war stets einer der Streikschwerpunkte der Republik, und wären die Streiks überall so erfolgreich, diszipliniert und kreativ geführt worden wie hier, hätte es da und dort noch bessere Ergebnisse geben können. Also kam stets Widerspruch.

Loni Mahlein hat mir später in einer stillen Stunde bei einem Glas Wein in Erlangen erzählt, dass er als DruPa Vorsitzender an dieser entschiedenen Haltung einerseits ganz schön zu beißen hatte, aber andererseits mitunter (aber eben nicht immer) Sympathie für diese strikte Haltung der beiden hatte.

Knut hat mir dazu in einem Gespräch gesagt: Ich fordere Kritik und will selbstbewusst denkende und handelnde Menschen, also musste ich das in meiner Wahlfunktion als Betriebsratsvorsitzen-
der genauso aushalten wie Loni in seiner Funktion als Gewerkschaftsvorsitzender.

Knuts Zeit beim Münchner Zeitungsverlag

Wie war das dann mit Knut als Beschäftigter und Betriebsratsvorsitzender des heutigen Münchner Zeitungsverlags (bekannter unter den Zeitungsnamen „Münchner Merkur“ und „tz“). Er hatte ja damals seinen Arbeitsplatz keine 100 Meter von hier entfernt in dem Bau dort drüben, der un-
mittelbar an den Parkplatz des Gewerkschaftshauses anschließt.

Knut war von Beruf gelernter Stereotypeur. Was machte ein Stereotypeur? Der Stereotypeur zauberte aus einem klassisch planen Bleisatz eine halbrunde Rotationsdruckform. z.B. für die schnell-laufende Zeitungsrotationsdruckmaschine des Merkur und er bewahrte durch den Ar-
beitsschritt des Stereotypeurs gleichzeitig den Original-Bleisatz vor Abnutzung und Zerstörung durch den Abrieb in der Druckmaschine.

Dieser Einschub wurde nicht referiert: Der Stereotypeur legt eine angefeuchtete Pappe auf die Originaldruckform und prägt auf einer Presse mit hohem Druck eine Mater davon. Die getrock-
nete Mater wird in einer anderen Maschine mit flüssigem Blei ausgegossen. Nach Erstarren des Bleis kann von dieser flachen oder halbrunden Form gedruckt werden. Vor dem Druck muss er kleinere Mängel dieser Halbrundform durch Polieren der Oberfläche oder durch Nachschneiden mit einem Stichel ausbessern. Abschließend wurde die gegossene Druckform durch Vernickeln noch widerstandsfähiger gemacht.

Knut sagte dazu viel später: „Diese Arbeit als Stereotypeur forderte mich nicht wirklich, aber ohne das nötige kraftvolle Zupacken, das in diesem Beruf nötig war, wollte ich langfristig auch nicht leben. Drum hab ich mir Zug um Zug meine Schlafzimmerwerkstatt angeschafft.“

Aber zurück zum Merkur: Knut wurde zunächst nach dem alten Betriebsverfassungsgesetz von 1952 und schließlich nach dem neuen BetrVG von 1972 freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Insgesamt 16 Jahre lang hatte er dieses Amt inne. In dieser Zeit entwickelte sich, dass er mit seinen Kolleginnen und Kollegen des Zeitungsverlages nicht nur ungewöhnliche Wege der Interessensver-
tretung praktizierte. Er wurde auch für zahllose Jugendvertreter und junge Münchner Betriebs-
ratsmitglieder wie mich so etwas wie Mentor. Als ich z.B. als frisch gewählter Jugendvertreter der Firma Obpacher nach altem Betriebsverfassungsgesetz von 1952 Zutritt zu den dortigen Betriebs-
ratssitzungen wollte, wurden die mit Hinweis auf das damalige Gesetz verweigert. Also ging ich zu meinem Gewerkschaftssekretär Otto Götz. Der sagte mir: „Du kennst doch das Gesetz und so wie ich den Willi Arndt – das war mein Betriebsratsvorsitzender – kenn, wird das für dich ziemlich schwierig. Aber unten in der Cafeteria hab ich grad den Becker mit ein paar Kollegen sitzen sehn. Vielleicht fällt dem was ein."

Knut war grad mit dem Gespräch fertig, als ich kam und nahm sich ganz selbstverständlich eine halbe Stunde Zeit. Er antwortete nicht auf meine Fragen, sondern fragte solange, bis ich mir selbst die nötigen Antworten gegeben hatte. Wir beide gingen lachend und gut gelaunt nach Hause. Dieses Prinzip, dass die Leute selbst Antworten auf ihre Fragen fanden, hat er – wie wir hier alle wissen – in den folgenden gut 45 Jahren zur Perfektion fortentwickelt. Für mich und den Betriebs-
rat von Obpacher wurde das Ergebnis des Gesprächs eine einschneidende Erfahrung: Ich stand mit den Auszubildenden und jugendlichen Hilfskräften exakt zu Beginn der nächsten Betriebsratssit-
zung vor dem Sitzungsraum und wir stellten Fragen, die keiner der Betriebsräte beantworten wollte und konnte. Also bekam ich Zutritt zur dieser Sitzung und nahm den Auftrag mit, die Fragen zu klären. Fazit: Danach gab es keine BR-Sitzung mehr ohne Beteiligung des Jugendvertreters. Knut und ich hatten unseren kleinen Triumph.

Für mich waren diese 30 Minuten mit Knut in vielfacher Hinsicht eine Lehrstunde fürs Leben. Sie haben meine spätere Arbeit als Betriebsrat und Gewerkschaftssekretär mitgeprägt. Danke Knut!

Dann kam das neue Betriebsverfassungsgesetz von 1972 und der DGB Kreis München veranstaltete eine große Informationsveranstaltung im großen Saal der Musikhochschule zum Start der neuen besseren Betriebsratszeit. Ich war frisch gewähltes BR-Mitglied und erlebte zunächst eine Vor-
tragsveranstaltung, die eher einem Vortrag von Jurastudenten an der Hochschule ähnelte. Leben kam in die Bude, als ein gewisser Knut Becker nach der ersten Pause Fragen stellte,die nicht im Stile eines Hochschul-Arbeitsrechtsseminars beantwortet werden konnten. Plötzlich wurde aus der Frontalveranstaltung eine spannende Diskussionsveranstaltung.

Für Knut gab es betrieblich neben dem gewöhnliche Wahnsinn ganz eigene zusätzliche Heraus-
forderungen. Sein Betriebsrat bestand damals aus zum Teil vergnügungssteuerpflichtigen Mit-
gliedern, die zum Teil beruflich wie interessensvertretungsmäßig auch eigene Süppchen zu kochen versuchten. Auch politisch war dort alles geboten: Vom politisch Konservativen über beinahe jede linke Sektierergruppe, die es damals in München gab. Bis hin zu strammen Sozialdemokraten und Kommunisten war dort alles vertreten. Knut hat diesen Laden zusammengehalten, aber das hat ihn Kraft gekostet.

Kraft geschöpft hat er, als er ab 1973 in der neu entstehenden Bildungsarbeit des DGB München tätig wurde. Er begann mit Wolfram Kastner – damals junger DGB-Bildungssekretär – und Eck-
hart Stevens Bartol – damals neuer und junger hauptamtlicher Arbeitsrichter – eine neuartige DGB-Bildungsarbeit für Betriebsräte aufzubauen. Politik, Blickwinkelwechsel und nicht nur Betriebsverfassung war Thema. Die Teilnehmer konnten dort in Rollenspielen die Betroffenheit von gekündigten Kolleginnen, die Sicht von Arbeitgebern, Betriebsratsvorsitzenden, Gewerk-
schaftssekretär/innen und Arbeitsrichtern einnehmen, kennenlernen, reflektieren.

Das ging nicht lange gut. Der Bevollmächtigte der größten Münchner Gewerkschaft sah, dass dabei einige sogenannte Betriebsratsfürsten regelmäßig nicht besonders glänzend gut aussahen und die Rolle des Arbeitgebers im Gegensatz zu den anderen besonders gut beherrschten. Wolfram Kastner hat mir erzählt, dass der DGB Kreisvorstand beschließen sollte, dass dieser neuen Bildungsarbeit nicht mehr gewünscht ist. Der Kompromiss war schließlich: Die drei konnten als Referenten weiter machen, aber Rollenspiele waren etliche Jahre lang aus Betriebsverfassungsrechtsseminaren schlichtweg verbannt. Soviel ich weiß, haben die drei aber diesen Blickwinkelwechsel in den Arbeitsrichterschulungen (für Ehrenamtliche) weiterhin gepflegt. Dazu gab es ja keinen Beschluss.

Und jetzt ein Blickwechsel zu Knuts Wohnungswerkstatt in Schwabing. Dort begannen politischen Diskussionen für mich immer mit gemeinsamem Kochen und gepflegtem Essen und Trinken. Das war ein sinnlicher Genuss, der Knut wichtig war. Und: Alle Beteiligten hatten am Ende immer das Gefühl, neue Blickwinkel, neue Denkansätze oder neue Ansatzpunkte für eine konfliktorientierte Betriebsarbeit gewonnen zu haben. Danke Knut!

Als Knut 1981 dem Betriebsrat seines Betriebs und dem Ortsvorstand der DruPa mitteilte, dass er nicht mehr als Betriebsratsvorsitzender antritt und er freischaffender Bildungsarbeiter werden will, waren alle fassungslos. Manche hielten ihn für verrückt. Man konnte sich damals den Münch-
ner Zeitungsverlag nicht ohne Knut vorstellen. Knut schon. Viele konnten sich damals auch nicht vorstellen, dass man von so was leben kann. Knut schon.

:: Knut erfüllte sich den Traum, seine Bildungsarbeit ohne Einflussnahme Dritter machen und gestalten zu können.

:: Knut erfüllte sich den Traum, die eigene kleine Schlafzimmerdruckerei zu seinem Hauptberuf zu machen.

:: Knut genoss sichtlich die Einheit von Hand- und Kopfarbeit in seiner neuen Arbeit.

Knut hat auch als Selbständiger immer mit allen Gewerkschaften zusammengearbeitet, wenn sie das wollen. Er ist immer überzeugter Gewerkschafter geblieben.

Knut war immer zur Stelle, wenn er als Referent oder Kulturarbeiter gerufen wurde. Auch wenn der Veranstaltungsort noch so ungünstig lag und das Honorar noch so mager war.

Wir danken Knut für die spannenden, phantasievollen, ungewöhnlichen, genussvollen, kämpfe-
rischen, kurzweiligen und freundschaftlichen Stunden, die wir mit dir verbringen konnten.

„Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“ Bertolt Brecht

Sepp Rauch


zugeschickt am 25. September 2015