Flusslandschaft 1972

Frauen

Protest findet nicht nur als formulierter Ausdruck von Konflikten zwischen Gruppen und Institutionen statt. Protest wird auch im Gegeneinander von Individuen artikuliert. Er ändert Form und Inhalt über die Zeiten. Selbstbewusste Frauen konfrontieren jetzt ihre „Partner“ mit Aussagen, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren. Richy Meyer erhielt diesen Neujahresgruß zum Jahresanfang 1972: „Gut, dass Du so schlau bist, lieber Richy! Wie Du alles durchschaust! Ich bewundere Dich! (fast noch mehr wie die Muskelmänner!) Ich wünsch’ Dir für das Neue Jahr noch mehr Durchblick! Immer geil auf dem Sprung – Deine …“ Nicht erst seit diesem Jahr ist ihm das Feiern irgendwelcher Jahrestage ein Gräuel.

Der Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße 11 in Haidhausen ist am 8. März überfüllt. Ein „Komitee Internationaler Frauentag“, bestehend aus den Mitgliedern der Aktion Paragraph 218 und aus verschiedensten Gruppierungen, hat dazu eingeladen.

Am 11./12. März 1972 versammeln sich etwa 450 Frauen von vierzig Gruppen aus der gesamten Bundesrepublik zum ersten „Bundesfrauenkongress“ in der Frankfurter Jugendherberge am Ufer des Mains. Sie haben es satt, auch innerhalb des Aufbruchs von 1968 immer nur die zweite Rolle spielen zu dürfen.

Nicht selten leben Männer in Frauenwohngemeinschaften und werden manchmal sehr davon beeinflusst.1

7. Juni, Schwabinger Bräu, Leopoldstraße 82: „‚Abschaffung des Wortes „Fräulein“ oder Einführung des Wortes „Männlein“!’ und ‚Patriarchen raus, Feministen rein ins Parlament!’ sind die neuen Parolen, die über 600 Frauen und Männer und ein Fernsehteam des Senders Freies Berlin anlässlich der Gemeindewahlen in Bayern auf der Großveranstaltung des Frauenforum hören und auf Plakaten lesen. ‚Kein Unkraut – keine Blumen – nur Feigenblätter im 7. Deutschen Bundestag!’ steht auf den 10.000 Flugblättern, die wir anlässlich der vorgezogenen Bundestagswahl verteilen.“2 — Von 30. Juni 1972 bis Sommer 1976 erscheint die Zeitschrift Frauenforum.

Auch in den Betrieben rührt sich etwas. Die Siemens-Frauengruppe wie viele andere Gruppen auch mobilisieren für ein neues Bewusstsein in der Arbeiterklasse.3


1 Siehe „Ich bin ja sehr eng mit der Frauenbewegung verwoben“ von Herbert Röttgen.

2 Der Feminist. Beiträge zur Theorie und Praxis 21/1991, München, 24.

3 Siehe „Selbstverständlichkeit“ von Christine Dombrowsky.