Flusslandschaft 1948

Jugend

3. November – Mittwoch: „Der Bayerische Jugendring fordert bei einer Protestkundgebung vor dem Landtag die Erhaltung der Jugendherbergen und die Freigabe der Jugendheime für die Ju-
gend. Bei einer Rede des Ministerpräsidenten, in der er die Rückgabe der Jugendherbergen und Jugendheime zusichert, kommt es zu Zwischenfällen, bei denen auch Steine geworfen werden.“1 Das Protokoll berichtet, was im Sitzungssaal des Oberfinanzpräsidiums, in dem der bayrische Landtag tagt, geschieht: „… Abgeordneter Meixner (CSU): … Die Frage der Schulreform sollte unter allen Umständen im Kulturpolitischen Ausschuss des Landtags diskutiert werden. (Starkes, anhaltendes Pfeifkonzert unter den Fenstern des Sitzungssaales. – Zurufe der Empörung im Saale.) Präsident: Ich bitte einen Augenblick um Ruhe. – Zu den Vorgängen möchte ich einige Bemerkungen machen. Der Polizeipräsident wurde davon benachrichtigt, dass es heute unter Umständen zu Unruhen kommt. Er hat zugesichert, dass für jeden Schutz gesorgt wird. Im Präsidium ist schon beschlossen worden, dass der Landtag wieder eine Bannmeile bekommen muss, das heißt, dass im Umkreis des Gebäudes, wo die Volksvertretung tagt, öffentliche Kundge-
bungen nicht stattfinden dürfen. Wir haben den entsprechenden Antrag nach dieser Richtung hin bereits gestellt. (Wiederholte Pfeifkonzerte der vor dem Haus versammelten Mengen. – Empörte Zurufe, vor allem von Seiten der CSU und FDP.) Deshalb will ich die Sitzung jetzt für kurze Zeit unterbrechen, bis unten wieder für Ordnung gesorgt ist. (Die Sitzung wird um 16 Uhr 44 Minuten nochmals auf fünf Minuten unterbrochen.) I. Vizepräsident: Ich bitte, Platz zu nehmen. Wir fahren in unseren Beratungen fort. Ich bitte um unbedingte Ruhe. – Herr Abgeordneter Meixner, wollen Sie in Ihrer Berichterstattung weiterfahren! Meixner (CSU) [Berichterstatter]: Staatsminister Dr. Hundhammer stellte sodann fest …“2

Der Münchner Merkur berichtet: „Pfeifkonzert vor dem Landtag – Mit großen Plakaten: ‘Gebt uns die Jugendherbergen wieder’, ‘Nestklauer Hände weg’ und ähnlichen Aufschriften zogen am ver-
gangenen Mittwoch Jugendliche verschiedener Organisationen vor den Landtag, um gegen die Anordnung des Landesamtes für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung zu protestieren, nachdem das Jugendherbergswerk als Naziorganisation zu gelten habe und unter Kontrolle gestellt werden soll. Der Aufzug war von einem wüsten Pfeifkonzert begleitet, das selbst im Vorhof des Oberfinanzpräsidiums, wo im großen Saal der Landtag tagte, nicht verstummen wollte. Der Abge-
ordnete und 2. Präsident des Bayerischen Jugendringes, Dr. Heinz Beck, hatte eine Interpellation an den Landtag gerichtet, in der darauf hingewiesen wurde, dass nach den neuen Bestimmungen für jede zurückerstattete Jugendherberge der Wertzuwachs bezahlt werden müsse. Die Jugendher-
berge Urfeld allein käme dem Verband auf 90.000 DM. Diese Belastungen würden aber das Wei-
terbestehen des Bayer. Jugendherbergswerks unmöglich machen. Inzwischen waren etwa 2.000 jugendliche Demonstranten unter Pfeifen und Johlen, das manch erschrecktes Gesicht an den erleuchteten Fenstern des Landtags erscheinen ließ, in den Vorhof eingedrungen. Kopfschüttelnd betrachtete Stadtkommandant Mr. Kelly und verschiedene amerikanische Beamte den Aufzug. Etwas ruhiger wurde es, als sich Ministerpräsident Dr. Ehard den Weg zum Mikrophon bahnte und mitteilte, dass die Angelegenheit gut stünde und er sich für die Rückgaben der Jugendherbergen einsetzen würde. Außerdem wolle sich die Staatsregierung für eine Verteilung ehemaliger HJ-Hei-
me über den Jugendring einsetzen. Aber schon nach wenigen Minuten wurde er durch Zwischen-
rufe unterbrochen. Das Gejohle steigerte sich, als der Ministerpräsident auf das unpassende Be-
nehmen der Demonstranten hinwies. Am Ende der Rede wurde Ministerpräsident Dr. Ehard von den Jugendlichen ausgepfiffen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein solches Verhalten die Bereitwil-
ligkeit zur Hilfe stärkt. Alp.“3

In Konsequenz der Ereignisse erwägt der Landtag am 5. November die Wiedereinführung der Bannmeile. Allerdings führt die Demonstration auch zum ersten bayrischen Jugendurlaubsgesetz, das 24 Tage Urlaub im Jahr für Jugendliche festlegt.


1 Chronik der Stadt München 1945 – 1948, bearbeitet von Wolfram Selig unter Mitwirkung von Ludwig Morenz und Helmuth Stahleder, München 1980, 431; 7 Fotos: Jugendliche verschiedener Organisationen demonstrieren im November 1948, Standort: Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Mappe 6d.

2 Bayerischer Landtag, 91. Sitzung vom 3. November 1948, 234, Landtagsarchiv.

3 Münchner Merkur 99 vom 5. November 1948.

Überraschung

Jahr: 1948
Bereich: Jugend