Flusslandschaft 1973

Lebensart

Am 28. Februar spricht sich der ADAC gegen eine Mineralsteuer-Erhöhung aus.1 – Am 5. März protestiert die Verkehrswacht gegen Belästigung von Verkehrsteilnehmern durch Demonstratio-
nen.2

Endlich, d’ Wies’n ruft. Das Jahr über werkelst, malochst irgendwo und irgendwie, woaßt net, wias das dem Chef Recht macha kunnst, und ahnst insgeheim, dass des ois net des is’, was d’ wuist. Die Hippies machen sich’s da einfach mit ihren Joints. Aber da gibt’s zum Glück einmal im Jahr das Angebot des temporären Ausstiegs, a richtig wuide Sach’, sozusagen Droge legal, gewissermaßen mit dem Segen von ganz oben: „… Das Oktoberfest ist das Abenteuer für Voralpen-Rancher wie für Asphalt-Cowboys. Hier kann der Jüngling noch ungehemmt als Mann-Darsteller auftreten und das Mädchen mit Trachtensex- oder Blue-jeans-Kurven die Rivalität der jungen Hirsche anreizen, bis sie mit Brunftgeschrei zur Blasmusik ihre Geweihe aufeinander krachen lassen. Fern vom grauen Alltag des kontrollierten Berufs- und Schullebens kann man hier die von keinem Tarif und keinem Zeugnis berücksichtigte Furchtlosigkeit und verkannte Tüchtigkeit zur Schau stellen – beim rasen-
den Ritt über die Achterbahn, beim großmauligen Maßkrugduell im Bier-Saloon oder beim Ballern in der Schießbude. In vornehmer Distanz zum Getümmel sitzen biedere Farmerseheleute aus dem Hinterland neben abgeklärten Großstadtbürgern und in der Box satte Geschäftsleute neben etab-
lierten Kunstprofis und ihren kichernden Spielmiezen. Der Dollar sitzt locker, der Preis spielt keine Rolle, denn der eine hat’s, und der andere haut einfach seinen letzten Penny, manchmal auch den Nachbarn, auf den Kopf. – Tote und Verletzte zwischen Balzenden und Betrunkenen, Betrug und Wucher – aufgelockert durch Freikarten für Behinderte und Kinder, Gratisbrotzeiten für verarmte Alte, Sentimentalität und Brutalität, spießige Gemütlichkeiten neben Wohlstandsexzessen mit sozialen Alibi-Einlagen. Ist die Wies’n am Ende nicht nur ein Abbild des Wilden Westens, sondern unseres modernen Lebens überhaupt – nur auf kurze Zeit und engen Raum drastisch verdichtet? H.B.“3

Freizeitreiter sprechen sich am 2. November gegen Einschränkungen des Reitens in freier Natur aus.4

Am 8. November öffnet das „Schwabylon“ (Investitionskosten 200 Millionen Mark für 370.000 cbm) in der Leopoldstraße seine Tore, ein futuristisch anmutender Komplex, der Wohnen, Shop-
ping und Freizeit in einem anzubieten scheint. Etwa hundert Geschäfte sollen eröffnet werden. Aber das Konzept geht nicht auf, die Mieten sind zu hoch, das Publikum bleibt aus. Anfang Okto-
ber 1974 haben nur noch sieben Geschäfte geöffnet. Der große Reibach wird abgesagt. Zur Krise im Wohnungs- und Städtebau veröffentlicht Werner Marschall einen Grundsatzartikel.5 1978 wird bekannt, dass der Abbruch des „Schwabylon“ etwa zwei Millionen Mark kosten wird.

Im Herbst kommt es zu einer weltweiten Ölkrise auf Grund der massiven Erhöhung der Erdölpreise durch die OPEC-Staaten. Die Bundesregierung beschließt für den 25. November das erste Sonntagsfahrverbot. Nur wer eine Ausnahmeerlaubnis erhält, darf mit seinem Kfz fahren.

(zuletzt geändert am 31.1.2025)


1 Vgl. Münchner Merkur 49/1973.

2 Vgl. Süddeutsche Zeitung 53/1973.

3 Süddeutsche Zeitung 232 vom 8. Oktober 1973, 4.

3 Siehe „Amtsschimmel gegen Pferde“ von Ulrich Kaiser; vgl. Süddeutsche Zeitung 254/1973.

4 Vgl. Werner Marschall, Die große Hure Schwabylon, in: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 99 vom Januar/ Februar 1975, 4 ff.

Überraschung

Jahr: 1973
Bereich: Lebensart

Materialien