Flusslandschaft 2004

Bundeswehr

„Wenn die Säge sägen will … – Wir haben am 8. Mai am 59. Jahrestag der Befreiung vom Faschis-
mus dem Gebirgsjägerdenkmal am Hohen Brendten in Mittenwald einen nächtlichen Besuch abge-
stattet. Ausgerüstet mit einer feinen, aber sehr lauten Motorsäge kamen wir in der Absicht das Holzkreuz des Ehrenmals abzusägen. Zu unserem großen Bedauern entpuppte sich das Holzkreuz im Schneetreiben als stabiler frischlackierter Stahlträger, den unsere Motorsäge nicht durchsägen wollte und konnte. So haben wir unsere Tätigkeit auf das ausführliche Beschriften des Ehrenmales beschränken müssen, für das wir auf das dankenswerter Weise aufgebaute Gerüst stiegen: Mit Spezialfarbe steht seit dem 8. Mai 2004: ‚Mörder unterm Edelweiß. Wir trauern um die Opfer der Gebirgstruppe. Kommeno, Lingiades, Kephallonia, Korfu, La Chapelle, Rovaniemi, Camerion, Fabriano, Seyssel, Vercors.‘ Um unserem Protest gegen die Unterstützung der katholischen und evangelischen Pfaffen für die Gebirgsjäger-Vetreranen zu unterstreichen, haben wir das Stahlkreuz in luftiger Höhe noch mit Mülleimern mit der Aufschrift ‚Haltet das Ehrenmal sauber‘ geschmückt. Das soll ein dezenter Hinweis für die Standortpfaffen aus Mittenwald sein, dem diesjährigen Feld-
gottesdienst fern zu bleiben und Segnungen und Beichten bei den Mördern unterm Edelweiß zu unterlassen. Dem Kunstzimmerer aus Mittenwald, der heuer am neuen Kruzifix für das Mörder-Denkmal schnitzt, raten wir zur Arbeitsniederlgeung und zum Streik. In diesem Sinne: Weg mit den Denkmälern der Gebirgsjäger! Für die Bestrafung der Kriegsverbrecher! – von Nachtwander-
Innen“1

Der Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V. hält seit 1952 jedes Frühjahr am Ehrenmal der Ge-
birgstruppe auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald gemeinsam mit der Bundeswehr eine Ge-
denkveranstaltung für die gefallenen und vermissten Angehörigen der Gebirgstruppe ab. In einem Aufruf des Arbeitskreises „Angreifbare Traditionspflege“ heißt es: „Es wird der gefallenen Kame-
raden und ihrer anständigen Pflichterfüllung gedacht und der Mythos vom Kampfes- und Opfer-
mut der Wehrmachtssoldaten genährt. Es wird eine Traditionspflege betrieben, die eine Verdre-
hung des Verhältnisses von Opfern und Tätern verfolgt, die die kriegerischen Handlungen der Soldaten verherrlicht und die Verbrechen verharmlost, leugnet oder als notwendige Kriegshand-
lungen umdeutet.“ Während der Demonstration mit 400 Teilnehmern am 29. Mai, Pfingstsamstag, wird eine 1 mal 1,5 Meter große Gedenktafel an der Fassade der katholischen Kirche in Mittenwald angebracht mit dem Text: „Im 2. Weltkrieg haben in Mittenwald ausgebildete Gebirgsjäger überall in Europa Kriegsverbrechen begangen.Wir gedenken der bei diesen Massakern ermordeten Men-
schen und verurteilen die Zerstörung der Orte. Bis jetzt sind Dorf-/Ortszerstörungen und Massa-
ker bekannt in: [Aufzählung von 50 Orten].“ Die Tafel wird unmittelbar nach der Demonstration zerstört. Ernst Grube, Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, hört, wie ein Pas-
sant ihm entgegen zischt: „Hitler hat vergessen, Euch zu vergasen.“ Umstehende Mittenwalder ap-
plaudieren. Die Demonstranten skandieren: „Ihr könnt ja nicht lesen, es steht an jeder Wand. Sol-
daten, das sind Mörder – und zwar in jedem Land“ und „Stalingrad war wunderbar. Nazi-Opa blieb gleich da“. Rund 20 Demonstranten veranstalten zur gleichen Zeit in der Mittenwalder Fuß-
gängerzone ein „Buchstabenballett“. Mit Hilfe von Tafeln formen sie den Schriftzug „Endlich weg damit“. Polizei schreitet ein und entdeckt, dass der Träger des „T“ der Anführer der rebellischen Meute ist. Dieser hat die Zuschauer mehrmals gefragt: „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren: Bitte sagen Sie uns: Wie geht das hier, Tür an Tor mit anständigen Familienvätern fried-
lich zusammenzuwohnen, die vielleicht Mitglied einer demokratischen Partei, der CSU, der SPD usw. sind, die während des zweiten Weltkrieges in den Gebirgsj­ägereinheiten zu Massenmördern geworden sind? Bitte sagen Sie uns: Wie lebt man mit zu Massenmördern gewordenen Wehr-
machtssoldaten hier in ihrer schönen Gemeinde zusammen?“ Der Mann wird festgenommen, an-
gezeigt und später zu einer Geldstrafe verurteilt. 2.000 Gebirgsjäger und Bundeswehrangehörige feiern am Pfingstsonntag, einige Linke protestieren. Manche Krücke wird zum Schlagstock um-
funktioniert.

Am 23. Oktober hält der Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V. seine Jahreshauptversammlung in München ab, bei der auch der neue Vorstand gewählt werden soll. An diesem Tag findet von 15 bis 16 Uhr eine Protestkundgebung Ecke Schwanthalerstraße/St.-Paul-Straße bei der Geschäfts-
stelle des Kameradenkreises statt, anschließend eine Fahrraddemo zur Bayernkaserne an der Hei-
demannstraße mit einer Schlusskundgebung.


1 https://www.nadir.org/nadir/kampagnen/mittenwald/2005/bro/Widerspruch-Protest-und-Reaktion-zum-Edelweiss.html

Überraschung

Jahr: 2004
Bereich: Bundeswehr