Flusslandschaft 2004

Bundeswehr

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Vor der Feldherrnhalle steht im Februar ein Sarg, flankiert von Bundeswehrsoldaten. Getragene Musik hallt über den Odeonsplatz, eine trauernde Witwe weint um den fern der Heimat Gefalle-
nen. Salbungsvolle Ansprachen werden gehalten. Edgar Liegl gibt den Pfaffen, Günter Wangerin den Struck und Gerstenberg den Stoiber.

„Wenn die Säge sägen will … – Wir haben am 8. Mai am 59. Jahrestag der Befreiung vom Faschis-
mus dem Gebirgsjägerdenkmal am Hohen Brendten in Mittenwald einen nächtlichen Besuch abge-
stattet. Ausgerüstet mit einer feinen, aber sehr lauten Motorsäge kamen wir in der Absicht das Holzkreuz des Ehrenmals abzusägen. Zu unserem großen Bedauern entpuppte sich das Holzkreuz im Schneetreiben als stabiler frischlackierter Stahlträger, den unsere Motorsäge nicht durchsägen wollte und konnte. So haben wir unsere Tätigkeit auf das ausführliche Beschriften des Ehrenmales beschränken müssen, für das wir auf das dankenswerter Weise aufgebaute Gerüst stiegen: Mit Spezialfarbe steht seit dem 8. Mai 2004: ‚Mörder unterm Edelweiß. Wir trauern um die Opfer der Gebirgstruppe. Kommeno, Lingiades, Kephallonia, Korfu, La Chapelle, Rovaniemi, Camerion, Fabriano, Seyssel, Vercors.‘ Um unserem Protest gegen die Unterstützung der katholischen und evangelischen Pfaffen für die Gebirgsjäger-Vetreranen zu unterstreichen, haben wir das Stahlkreuz in luftiger Höhe noch mit Mülleimern mit der Aufschrift ‚Haltet das Ehrenmal sauber‘ geschmückt. Das soll ein dezenter Hinweis für die Standortpfaffen aus Mittenwald sein, dem diesjährigen Feld-
gottesdienst fern zu bleiben und Segnungen und Beichten bei den Mördern unterm Edelweiß zu unterlassen. Dem Kunstzimmerer aus Mittenwald, der heuer am neuen Kruzifix für das Mörder-Denkmal schnitzt, raten wir zur Arbeitsniederlgeung und zum Streik. In diesem Sinne: Weg mit den Denkmälern der Gebirgsjäger! Für die Bestrafung der Kriegsverbrecher! – von Nachtwander-
Innen“2

„Fan der Folter – Bundeswehr. Es ist schon erstaunlich, welchen Gedankenspielen sich ein Pro-
fessor an der Universität der Bundeswehr in München so hingibt. Dem Nachrichtensender NTV sagte Michael Wolffsohn kürzlich. »Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim, weil der Terror im Grunde genommen mit den normativen Grundlagen – also mit der Bewertungsgrundlage unserer zivilisierten Ordnung – überhaupt nichts zu tun hat.« Foltern für die Zivilisation: Mut zur Meinung hat Wolffsohn in jedem Fall Für seine Äußerung wurde der konservative Professor für Geschichte heftig kritisiert. Die Vorsitzende der Grünen, Angelika Beer, sagte der Frankfurter Rundschau, Wolffsohn habe »das Recht auf Lehre verwirkt«. Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) nannte Wolffsohns Ansichten »un-
glaublich und in keiner Weise tolerabel«. Er versuchte, jegliche Spekulationen, deutsche Soldaten könnten etwa in Afghanistan ähnlich hart mit Gefangenen umgehen wie die Amerikaner und Bri-
ten im Irak, zurückzuweisen. »Ein deutscher Soldat foltert niemand, achtet auf die Gesundheit der Gefangenen und befolgt internationale Gesetze«, sagte Struck. Als hätte jemals ein Mensch etwas anderes behauptet. Wolffsohn sagte später, er bedauere es, wenn er sich »missverständlich« aus-
gedrückt haben sollte. Sein Anwalt, Trutz Graf Kerssenbrock, indes ging in die Offensive. Er ver-
wies auf eine Äußerung des Bundesinnenministers Otto Schily (SPD), der an islamistische Terror-
isten gewandt gesagt hatte: »Wenn ihr den Tod so liebt, dann könnt ihr ihn haben.« Wenn ein Mi-
nister so etwas sagen dürfe, sei die Äußerung seines Mandanten erst recht zulässig. Der so genann-
te Krieg gegen den Terror scheint zu seiner Sprache zu finden.“3

Der Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V. hält seit 1952 jedes Frühjahr am Ehrenmal der Ge-
birgstruppe auf dem Hohen Brendten bei Mittenwald gemeinsam mit der Bundeswehr eine Ge-
denkveranstaltung für die gefallenen und vermissten Angehörigen der Gebirgstruppe ab. In einem Aufruf des Arbeitskreises „Angreifbare Traditionspflege“ heißt es: „Es wird der gefallenen Kame-
raden und ihrer anständigen Pflichterfüllung gedacht und der Mythos vom Kampfes- und Opfer-
mut der Wehrmachtssoldaten genährt. Es wird eine Traditionspflege betrieben, die eine Verdre-
hung des Verhältnisses von Opfern und Tätern verfolgt, die die kriegerischen Handlungen der Soldaten verherrlicht und die Verbrechen verharmlost, leugnet oder als notwendige Kriegshand-
lungen umdeutet.“ Während der Demonstration mit 400 Teilnehmern am 29. Mai, Pfingstsamstag, wird eine 1 mal 1,5 Meter große Gedenktafel an der Fassade der katholischen Kirche in Mittenwald angebracht mit dem Text: „Im 2. Weltkrieg haben in Mittenwald ausgebildete Gebirgsjäger überall in Europa Kriegsverbrechen begangen.Wir gedenken der bei diesen Massakern ermordeten Men-
schen und verurteilen die Zerstörung der Orte. Bis jetzt sind Dorf-/Ortszerstörungen und Massa-
ker bekannt in: [Aufzählung von 50 Orten].“ Die Tafel wird unmittelbar nach der Demonstration zerstört. Ernst Grube, Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, hört, wie ein Pas-
sant ihm entgegen zischt: „Hitler hat vergessen, Euch zu vergasen.“ Umstehende Mittenwalder ap-
plaudieren. Die Demonstranten skandieren: „Ihr könnt ja nicht lesen, es steht an jeder Wand. Sol-
daten, das sind Mörder – und zwar in jedem Land“ und „Stalingrad war wunderbar. Nazi-Opa blieb gleich da“. Rund 20 Demonstranten veranstalten zur gleichen Zeit in der Mittenwalder Fuß-
gängerzone ein „Buchstabenballett“. Mit Hilfe von Tafeln formen sie den Schriftzug „Endlich weg damit“. Polizei schreitet ein und entdeckt, dass der Träger des „T“ der Anführer der rebellischen Meute ist. Dieser hat die Zuschauer mehrmals gefragt: „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren: Bitte sagen Sie uns: Wie geht das hier, Tür an Tor mit anständigen Familienvätern fried-
lich zusammenzuwohnen, die vielleicht Mitglied einer demokratischen Partei, der CSU, der SPD usw. sind, die während des zweiten Weltkrieges in den Gebirgsj­ägereinheiten zu Massenmördern geworden sind? Bitte sagen Sie uns: Wie lebt man mit zu Massenmördern gewordenen Wehr-
machtssoldaten hier in ihrer schönen Gemeinde zusammen?“ Der Mann wird festgenommen, an-
gezeigt und später zu einer Geldstrafe verurteilt. 2.000 Gebirgsjäger und Bundeswehrangehörige feiern am Pfingstsonntag, einige Linke protestieren. Manche Krücke wird zum Schlagstock um-
funktioniert.

Am 23. Oktober hält der Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V. seine Jahreshauptversammlung in München ab, bei der auch der neue Vorstand gewählt werden soll. An diesem Tag findet von 15 bis 16 Uhr eine Protestkundgebung Ecke Schwanthalerstraße/St.-Paul-Straße bei der Geschäfts-
stelle des Kameradenkreises statt, anschließend eine Fahrraddemo zur Bayernkaserne an der Hei-
demannstraße mit einer Schlusskundgebung.


1 Foto: Jessica di Rovereto

2 https://www.nadir.org/nadir/kampagnen/mittenwald/2005/bro/Widerspruch-Protest-und-Reaktion-zum-Edelweiss.html

3 Jungle World 22 vom 19. Mai 2004, 11.

Überraschung

Jahr: 2004
Bereich: Bundeswehr