Materialien 2020

Wir brauchen den Streik!

Kolleginnen und Kollegen!

Nachdem die WHO im März die Pandemie ausgerufen hat, wurde in den Kliniken in kürzester Zeit auf Kriegsmodus umgestellt. Wir waren keine Pflegekräfte mehr, sondern Heldinnen. Wir standen nicht mehr am Bett, sondern an der Front. Wir wurden nicht mehr eingestellt, sondern rekrutiert.

Dies ging einher mit einer flächendeckenden Entrechtung der Beschäftigten in den Kliniken. 12-Stunden-Dienste, verkürzte Pausen, die Beschäftigten wurden wie Spielfiguren willkürlich versetzt, egal ob sie in den fachfremden Abteilungen eingearbeitet waren oder nicht, ob sie dort die Patien-
ten adäquat versorgen konnten oder nicht. Das spielte nur eine untergeordnete Rolle in Zeiten, wie diesen. Es gab keine gültigen Dienstpläne mehr – man musste erscheinen, so wie es der Chef ver-
langte. Hinzu kamen Urlaubssperren, Nebentätigkeitsverbote. Die einen wurden zu Unmengen an Überstunden verdonnert und die anderen willkürlich nach Hause geschickt, mit der Anordnung, sich jederzeit für den Dienst bereit zu halten, sobald der Anruf kommt.

Dies alles geschah ohne Not! Und das ist das eigentlich wichtige! Denn die Katastrophe und die vielen Patient*innen, die man erwartete, die blieben ja aus. Das heißt, sie haben den Notstand ausprobiert, sie haben ausgetestet, was so alles geht, wenn man nur einfach so tut, als hätten man den Katastrophenfall. Sie durften endlich sanktionslos das tun, was sie schon immer wollten.

Befehl und Gehorsam, so funktionierte das System Krankenhaus in der Pandemiezeit – die Kran-
kenhaushierarchie hat funktioniert, wie die Hierarchie im Militär. Widerspruch wurde nicht ge-
duldet. Es war die Übung für den Ernstfall Krieg. Und es hat perfekt geklappt. Alle haben mitge-
macht – leider auch die Gewerkschaft, die ist nämlich weggetaucht, in dem Moment, wo wir sie gebraucht hätten und zwar in echt und nicht digital.

Sie nennen uns systemrelevant, mir wird dabei himmelangst, denn was ist denn systemrelevant anderes als kriegsrelevant? Fast vom ersten Tag an fehlte die Bundeswehr nicht. Begonnen wurde die Kooperation mit den Laboren, gefolgt von einem CT, das Soldaten vor unserer Klinik aufbauten – mit viel Trara.

Da stellt sich doch die Frage, warum es ein CT von der Bundeswehr sein muss? Schon seit langem gibt es landauf landab Kooperationen zwischen Kliniken und Bundeswehr. So wurde im August 2019 ein Kooperationsvertrag zwischen den Kliniken der gesetzlichen Unfallversicherung und dem Sanitätsdienst der Bundeswehr auf oberster Ebene beschlossen. Also die Institution, die zu einem der größten Vernichter von Gesundheit gehört. Die Institution, die in vielen anderen Ländern da-
für sorgt, dass Menschen ihre körperliche Unversehrtheit verlieren, macht mit unseren Kliniken Kooperationsverträge.

Und wir – die Beschäftigten werden verpflichtet, mit jenen zusammenzuarbeiten, ob wir wollen oder nicht. Und je mehr das DRG-System dafür sorgt, dass unsere öffentlichen Häuser in den Ruin getrieben werden, um so mehr werden diese Kooperationen vorangetrieben. Gesundheit ist schon lange eine Ware. Und je mehr unsere Gelder aus unseren Kassen für unnötige Medikamente, die oft mehr Schaden als Nutzen bringen ausgegeben werden, für unnötige OPs, die gemacht werden, weil sie mehr Geld einspielen als langwierige konservative Behandlungen für Marketingabteilun-
gen, die aus Sicht der Oberen notwendig wurden, da man die Krankenhäuser in die Konkurrenz getrieben hat, um so weniger bleibt für uns und die Erhaltung unserer Gesundheit.

Das sind unsere Gelder, aus unseren Kassen. Wie lange wollen wir noch zuschauen, dass sie uns tagtäglich bestehlen? Warum sorgen wir nicht dafür, dass wir selbst bestimmen, was mit unseren Geldern geschieht. Wenn jetzt Tausende Arbeiter*innen von BMW und MAN auf die Straße gesetzt werden, wenn die Verkäufer*innen von Karstadt und die zig Tausend vom Flughafen ihre Arbeit verlieren, dann können wir uns doch jetzt schon ausrechnen, was mit unseren Kassen in kürzester Zeit los ist. Die einen werden auf die Straße geworfen und die anderen müssen sich krankarbeiten. Das ist doch die Realität. Und wie lange wollen wir uns das noch gefallen lassen?

Lasst uns den 1. September auch als Mahnung sehen oder glauben wir wirklich, dass wir gefeit sind vor Krieg und Zerstörung. Was passiert denn, wenn die Kassen leer sind und Millionen ohne Arbeit und damit ohne Auskommen? Es ist doch kein Zufall, dass die Bundeswehr immer mehr im Inne-
ren auftaucht! Und es ist auch nicht so harmlos, wie so viele denken!

Warum denkt denn jede*r, dass es so weitergeht, wie bisher. Lasst uns wachsam sein und vor allem lasst uns gemeinsam gegen Krieg und Zerstörung vorgehen. Wir sind doch die einzigen, die den Krieg verhindern können. Das schaffen wir nur, wenn wir zusammenstehen, die Arbeiter*innen aus den Metallbetrieben, die Verkäufer*innen, die Trambahnfahrer*innen, wir aus den Kliniken und all die vielen anderen. Hören wir endlich auf, nur in den eigenen Betrieben zu agieren, lasst uns über den Tellerrand schauen und aufräumen mit jenen, die uns tagtäglich bestehlen, die unser Geld lieber für Rüstung und Militär ausgeben als für unsere Gesundheit und die uns am Ende mit Krieg und Zerstörung überziehen.

Und das ist wirklich nicht so schwer, wir haben doch das beste Mittel der Welt in unseren Händen: wir streiken einfach. Das ist doch die selbstverständlichste und einfachste Sache der Welt! Wer soll uns denn daran hindern? Wir brauchen den Streik, denn anders werden wir uns nicht durchsetzen. Lasst uns endlich das tun, was uns die Kolleg*innen in den anderen Ländern tagtäglich vorführen.

Kolleginnen und Kollegen! Es ist höchste Zeit etwas zu tun. Lasst uns nicht damit warten!

Ingrid Greif


zugeschickt am 3. September 2020

Überraschung

Jahr: 2020
Bereich: Frieden/Abrüstung