Materialien 2012

Herbert Hösl

13. Oktober 1923 – 3. Januar 2012

Wenn ein Mensch gegangen ist, wenn er uns verlassen hat, dann erinnerst du dich ganz deutlich an den Klang seiner Stimme, an seine Bewegungen, an seinen Geruch. Manchmal denkst du, er ist noch da, dann spürst du wieder die große Leere.

In deine Trauer mischen sich Zweifel und Selbstanklagen. Was habe ich zuletzt zu ihm gesagt, habe ich ihn wirklich erkannt? Mit großer Sicherheit machst du dir Vorwürfe: Habe ich tatsächlich alles Notwendige getan? So vieles ist nicht mehr geklärt worden und da wäre noch so viel zu erkunden. Ich höre jetzt ganz deutlich seinen Tonfall, als Herbert berichtete:

„Dann kam der Direktor des Heims zu mir und forderte mich auf, mitzukommen. Auf meine Frage ‚Wohin?’ sagte er ‚Zur Gestapo’. Während der Fahrt in seinem Auto – ich saß zum ersten Mal in einem Auto! – redete ich aufgeregt auf den Direktor ein, dass ich auf keinen Fall in diesem Heim bleiben werde, sondern bei nächster Gelegenheit abhaue – das hat mir der Onkel Jakl immer schon eingebläut. Auf den gemütlichen Pfarrer machte meine Androhung nicht den geringsten Eindruck. Er bot mir sogar an, persönlich das Tor zu öffnen, denn dann käme ich in ein strenges Erziehungs-
heim mit Stacheldraht drum herum. So lieferte er mich bei der Gestapo in der Briennerstraße zur Vernehmung ab. Ihm wurde bedeutet, er solle im Auto warten.

An den zwei gewaltigen Löwen vorbei wurde ich im Wittelsbacher Palais durch mehrere riesige Räume geführt. In einem dieser großen Räume stand ein wuchtiger geschnitzter Schreibtisch und der Gestapo-Beamte – ich glaube, er hieß Wagner – kam hinter dem Tisch hervor und stellte einen Stuhl an einen der Flügel der schweren Tür mit geschnitzten Ornamenten aus dunklem Holz.

Vor vierzehn Tagen war ich gerade elf Jahre alt geworden. Ich dachte daran, dass mir meine Mut-
ter und Jakl immer sagten: ‚Die wissen nur, was du ihnen sagst.’ Und so verhielt ich mich auch. Ich musste mich mit dem Rücken zur Tür setzen, und dann ging das Verhör los. Auf die Frage des Ge-
stapo-Beamten ‚Na, du weißt doch, wo die Pistole ist!’ und meine Antwort ‚Na, da woaß i nix!’, riss er meinen Kopf, den er unter dem Kinn gepackt hatte, nach oben, dass ich mit dem Hinterkopf an die Schnitzereien krachte. ‚Du weißt doch, wo die Flugblätter sind!’ Immer die gleichen Fragen. Bei jeder Verneinung fasste er unter mein Kinn und riss es nach oben, als wollte er mir in die Augen sehen, aber ich wusste nichts, und jedes mal stieß er meinen Kopf auf die gleiche Art an die schwe-
re Türe. Das Blut lief mir herunter, es kam sogar unten aus meiner kurzen Hose wieder heraus. Von Waffenverstecken wusste ich tatsächlich nichts, nur dass die Flugblätter und eine Abzugsma-
schine im Egarten vergraben waren.

An den beiden großen Eingangs-Löwen vorbei ging ich hinaus zum Auto des Direktors. Der war sichtlich erschüttert, als er mir das Blut abwischte. Auf seine Frage, was geschehen sei, sagte ich nur: ‚Ich wurde verhört.’ In den folgenden Monaten hatten die katholischen Schwestern eine eigen-
tümliche Scheu vor mir, denn ich war bei ihnen das erste freireligiöse, politische Kind, dessen Mut-
ter im Gefängnis war. Als ich 1945 in die Briennerstraße fuhr, stand da nur noch ein steinerner Löwe, und ich vor den Trümmern des Palais. Eine große Genugtuung!“

Ganz leise, fast nebenbei, erwähnte Herbert Hösl, dass er, auch infolge der brutalen Vernehmung, totkrank wurde und schon aufs Sterben vorbereitet die letzte Ölung erhielt; erst nach eineinhalb Jahren war klar, dass er weiterleben würde.

Glück hat Herbert sehr selten erlebt. Unehelich geboren wuchs er als Schlüsselkind auf. Seine Mut-
ter, Viktoria Hösl, Tabakeinfüllerin in den Austria-Werken, die an der äußeren Schleißheimerstra-
ße in Milbertshofen lagen, war engagierte Betriebsrätin und 1932 auf der Liste der KPD in den bay-rischen Landtag gewählt worden.

Eine der wenigen poetischen Freuden hatte der Bub, wenn er auf den herbstlich abgeernteten Fel-
dern im Münchner Norden seinen sechseckigen roten Drachen steigen ließ, den ihm Jakob Schwel-
ler, Doras Halbbruder, gebaut hatte. Unübersehbar war dieser mit einem mächtigen gelben Ham-
mer-und-Sichel-Emblem geschmückt. Die Drachen der Nazikinder trugen dagegen ein Haken-
kreuz. Da wurde es zum Sport, so einen Faschistendrachen zu kappen und zum Absturz zu bringen.

Nach der Machtübergabe an die Nazis wurde Dora, wie Viktoria Hösl überall genannt wurde, ver-
haftet. „Ich nehme an, dass meine Mutter mit ihrer Verhaftung schon gerechnet hat. Am 10. März sind die Nazis mit Lastwagen vorgefahren, haben das Daniel-Haus – so hat es bei uns in Milberts-
hofen geheißen, es war ziemlich runtergekommen – mit SA umstellt und meine Mutter und den Onkel Jakl verhaftet. Und das ist wiederum interessant, dass meine Mutter die einzige war, die ab diesem Tag in Haft geblieben ist.“ Vom 10. März 1933 bis März 1936 war Dora im Gefängnis Sta-
delheim inhaftiert, ohne dass es zu einer Anklage geschweige denn zu einer Gerichtsverhandlung kam.

Eine Zeit lang sorgte Jakl für den Buben. Dann wurde der Onkel am 31. Oktober 1934 erneut ver-
haftet. Er kam ins Konzentrationslager Dachau, wo er die nächsten neun Jahre verbrachte. Herbert war jetzt allein, so dass ihn die Polizei am 1. November 1934 in das katholische Clemens-Maria-Kinderheim in der Spixstraße 14 in Giesing überführte. Am folgenden Tag wurde der Direktor des Heimes, Pfarrer Hennerfeind, aufgefordert, den Buben bei der Gestapo im Wittelsbacher Palais abzuliefern.

Die besorgten Schwestern pflegten Herbert danach zwar wieder gesund, aber bedrängten ihn auch in ihrem missionarischen Eifer. Was die Leute nur alles von ihm wollten: Er soll die Mutter verra-
ten, er soll Priester werden, er soll, er soll … Der Heranwachsende fand im Chaos der übermächti-
gen Anforderungen, der fehlenden Möglichkeiten sich zu wehren und in seiner Zerrissenheit der Gefühle keinen geraden Weg aus dem Dickicht der Kindheit und Jugend. Unerfüllte Sehnsucht und Trauer blieben lebenslänglich sein ihn bestimmendes Element.

Am Samstag, den 21. September 1935 sahen Mutter und Sohn sich zum ersten Mal wieder, seit Dora vor über zwei Jahren verhaftet wurde. Noch einmal konnten die beiden sich an Weihnachten 1935 sehen, dann wurde Dora ins Frauen-Konzentrationslager Moringen verlegt. Im September 1937 kam Dora Hösl endlich frei mit der Auflage, sich wöchentlich bei der Polizei zu melden. Zu diesem Zeitpunkt war sie 35 Jahre alt. Sobald sie eine Wohnung und eine Arbeit hatte, nahm sie ihren Sohn, der mittlerweile in der Lehre war, wieder zu sich.

Inzwischen wurde Dora im Widerstandskreis um Beppo Römer, Otto Binder und Willi Olschewski aktiv. In ihrer Fünfergruppe befanden sich ihr Sohn, Engelbert Kimberger und Thea und Simmerl Hutzler. Am 14. März 1942 wurde Dora erneut verhaftet.

Im Sommer 1941 musste Herbert zum Arbeitsdienst, dann wurde er gemustert, kam zuerst nach Frankreich und war schließlich bis 1945 im Kaukasus Soldat. Im Sommer 1943 sowie im Sommer 1944 hatte Herbert Urlaub und konnte seine Mutter im Gefängnis besuchen. Am 20. Juni 1944 wurde Dora zu drei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Am 19. April 1945 kam sie beinahe verhungert und gesundheitlich schwer angeschlagen frei.

Herbert geriet südlich von Prag in amerikanische Gefangenschaft und durfte im Juli 1945 zurück nach München. Politisch Unbelastete wie Herbert wurden jetzt gebraucht. Er arbeitete in der KZ-Betreuungsstelle, war zuständig für enteignete „Nazi-Betriebe“, die neue Besitzer finden sollten. Und dann kam auch wieder die kommunistische Partei, er solle die Jugend wieder organisieren, allerdings in einer überparteilichen Gruppe.

Für die insgesamt siebeneinhalb Jahre Haft bekam Dora Hösl 12.000 Mark Entschädigung. Ei-
gentlich hätte sie auch Anrecht auf eine Rente gehabt, doch der gutachtende Professor, ein ehemal-
iges Mitglied der NSDAP, meinte, ihr schlechter Gesundheitszustand sei nicht den Haftbedingun-
gen zuzuschreiben, sondern anlagebedingt. Dora Hösl starb 51-jährig am 9. Mai 1953 an den Spät-
folgen ihrer Haft.

Herbert war nach 1945 zunächst mit dem Aufbau der antifaschistischen Jugendorganisation be-
fasst. Die Emigrantinnen Ruth Jakusch und Lucie Geiger sowie der emigrierte Schriftsteller Edu-
ard Schmidt-Claudius, die in amerikanischer Uniform zurückgekommen waren, erzählten ihm von der überparteilichen „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) im Exil in England. Herbert schlug in den Gremien die Bezeichnung „FDJ“ vor und setzte sich durch: „In München, da bin ich mir sicher, gabs die erste FDJ auf deutschem Boden, drüben in der Sowjetischen Besatzungszone kam sie erst ein Jahr später. Als dann die Uniformen eingeführt werden sollten, habe ich gesagt, nein, nicht mit mir. Ich habe immer gepredigt, nie wieder dürfen wir Uniformen anziehen, und jetzt kommt Ihr daher mit einer Uniform. Da hat dann der Meindl Toni die FDJ übernommen, die Blauhemden wurden eingeführt und ich bin abgetreten.“

In der KPD kam es zu Auseinandersetzungen. Wer kritische Fragen stellte, wurde unbequem, passte nicht in die Parteilinie. Früher war er des „Trotzkismus“ verdächtigt, jetzt war es der „Titois-
mus“. Bei einer internen Auseinandersetzung platzte Herbert der Kragen: „Erklärt mir doch end-
lich mal, was Titoismus ist!“ Da war Schweigen in der Runde. Manch altgedienter KPD-Mann flog aus der Partei, vor Herbert hatten die Parteisäuberer allerdings etwas Scheu. Schließlich war er der Sohn der Hösl Dora.

Der Kalte Krieg kündigte sich an. Es waren oft die gleichen Polizisten, die vor 1945 Jagd auf Regi-
mekritiker machten, die jetzt wieder Kommunisten verfolgten:

„1949 gab es das große FDJ-Treffen in Nürnberg, an dem ich teilnahm. Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach München klingelte es um fünf Uhr in der Früh’. Meine Mutter sagte, es ist klar, wer da um fünf Uhr in der Früh’ klingelt, da gibt es nur eine Möglichkeit. Es waren Polizisten, die mit gezogener Pistole in unsere Wohnung kamen und mich verhafteten. Sie sagten, sie würden mich zur Militärregierung mitnehmen. Ich fragte sie, ob sie, wenn sie mich mitnähmen, einen kleinen Umweg machen könnten. Die Parteizentrale der KPD liege ja auf dem Wege zum Europa-Platz an der Widenmayerstraße 25. Da wurden sie zu mir etwas freundlicher. Sie meinten: ‚Ah, Sie sind ein Politischer. Wir dachten, Sie haben gestohlen oder geschmuggelt.’

Sie ließen mich, nachdem ich ihnen mein Ehrenwort gegeben hatte, zurückzukommen, in die Par-
teizentrale, wo ich mitteilte, dass ich verhaftet worden sei und wohin ich gebracht werde. Dann ging die Fahrt weiter zu den Amerikanern. Dort wurde ich in das Büro eines Offiziers geführt. Ein zweiter, ein Jude, schrieb das Protokoll. Dieser näherte sich bei einer Gelegenheit, beugte sich zu mir hinunter und meinte leise: ‚Das kriegen wir schon!’ Als der vernehmende Offizier sein Verhör mit der Floskel begann, ‚Wir haben Sie hierher gebeten …’, gab ich sofort zurück: ‚Sie haben mich nicht in aller Frühe hierher gebeten, sondern verhaften lassen.’ Da meinte er entschuldigend:’ Naja, Ihre Polizisten sind nun mal ziemlich grob.’ Mehr als zu berichten, dass ich bei dem FDJ-Treffen war, konnte ich nicht. Schließlich fuhren sie mich wieder nach Hause …“

Mit zwei Genossen, dem Spöcker Anderl und dem Berger Toni, baute Hösl ab 1950 eine Druckerei auf – nicht nur für die Partei. Nach dem Verbot der KPD entstanden hier Tarnschriften. Im Im-
pressum hieß es geheimnisvoll: „Berger & Co.“ Geschäftsleute ließen hier im Hinterhof direkt hin-
ter der „Schwabinger Sieben“ in der Feilitzschstraße drucken, auch die Deutsche Friedens-Union, die Internationale der Kriegsdienstgegner, die Jungsozialisten, Sozialdemokraten. Anfang der 70er Jahre mussten diese mit einem Parteiausschluss rechnen, weil im Impressum ihrer Schriften „Hösl-Druck“ zu lesen war.

Bis zuletzt beobachtete Herbert das politische Zeitgeschehen, kommentierte die aktuellen Skandale mit beißendem Spott, war bekümmert über die scheinbare Übermacht einer alles beherrschenden, stumpfsinnigen Verblödungsindustrie. An seiner Meinung hielt er fest, dass die Befreiung der Ar-
beiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann.

Die Beerdigung von Herbert Hösl fand in aller Stille statt.


Günther Gerstenberg

Überraschung

Jahr: 2012
Bereich: Gedenken