Flusslandschaft 1974

Zensur

Zunächst nur im Einzugsbereich der Regionalprogramme des Norddeutschen Rundfunks und
von Radio Bremen wird im Polit-Magazin „Panorama“ eine illegale Abtreibung gezeigt. Daraufhin brechen vor allem von kirchlicher Seite Proteststürme los, noch bevor die geplante bundesweite Ausstrahlung erfolgt. Als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ und „unerhörte Brüskierung des sittli-
chen Empfindens von Millionen Mitbürgern“ bewertet die CDU-/CSU-Bundestagsfraktion den Beitrag. Es folgt die Androhung einer Strafanzeige durch den Münchner Kardinal Döpfner, der in dem Beitrag eine „Aufforderung zum Rechtsbruch“ erkennt. „Prälat Maier vom Ordinariat der Erz-
diözese München forderte – wie vor ihm schon CDU-Ministerpräsident Stoltenberg – ARD und NDR auf, für die ‚Panorama’-Redakteure ‚Konsequenzen zu ziehen’ … Helmut Oeller, Fernsehdi-
rektor des Bayerischen Rundfunks, führte dann am Freitag die ‚Alltagsmoral der Mehrheit’ ins Feld – wohl so etwas wie das gesunde Volksempfinden.“2

In Hamburg und München werden Peter Fleischmanns „Dorotheas Rache“ sowie Peckinpahs Gangsterfilm „Bring mir den Kopf von Alfred Garcia“ beschlagnahmt.3

„Politische Zensur in Bayern – Der Berufsverband Bildender Künstler in München erstellte in einjähriger Vorbereitung eine Ausstellung ‘die Stadt’. Sie sollte sich aus künstlerischer Sicht mit den vielen Problemen dieses Themas auseinandersetzen. Grundkonzeption war, dass die im Ver-
band tätigen Richtungsgruppen, wie z.B. die Gruppe tendenzen, eigenständige Beiträge erarbeiten und geschlossen hängen. Diese Konzeption wurde unter Missachtung der Verbandsdemokratie kurz vor der Ausstellung verworfen und ein großer Teil der Beiträge der Gruppe tendenzen aus-
juriert. Ebenfalls umgestoßen wurde das Katalogkonzept, so dass das Vorwort für die Gruppe ten-
denzen, ein Textauszug aus ‘Münchner Kindl’ von Franz Xaver Kroetz wegfiel. – Auf Einspruch hin wurden die Bilder der Gruppe tendenzen dann wieder aufgenommen bis auf den Beitrag von Guido Zingerl: ‘Stadtplanung heißt hier Gewinnplanung für die Konzerne.’ Das Triptychon zeigt oben ,die Münchner Politiker Goppel und Vogel, Baron v. Finck die Hände küssend, in der Mitte eine Alt-
stadtsanierung und unten eine Bürgerinitiative mit dem Transparent ‘Bürger wehrt euch !’. – Guido Zingerl erhielt die Auskunft, dass dieses Bild den Schirmherren und Geldgebern, dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus und der Stadt München nicht zugemutet werden könne. Es ist dies ein neuerlicher Versuch, den Berufsverband als Instrument konservativer Kräfte zu missbrauchen und Bilder engagierter Maler ohne den früher üblichen Vorwand minderer Qualität mit direkter politischer Begründung hinauszuwerfen. In München gab es schon einmal die Ausstellung ‘entartete Kunst’. Wir sollten jetzt alle Kräfte mobilisieren, gerade nach dem jüngsten Wahlergebnis eine zweite Auflage dieser Kulturpolitik zu verhindern. — Die Gruppe tendenzen protestierte in der Pressekonferenz und während der Ausstellungseröffnung mit Abbildungen des inkriminierten Bildes und Plakaten wie ‘Gegen politische Zensur’, ‘Wie frei ist Kunst in Bayern?’ und ‘Für freie Meinungsäußerung in der Kunst’! Die Besucher solidarisierten sich großenteils mit tendenzen, und es konnten 30 Unterschriften gesammelt werden.“4


1 Der Spiegel 12 vom 18. März 1974, 19 f.

2 Vgl. Der Spiegel 43 vom 21. Oktober 1974, 177.

3 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 99 vom Januar/Februar 1975, 66.