Flusslandschaft 1975
Gewerkschaften/Arbeitswelt
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- DGB
- Deckel
- Gesundheitswesen
- Lehrerinnen und Lehrer
- Metallindustrie
- Rhode & Schwarz
- Rodenstock
- Schreiner
- Schwabinger Krankenhaus
- Siemens
- Süddeutscher Verlag
- Uher
Allgemeines
Anfang April sind in Bayern 9.735 Jugendliche erwerbslos.1
FRITZ HAT EINIGES AUF DEM KASTEN // Unser Fritz hat einiges auf dem Kasten / wenn Fritz Brotzeit holt / verdient er mindestens 5 DM „Trinkgeld“ / wenn Fritz den Wagen seines Chefs putzt / bekommt er gelegentlich ein Lob / wenn Fritz samstagsvormittags Maschinen reinigt / ist sein Lehrherr und Brötchengeber zufrieden / wenn Fritz Gewerkschaft hört, schaltet er ab / kostet Geld und nützt gar nix / wenn Fritz vom Lehrgesellen geohrfeigt wird / hat das bestimmt seine Richtig-
keit / wenn Fritz wegen termingebundener Aufträge den Berufsschulbesuch ausläßt / weiß der Chef, Fritz bringt für die Firma Verständnis auf // Fritz weiß genau um den Unterschied zwischen Lehrlingen und Auszubildenden // Euer Fritz hat einiges auf dem Kasten / wenn es ihn nur nicht erdrückt ! // Michael Tonfeld (1975)2
Dieter Hildebrandt: »… Jedenfalls auch das Herz und die Meinung, die wichtige Meinung, die wichtigste Meinung von dem Präsidenten unserer Arbeitgeberverbände, nämlich er, wie heißt er, Schleyer heißt er, jawohl, Schleyer, und was der sagt, ist natürlich, selbstverständlich objektiv, denn was der Schleyer sagt, ist ja wirtschaftspolitisch und im wahrsten Sinne des Wortes bare Münze. Jüngst hat nun Herr Schleyer sein Herz ausgeschüttet und hat offenbart, das Problem der Jugendarbeitslosigkeit ist nicht so sehr eine Frage der mangelnden Ausbildungsstellen als vielmehr die Frage einer viel zu großen Zahl von Nichtgelernten und lernunwilligen Jugendlichen. Sehn Sie, doof bleibt doof, da helfen eben keine Pillen. Da bleibt nur der Arbeitsdienst. Sehn Sie mal, es muß ja auch nicht Arbeitsdienst heißen, vor allen Dingen nicht Reichsarbeitsdienst, weil dann erkennt man es. Ich finde die Vorstellung grandios. Stellen Sie sich einmal vor, 120.000 zu faule Jugendli-
che arbeiten für das Volk. Im Grunde ist die Jugendarbeitslosigkeit, sie hat auch ihr Gutes, auch für die Gewerkschaft. Denen täte es ganz gut. Sehen Sie, 120.000 weniger Beitragsgelder, das sind 7,5 Millionen Ebbe mehr in der Kasse, ätsch. Wir sind schon wieder wer, wir Unternehmer. Heute-morgen hat ein Lehrmädchen mir die Hand geküßt, weil ich sie nach einer falschen Ablage nicht entlassen habe. — Das ganze Volk befindet sich jetzt in einem Krieg und der Endsieg wird lauten: Konjunkturaufschwng. Und wo sind die Jugendlichen in diesem Krieg? Sie sind das industrielle Ersatzheer. Ist das nicht fabelhaft? Verstehen Sie? Druck entsteht, Druck, der auf dem Arbeits-markt basiert und sogar schon wieder Konkurrenz unter den Lohnabhängigen aufbrechen läßt, endlich wieder. Sehen Sie, man sagt sich, Tarifforderungen mäßig, Krankenstand fällt. Lieber einen schlechten Arbeitsplatz als gar keinen. Lieber eine untergeordnete Berufsausbildung als gar keine Berufsausbildung. So gesehen können wir Arbeitgeber uns eigentlich bedanken. Unsere Regierung, sie lebe hoch!«3
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Am Ende des Jahres in der BRD
– ist Wirtschaftswachstum immer noch das vorrangige Ziel,
– wird der Bevölkerung eine immer größere Lärm- und Schafstoffbelastung zugemutet,
– ereignet sich alle 18 Sekunden ein Arbeitsunfall,
– ist jeder 13. Erwerbstätige von einem Arbeitsunfall/einer Berufskrankheit betroffen,
– bekommen Frauen bei gleicher Arbeit 1/3 weniger Lohn als Männer,
– gibt es ca. eine Million Erwerbslose, jeder 10. davon ist ein/e Jugendliche/r,5
– wird Arbeitern eine qualifizierte Mitbestimmung (was und wie produziert wird) verweigert,
– besitzen 1,7 Prozent der Bevölkerung 70 Prozent des Produktivvermögens,
– sind Wegwerfprodukte wichtiger als dauerhafte Güter,
– werden allein für Werbung 100 Millionen DM aufgewendet,
– wird Natur zerstört, um noch mehr Straßen zu bauen und noch größere Fabriken zu errichten,
– soll mit Atomkraftwerken die sog. Energielücke geschlossen werden,
– gibt es 6 Millionen Arme (=10 Prozent der Bevölkerung) mit einem Einkommen, das unter den Sozialhilfesätzen liegt,
– gibt es über 600.000 Obdachlose, davon die Hälfte Kinder,
– gibt es ca. 1 Million Alkoholiker,
– sind über 40.000 Jugendliche rauschgiftsüchtig,
– gehen über 4 Millionen Menschen wegen psychischen und psychosomatischen Krankheiten zum Arzt,
– sterben täglich 36 Menschen durch Selbstmord, über 100.000 unternehmen einen Selbstmord-
versuch,
– sterben täglich 36 Menschen durch Verkehrsunfälle auf der Straße,
– werden ca. 30.000 Kinder von ihren Eltern schwer misshandelt,
– sind viele Wohnungen zu klein, zu laut und zu teuer,
– sind 20 Prozent der Großstadtwohnungen sanitär unzureichend ausgestattet,
– sind über 100.000 BügerInnen auf ihre „Verfassungstreue“ überprüft worden.
Siehe auch „Frieden/Abrüstung“.
DGB
Das Motto des DGB zum Ersten Mai lautet: »Sichere Arbeitsplätze, Gerechtigkeit, Starke Gewerk-
schaften — DGB — Internationales Jahr der Frau.« Der DGB-Kreisvorsitzende begrüßt 50.000 Menschen auf dem Königsplatz. Seine Forderungen lauten: „Für sichere Arbeitsplätze“, „Mitbe-stimmung“, „Gegen Lohnsenkung“ und „Für Berufsbildungsreform“. Der Polizeibericht spricht von 8.000 Teilnehmern, die Bild-Zeitung von 6.000 und die Süddeutsche Zeitung von 12.000 Teilneh-mern. Dann sprechen Oberbürgermeister Kronawitter und Bundesforschungsminister Matthöfer. Sie weisen auf die augenblickliche Wirtschaftskrise hin, grenzen die Gewerkschaftsbewegung gegen „Rechts“ und „Links“ ab und fordern dazu auf, die Ärmel hochzukrempeln, dann werde man es schon schaffen.6
Samstag, 7. Juni, 10 Uhr, Marienplatz: Kundgebung der DGB-Jugend gegen Lehrstellenabbau, Jugendarbeitslosigkeit, für mehr Ausbildungsplätze und eine demokratische Berufsbildungsre-
form. Es spricht Georg Benz vom Vorstand der IG Metall.7
Mit der Ölkrise 1973 beginnen Angriffe auf mühsam und nur in Ansätzen erkämpfte Errungen-
schaften wie Sozialstaat und Mitbestimmung. Der DGB hält bei einem Kongress in Frankfurt am Main Anfang Oktober dagegen. Der Vorsitzende Heinz Oskar Vetter: „Das Grundgesetz hat als pro-
visorische Regelung der Frage der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung grundsätzlich offenge-
lassen. Diese Offenheit bedeutet nicht, dass allein eine Alternative gestattet wäre: einerseits der li-
beralistische Kapitalismus alter Art, andererseits ein sich auf der Grundlage von Maßnahmen der Vergesellschaftung entwickelnder demokratischer Sozialismus. In der politischen Diskussion jener Zeit spielten vielmehr gerade dritte Wege eine wichtige Rolle: Modelle einer weitgehend durch so-
ziale Grundrechte, Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer und Interventionsrechte des Staates modifizierten privatwirtschaftlichen Ordnung. Diese Modelle sollten in jedem Falle verfassungs-
rechtlich zulässig sein. Sie kommen mit der politisch-historischen Bedeutung der Begriffe ‚sozialer Staat‘ und ‚sozialer Rechtsstaat‘ zur Deckung. Nicht zu vergessen: Auch die soziale Marktwirtschaft sollte mehr sein als nur ein neues Etikett für eine alte Ware.“8
DECKEL
„… Im Zusammenhang mit der Kurzarbeit sei auch auf die Überstunden hingewiesen, die an man-
chen Stellen in unserem Betrieb geschoben werden mußten. Auf der einen Seite Kurzarbeit und auf der anderen Überstunden. Prinzipiell sind wir der Meinung, dass die Arbeiterbewegung nicht über 50 Jahre für den 8-Stunden-Tag gekämpft hat, damit ihn die Unternehmer durch Überstunden-
zwang ständig durchlöchern. Zum anderen sollten wir auch daran denken, dass auch in München viele Kollegen arbeitslos sind. Wenn wir zu viel Arbeit haben, die durch den regulären 8-Stunden-Tag nicht geschafft werden kann, dann soll man neue Arbeitskräfte einstellen und uns nicht ewig mit Überstunden kommen.“9
Da gibt es immer einen, der den Betriebsfrieden stört. Das ist lästig!10
GESUNDHEITSWESEN
LEHRERINNEN und LEHRER
Für den 9. Juli lädt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu einer Demonstration „gegen Planstellenstreichungen und Lehrerarbeitslosigkeit“.12
METALLINDUSTRIE
13
Der neue Tarifabschluss in der Metallindustrie ergibt 6,8 Prozent. Das scheint ein annehmbares Ergebnis zu sein. Tatsächlich haben die aktuellen Preiserhöhungen das meiste schon wieder aufge-
fressen. Nichts ist besser geworden.14
RHODE & SCHWARZ
In der Toilette bei Rhode & Schwarz steht an der Wand: „Die 7 Phasen der Auftragsabwicklung –
1. Begeisterung. 2. Verwirrung. 3. Ernüchterung. 4. Massenflucht der Verantwortlichen. 5. Suche der Schuldigen. 6. Bestrafung der Unschuldigen. 7. Auszeichnung der Nichtbeteiligten.“ In der Firma sollen zehn Prozent der Kosten reduziert werden. Das geht bekanntermassen auch über Entlassungen. Der Betriebsrat steht da im Wege. Was tun?15
„Nicht genug damit, daß in Personalbögen bei Neueinstellungen gefragt wird, ob man vorbestraft ist. Neuerdings mußten sich junge Kollegen auch Fragen nach gewerkschaftlicher und politischer Betätigung gefallen lassen. Nachdem die Geschäftsleitung von R & S bei den letzten Betriebsrats-
wahlen eine erhebliche Schlappe erlitten hat, bleibt ihr nichts anderes übrig, als alles, was nach Gewerkschaft riecht, von der Firma fernzuhalten. Dies ging jedenfalls aus Gesprächen hervor, die man mit Auszubildenden führte, die nach Abschluß der Prüfung eventuell ins Arbeitsverhältnis übernommen werden sollten. Wird bei R & S gewerkschaftliches Engagement von jugendlichen Kollegen mit firmeninternem Berufsverbot belegt? Die Anzeichen sprechen dafür. Gegen diese Art von Gesinnungsschnüffelei hilft nur eins: Solidarisches Verhalten der Lehrlinge und aller Kolle-
gen.“16
RODENSTOCK
„Seinen besonderen Beitrag zum ‚Jahr der Frau‘, das von der UNO proklamiert wurde, leistet der Herr Ka. aus dem vierten Stock: Er schikaniert die Frauen so sehr, daß manchmal die Tränen rollen. Man kann ihm halt gar nichts recht machen. Wenn wirklich mal jemand einen Stuß baut, dann muß gleich die ganze Abteilung dafür büßen. Wir kennen nicht die Qualitäten, die die Direktion von den Meistern erwartet. Aber derartige Praktiken passen wohl nicht zur ‚modernen Personalführung‘, wie sie in der Dezemberausgabe der ‚Guten Sicht‘ vorgestellt werden.“17
SCHREINER
Schreiner demonstrieren am 15. März gegen tariflosen Zustand.
SCHWABINGER KRANKENHAUS
Eine Initiativgruppe vom Schwabinger Krankenhaus informiert am 24. Juli in der Max-Emanuel-Brauerei in der Adalbertstraße 33 über „Auswirkungen der 40-Stundenwoche auf Patienten und Pflegepersonal“ und protestiert gegen den drohenden Gewerkschaftsausschluss der Kranken-
schwester Barbara Rotthaler und des Arztes Johannes Spatz, deren Forderungen der ÖTV zu weit gehen.19
SIEMENS
Manche Siemens-Mitarbeiter haben auch ein paar Aktien des Betriebs, in dem sie arbeiten. Dass sie sich deshalb mit ihrer Firma identifizieren, ist nicht immer gesagt.20 — „Drohungen wegen Krankheit – Im Bereich Fg wurden auf Anweisung der Personalabteilung Listen mit den Fehlzeiten der einzelnen Kollegen aufgestellt. Mehreren Kollegen, die öfters wegen Krankheit gefehlt hatten, wurde nun eröffnet, dass sie im Wiederholungsfalle mit einer Kürzung der Sonderzulagen zu rechnen hätten. Wir betonen, dass es sich keinesfalls um sogenannte Blaufeierer handelt, in den meisten Fällen lagen der Firma ärztliche Atteste vor. Sonderzulagen können bekanntlich jederzeit gekürzt werden; es ist jedoch eine grobe Unverschämtheit, diese Zulagen als Druckmittel gegen Kranke einzusetzen. Damit soll letztlich erreicht werden, dass Kollegen entgegen der ärztlichen Weisung zur Arbeit kommen. Ob sie damit ihre Gesundheit ruinieren, interessiert die Herren von Siemens wohl nicht. Da die Verantwortlichen offensichtlich meinen, die augenblicklich (für sie) günstige Lage auf dem Arbeitsmarkt ausnützen zu können, ist davon jeder betroffen. Kollegen, meldet solche Vorfälle Eurem Betriebsrat, sobald sie Euch bekannt werden. Er wird sich für die Betroffenen einsetzen.“21
22
Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) gibt den Siemens-Lehrling heraus. Das gefällt der Rechtsabteilung des Hauses nicht. Der Name der Firma dürfe nicht im Kopf der Zeitschrift zu lesen sein. Seit April heißt die Schrift Der Lehrling. Zeitung der Münchner Lehrlinge des Metallbereichs.
SÜDDEUTSCHER VERLAG
Das ist wahrlich die Crux der Arbeitgeber: Wie schaffen sie eine Balance zwischen technischer Innovation und dem darausfolgenden Abbau von Arbeitsplätzen, ohne dass die Belegschaft auf die Barrikaden geht.23
UHER
1974 wurde die Firma „in akuter finanzieller Notlage“ verkauft. Für die Belegschaft bleibt die Lage auch 1975 bedrohlich.24
(zuletzt geändert am 12.12.2025)
1 Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 3. April.
2 Michael Tonfeld, Und im übrigen bin ich der Meinung, Augsburg 1980, 63.
3 »Sparring«, Zweites Deutsches Fernsehen am 4. Oktober 1975, 16 Uhr.
4 Blatt. Stadtzeitung für München 58 vom 28. November 1975, 22.
5 Siehe
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=055, 6 f. und
- https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=056, 8 f.
6 Siehe Fotos vom „ersten mai“.
7 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=047, 2.
8 Heinz O. Vetter (Hg.), Mitbestimmung, Wirtschaftsordnung, Grundgesetz. Protokoll der wissenschaftlichen Konferenz des DGB vom 1. – 3. Oktober 1975 in Frankfurt a.M., Frankfurt/M. 1976, 25.
9 Unser Echo. Zeitung der DKP-Betriebsgruppe für Deckel 3/1975, 1.
10 Siehe „Abbau der Sozialleistungen – Familie Deckel stört den Betriebsfrieden“.
11 Aktuelle Gesundheitspresse 12 vom Juni 1975, München, 14.
12 Broschüre: Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung 152/1.
13 Die Zündung. Zeitung der DKP-Betriebsgruppe für die Arbeiter und Angestellten bei BMW vom März 1973, 2.
14 Siehe „In der Krise lassen sie alle die Maske fallen – auch die Herrn von BMW“.
15 Siehe „Unbequeme Betriebsräte sollten gefeuert werden“.
16 Ro(h)te Funken. Zeitung der DKP für Rhode & Schwarz vom August 1975, 2.
17 Die Lupe. Zeitung der DKP für die Belegschaft der Firma Rodenstock 2/1975, 5.
18 Nachlass Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
19 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=050, 2.
20 Siehe „Die Hauptversammlung“ von E. A. Rauter.
21 Betriebsecho. Zeitung der DKP-Betriebsgruppe für die Siemens-Belegschaft, April 1975, 8.
22 Flugblattsammlung, Nachlass Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
23 Siehe „Arbeitsplätze im Süddeutschen Verlag bedroht“.
24 Siehe
- „Neue Hiobsbotschaft“ und
- „Uher-Berater Nagl ein …*“.