Flusslandschaft 1975
StudentInnen
Am 1. Januar 1975 tritt das bayrische Hochschulgesetz (BHG) in Kraft, welches die Allgemeinen Studentenausschüsse abschafft und Ordnungsrecht und Regelstudienzeiten festlegt. Die Studie-
rendenvertretungen (Sprecherrat) dürfen sich laut BHG nur um die »fachlichen, wirtschaftlichen, musischen und sportlichen«, nicht aber die politischen Belange der Studierenden kümmern. Sie sind eine Dienststelle der Hochschule (keine juristische Person) und verfügen über keine Finanz-
autonomie, d.h. die Verwendung der vom Staat zugewiesenen Mittel im Sinne des Gesetzes wird von der Verwaltung kontrolliert. An der Münchner Uni kehrt, so hofft die Hohe Politik, Schritt für Schritt Friedhofsruhe ein.
14. Februar: „Bücherverbrennung durch kommunistische Studenten bei Uni-Wahlen“.1
An der Münchner Uni tummeln sich diverse „linke“ Gruppen. Wie es in einer dieser „Kaderschmie-den“ aussieht, das gruselt einen dann doch und macht nachdenklich.2
Mittwoch, 4. Juni: Der »Fachschaftszentralrat« plant eine Vollversammlung. Ein Hörsaal wird verweigert. Darauf versammeln sich Hundert Studis im Lichthof. Hunderte von Stadt- und Bereit-
schaftspolizisten marschieren auf. Fünfzig Kommilitoninnen und Kommilitonen werden festge-
nommen und erkennungsdienstlich behandelt. »Wer es wagte, gegen die gewaltsame Unterbin-
dung der Veranstaltung zu protestieren, bekam die Polizeigewalt am eigenen Leibe zu spüren (in deren Ausführung die Hüter des Staates sichtlich nicht ohne Freude am Beruf ihren durch diesen geförderten privaten Sadismus zur Geltung brachten) und wurde in die Ettstraße verfrachtet … Die Eskalation des staatlichen Terrors schafft klare Verhältnisse: es wird ernst gemacht mit dem BHG. Wo es der reformierten Ausbildung durch Regelstudienzeit, permanente Leistungskontrollen etc., die den Studenten Höchstleistungen in der Darbietung von Blödsinn und der konsequenten Unterdrückung jeglichen Gedankens abverlangen, nicht gelingt, Kritik zu liquidieren, steht die Staatsgewalt bereit: mit dem Schlagstock der Polizei soll der Wille bezwungen werden, der sich falschen Argumenten nicht beugt. Daß eine derartige „Widerlegung“ der von Kommunisten vor-
gebrachten Kritik diese zur Aufgabe ihrer Politik bewegen wird, ist jedoch nicht zu erwarten. Darüber hinaus könnte das Argument der Staatsgewalt auch solche Studenten, die bislang noch alles in Ordnung wähnten, auf Gedanken bringen …«3
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Die studentischen Gremien der TU und der Uni organisieren Busse für die Fahrt nach Dortmund.
Eine Vollversammlung mit Neunhundert Teilnehmern beschließt am 27. Juni, die Studis ab 3. Juli eine Woche lang in einer Urabstimmung entscheiden zu lassen, ob sie mehrheitlich entweder für den Erhalt der Verfassten Studentenschaft mit politischem und imperativem Mandat und mit Bei-
trags- und Satzungshoheit ODER für den Sprecherrat des BHG votieren. Die Diskussionen um die Verteidigung der verbotenen verfassten Studentengremien veranlasst den Kommunistischen Stu-
denten-Verband (KSV) für den 4. Juli zu einer Versammlung einzuladen. Etwa Dreihundert Kom-
militoninnen und Kommilitonen sind anwesend. Währenddessen haben ungefähr Vierhundert be-
helmte Polizisten den gesamten Unibereich abgesperrt, stürmen am Ende der Veranstaltung die Uni und jagen Studis durch die Gänge. Da hilft nur noch schnell auf die Toiletten zu flüchten.
Am 11. Juli findet eine Demonstration »Gegen Stellenstop und Relegation von Stefan Eckart, gegen die Verschärfung der Ausbildungsbedingungen und der politischen Unterdrückung an der Uni« statt. Organisatoren u.a.: KSV und Kommunistischer Studenten-Bund (KSB/ML)
Am 17. Juli beginnt eine Demonstration »Gegen Planstellenstreichungen und Lehrerarbeitslosig-
keit — Schluß jetzt mit dem Abbau demokratischer Rechte« um 17 Uhr am Unibrunnen. Organisa-toren u.a.: Marxistischer Studenten-Bund Spartakus (MSB) und Kommunistischer Hochschul-bund (KHB)

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28. Oktober: Die Studenten der Fachhochschule protestieren gegen die Schließung ihrer Mensa.
Eine Vorlesung könnte von einer „amtsbekannten“ Studentin gestört werden. Um das zu verhin-
dern, sitzen zwei „ältere Studenten“ im Hörsaal. Das hat Konsequenzen.6
MSB und Sozialistischer Hochschulbund (SHB) wehren sich. Vom 8. bis 12. Dezember haben sie Wahlurnen aufgestellt. im Germanistischen Institut beschlagnahmt die Polizei eine Urne, in der Mensa jagt die Polizei »Störenfriede«. Immerhin wählen 3.383 Studis ein neues unabhängiges Studentenparlament.
Am 12. Dezember 1975 möchte Kurt Biedenkopf, Generalsekretär der CDU, auf Einladung des RCDS in der Uni zum Thema „Freiheit – Aufgabe und Chance der westlichen Welt“ sprechen. Sprechchöre hindern ihn an seiner Rede.7
(zuletzt geändert am 22.4.2026)
1 Vgl. Süddeutsche Zeitung 38/1975.
2 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=040, 9.
3 ak aktuell: Klare Verhältnisse, in: Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
4 Nachlass Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
5 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
6 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=059, 23.
7 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=060, 13.