Materialien 2001

Im Namen der Sicherheit

500 Experten hatte die Technische Universität (TU) nach München eingeladen und von 500 eine Resolution unterschreiben lassen.

Darin drängen sie „wegen der weltweit einzigartigen Experimente“ auf die letzte entscheidende Teilgenehmigung des neuen Forschungsreaktors FRM 2 in Garching bei München durch die Bundesregierung.

Zwar hat die bayerische Landesregierung diesem Vorhaben schon immer freudig applaudiert, weil „Bayern damit ein weiteres Mal Weltspitze“ markiert, wie Herr Stoiber bewegt versichert. Aber die Parteien der jetzigen Bundesregierung, SPD und Grüne, hatten sich wie auch der SPD-geführte Münchner Stadtrat bisher gegen das TU-Konzept gestellt, weil die „einzigartige“ Dichte des Neu-
tronenflusses durch hochangereichertes Uran 235 erreicht werden soll.

Dieses HEU (High Enriched Uranium) bedeutet eine Anreicherung von 93 Prozent gegenüber drei Prozent in üblichen AKWs, womit nicht nur ein hohes Risiko für die nur 14 Kilometer entfernte Millionenstadt Mänchen entsteht, sondern gleichzeitig der von der BRD unterzeichnete Vertrag gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen gecancelt würde. Bayerns Industrieabfall wäre Grundmaterial für den Bau einer Atombombe!

Allerdings: Diese rot-grüne Gegnerschaft stammt noch aus Zeiten, als diese Oppositionsparteien waren. Heute, „in der Regierungsverantwortung“, sieht man das nicht mehr so eng. Es gibt schon Gerüchte von Bund-Bayern-Mauscheleigeschäften. Genehmigt ihr unser HEU, dafür zeigen wir uns flexibel gegenüber den Privatisierungsplänen des Wirtschaftsministers für das bayerische Wasser, womit die Bürger gleich doppelt aufs Kreuz gelegt würden.

Dagegen hat sich eine leider nur auf Garching lokalisierte Bürgerinitiative gegründet, die einen Bürgerentscheid durchgesetzt hat. Trotz eines Werbefeldzugs von TU, Landesregierung und Kraftwerksunion/Siemens votierten die Bürger mehrheitlich gegen das strahlende Projekt neben ihren Wohnungen.

Aus dieser Niederlage zog die CSU-Regierung eine klare Konsequenz. Der Bau geht weiter, als wäre nichts geschehen, aber die Darstellung in der Öffentlichkeit muss unbedingt verbessert werden. So betont die TU nun „die außerordentliche Bedeutung der Garchinger Forschung für die Tumorbe-
kämpfung und Krebstherapie“, was verzweifelt an den zündelnden Feuerwehrmann erinnert.

Aber zurück zum TU-Kongress. Dummerweise fiel die großartige Präsentation des Wissenschaft-
ler-Votums für die größtmögliche und baldmöglichste Neutronenquelle zeitlich genau einen Tag nach den Ereignissen des 11. September. Pech!

Sofort versicherte der Vertreter der TU, dass der neue (hochgiftige) Reaktor selbstverständlich gegen Flugzeugabstürze absolut gesichert sei. Ist ja schließlich Bundesgesetz.

Jedoch ist dieser Prallschutz nur für kleine Maschinen ausgelegt, höchstens für Militärflugzeuge. Vom nur fünf Kilometer entfernten Franz-Josef-Strauß( ! )-Flughafen steigen aber jedes Jahr mehr vollgetankte Großraumflugzeuge auf – was aber die Herren Stoiber und Glos ebenso wenig irritier-
te wie die Vertreter von TU und Siemens.

Als Sicherheitsausgleich könnten ja noch ein paar Bürgerfreiheiten außer Kraft gesetzt werden und – wie schon immer von dieser Seite propagiert – noch einige Milliarden Mark mehr zur Terroris-
musbekämpfung in aller Welt auf den Militäretat umgeleitet werden.

Bernd Bücking


unsere zeit. Sozialistische Wochenzeitung 43 vom 26. Oktober 2001, Essen, 7.

Überraschung

Jahr: 2001
Bereich: Atomkraft