Materialien 2001

Mieten halbieren Monatslohn

„Sie suchen dringend in München eine Wohnung?“ Da hat sich ein Makler eine „soziale“ Action einfallen lassen obendrein mit Fun-Effekt und möglicherweise TV-Auftritt bei Pro7. Denn jeder Mietbewerber muss um 16 Uhr eine 3-Minuten-Vorstellung absolvieren.

Wer trotz seiner Wohnungssorgen die komischste Show abzieht, kriegt den Zuschlag! Das ist „so-
zial“, weil hier nach anderen Pluspunkten als „Wer bietet mehr?“ ausgewählt wird. Die Höhe der Kaltmiete von 2.300 DM für 87 qm bleibt vom Erfolg der Darbietung unberührt.

München ist absolut Spitze!

Der Hintergrund für diese zynische Clownsnummer: „Deutschlandweit steigen die Mieten, aber München hat die Vorreiterrolle mit durchschnittlich +15 Prozent im Jahr 2000 (1999: + 9,8 Pro-
zent). Man rechnet zwischen 13 Prozent und 20 Prozent für neu abgeschlossene Verträge. Erst-
vermietungen übersteigen häufig 25 DM/qm …“, so Johann Schneider vom Ring Deutscher Mak-
ler. Damit liegen Münchens Wohnungsmieten pro qm um 26 Prozent über denen in Hamburg, 80 Prozent über Augsburg, 70 Prozent über Berlin (W) und 138 Prozent über denen in Berlin (O). Da niemand in Prozent rechnet, sondern konkrete Beträge blecht, heißt das: Pro Quadratmeter zahlt man aktuell in München

Ladenmiete: 360 DM für kleine Läden; 250 DM für über 60 qm; Tendenz 400 DM

Büromiete: 70 DM; Tendenz 80 DM

Wohnungsmiete: 28 DM in besseren Lagen; Tendenz 30 DM

Deshalb hat ein Run auf das „Frei“kaufen von mietpreisgebundenen Wohnungen eingesetzt. Der Bestand an preiswerten Wohnungen („preiswert“ heißt unter 13 DM/qm!) ist von 41 Prozent 1993 auf 28 Prozent 1998 gesunken und hat inzwischen weiter rasant abgenommen. Bis 2010 rechnet das Sozialreferat mit einem Verlust von 26.000 Sozialwohnungen. Den momentan 66.200 Sozial-
wohnungen in München stehen 10.200 nicht erfüllbare Anträge, davon die Hälfte äußerst drin-
gend, gegenüber.

Arm raus! Reich rein!

Es überrascht nicht, wenn das Sozialreferat feststellt, dass bei vielen Haushalten die Miete bereits mehr als 50 Prozent des Einkommens verschlingt. Die IG Metall München rechnet, dass nahezu die Hälfte ihrer Mitglieder noch einen Zweitjob bedienen muss, um sich München leisten zu kön-
nen.

Die an sich erfreuliche Nachricht, dass erstmalig die Zahl der Armen in München geringfügig auf 158.870 gesunken ist (Eine Großstadt der Armut in der Glitzermetropole „mit Herz“), bedeutet nichts Anderes, als dass die Schlechterverdienenden, die Kinderreichen und die mit geringer So-
zialrente verdrängt werden, während die Zuziehenden vor allem gut verdienende Spezialisten oder Schickimickis sind. Darauf deutet auch die im Durchschnitt kontinuierlich gestiegene Wohnqua-
dratmeterzahl pro Kopf, obwohl die Sozialwohnungen nicht größer geworden sind.

Aus „Linksblick“, Stadtzeitung der DKP München


unsere zeit. Sozialistische Wochenzeitung 43 vom 26. Oktober 2001, Essen, 7.

Überraschung

Jahr: 2001
Bereich: Wohnen