Flusslandschaft 1950

Alternative Szene

Der lebensreformerische Protest der ersten Nachkriegsjahre richtet sich eher an das Individuum. Eine Aufklärung, so wird gesagt, habe nur positive Wirkung, wenn sie direkt und konkret den Einzelnen anspricht. Gusto Gräser, der von der Münchner Bohème der Jahrhundertwende und der Lebensreformbewegung der Weimarer Republik übrig geblieben ist, ein Individualanarchist, der sich mehr schlecht als recht durch die Nazizeit durchgebracht hat, hielt sich seit den letzten Kriegsjahren in München verborgen. Jetzt, nach 1950, sitzt er mit seinen lang wallenden Haaren jeden Abend in einer Schwabinger Wirtschaft an seinen Stammplatz. Manche nennen ihn spöttisch „Kohlrabi-Apostel“ und sie lachen über einen, der radikal seine Überlegungen umsetzt: Der Querdenker meint, der Mensch sei nur Bestandteil der Natur, obwohl er sich anmaße, die Natur zu unterwerfen. Genauso sei es ein Wahnsinn, wenn sich Menschen gegenseitig den Schädel einschlagen. Gräser wohnt in Freimann (nomen est omen!). Immer wieder zieht er durch den Englischen Garten und hängt pazifistische und ökologische Gedichte in die Bäume, die er auf farbige, zumeist quadratische Papiere kaligraphisch schreibt. Ein paar Menschen verstehen ihn, aber er bleibt der Rufer in der Wüste. Er stirbt neunundsiebzigjährig im Oktober 1958. Man bestattet ihn in einem Armengrab im Nordfriedhof, das 1965 aufgelöst wird. – „Eines der letzten Münchner Originale, der dreiundachtzigjährige Naturapostel Arthur Gräser, ist dieser Tage gestorben. Seit mehr als fünfzig Jahren trug er eine Art Kutte, die mit einem Strick zusammengehalten war, über die Schulter ein Netz mit gelben Rüben oder Blaukrautköpfen und an den Füßen römischen Gladiatoren-Sandalen. In den letzten Jahren sah man den bärtigen Mann mit dem wallenden Kopfhaar auch oft mit einer US-Khaki-Unterhose bekleidet, die er mit Schnüren umwickelt hatte, an denen seine Sandalen befestigt waren.“1


1 Stadtchronik, Stadtarchiv München.

Überraschung

Jahr: 1950
Bereich: Alternative Szene

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