Flusslandschaft 1984
Gedenken
Dereinst zogen die ausgelernten Metzger-Lehrlinge kostümiert in Schafspelzen und behängt mit Lamm- und Kalbschwänzen zum Fischbrunnen auf dem Marienplatz, um „getauft“ und von Lehr-
sünden freigesprochen zu werden, um dann den Gesellenbrief zu erhalten. 1793 verbot der gran-
tige Kurfürst Karl Theodor das ungebührliche Treiben, um 1850 gestattete der gutmütige König Maximilian II. den zünftigen Metzgersprung wieder. Das ist halt eine Tradition, eine alte. Und heute täten sich die Touristen über die farbenprächtigen Gewänder und exotischen Rituale der Indigenen doch freuen. CSU-Stadtrat Robert Nagl will den Metzgersprung wieder aufleben lassen und meint: „Eine Vervollständigung der alten Überlieferung zumindest bei Beginn und am Ende des Schäfflerjahres durch einen Sprung in das (angewärmte) Fischbrunnenwasser würde das An-
sehen des Metzgerhandwerkes weiter heben und den Bürgern Freude bereiten … Im Jahre 1517 wütete eine schlimme Pestepidemie, die Tausende von Münchnern hinwegraffte. Wie den Annalen zu entnehmen ist, schwebte die ganze Bürgerschaft in Todesangst. Die Zunft der Schäffler war es, die mit fröhlicher Musik zum Marktplatz zog und dort mit grünbelaubten Reifen einen Rundtanz aufführte. Nachdem die Schäffler ihren Tanz beendet hatten, sprangen Metzgerlehrlinge in den Fischbrunnen, um zu zeigen, daß die Luft und das Wasser wieder rein sind.“1 So DIE „Annalen“, aber nicht Historikerinnen und Historiker, die mühsam Quellen in Archiven studieren. Angelese-
nes Halbwissen und eine gehörige Portion Phantasie prägen Geschichtsbilder, die, unendlich oft reproduziert, die vergangene Wirklichkeit zum Verschwinden bringen.
Verletzte und Hinterbliebene des Oktoberfestanschlags protestieren in einem offenen Brief dage-
gen, dass die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit der Begründung, Attentäter Gundolf Köhler sei ein Einzeltäter gewesen, die Ermittlungen eingestellt hat. — „26. September: Fackelzug für die Op-fer des Wiesen-Attentats vor vier Jahren. Es ging mit ca. 900 Leuten vom Sendlinger-Tor-Platz zum Mahnmal am Oktoberfesteingang. Dort wurde dann eine Schweigeminute abgehalten. Bei der Kundgebung am Sendlinger-Tor-Platz gabs Redebeiträge von Bürgermeister Hanzog und dem bay-rischen DGB-Vorsitzenden Schösser, der auch meinte, ‚den jungen Menschen müsse Zukunftshoff-nung statt Existenzangst gegeben werden, um einer Radikalisierung den Nährboden zu entziehen’. Beim Mahnmal sprach dann Georg Kronawitter. ‚Allen neuen Anfängen zu wehren, bleibt unsere Verpflichtung, nationalsozialistisches Gedankengut erst gar nicht aufkeimen zu lassen, ist unser Ziel.’“2
»„DAS KLEINE ÜBEL VERHINDERT NICHT DAS GROSSE.“ Über 2.000 Menschen waren am 10. Oktober zur traditionellen Feier der DGB-Jugend anläßlich des Jahrestages der „Reichskristall-
nacht“ in die KZ-Gedenkstätte Dachau gekommen. Nach einem Fackelzug vom Appellplatz zum Krematorium beschäftigte sich der ehemalige österreichische Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky mit den Ursachen, die zur Machterschleichung durch die Hitler-Faschisten geführt haben. Er ver-
wies darauf, daß die Nazi-Partei niemals in demokratischen Wahlen die Mehrheit des deutschen Volkes für sich hätte gewinnen können und daß schließlich die Berufung Hitlers durch Hindenburg das Feld für Terror und Diktatur geöffnet habe: „Wollen wir aus der Geschichte lernen, dann muß man feststellen: Das kleinere Übel (Hindenburg, d.Red.), wie man es damals nannte, verhindert in der Regel nicht das große. Und: Es war die Uneinigkeit der Massen und der Parteien, zu denen sie sich bekannten, von links bis in die demokratische Mitte, die eine Einigung auf einen eindeutig demokratischen Reichspräsidenten verhinderte.“ Die deutschen und österreichischen Antifaschis-
ten hätten schon lange vor der Machtergreifung Hitlers gesagt: „Der Faschismus beginnt als Krieg innerhalb eines Volkes und hört dann als Krieg zwischen den Völkern auf.“ Viele Millionen Tote und Verwundete hätten die Wahrheit dieser Voraussage bestätigt. Zum Schluß rief Kreisky den Jungen zu: „Lernt aus der Geschichte, damit ihr klüger werdet für ein andermal. Ihr müßt die Ver-
gangenheit begreifen, damit ihr die Zukunft gestalten könnt!“ Der Münchner DGB-Chor und der bekannte Kabarettist Helmut Ruge mit seinem neuen Partner Dirck Städtler (früher Floh de Colog-
ne) gaben der Feierstunde einen würdigen kulturellen Rahmen. Zum Schluß erklang das Lied der „Moorsoldaten“. Viele hatten Kränze an der Gedenkstätte im Krematoriumsgelände niedergelegt. G.Z.«3
Im November wird der Förderverein Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau e.V. ge-
gründet.
(zuletzt geändert am 7.1.2025)
1 Süddeutsche Zeitung vom 10. Februar 1984.
2 Spion. Zeitung für München 25 vom November 1984, 6.
3 Mitteilungsblatt der Lager-Gemeinschaft Dachau 1984 – 1985, 7.