Materialien 1954
Die Vernehmung zur Person: Oskar Neumann
1917 als Sohn des Dr. jur., Dr. rer. pol. und späteren Reichsbahnoberrats Neumann geboren, be-
suchte Oskar Neumann das humanistische Gymnasium und war mit 19 Jahren der beste Abiturient im ganzen Lande Bayern. Aber gleichzeitig mußte er erleben, daß sein Vater wegen „nichtarischer Abstammung“ aus dem Amt geworfen wurde und er als Sohn des „Nichtariers“ trotz seiner Fähig-
keiten kein Stipendium bekam und nicht die Universität beziehen durfte. Einige antifaschistische Beamte der Technischen Hochschule München ermöglichten es ihm, sich dort als Chemiker aus-
bilden zu lassen. Im Arbeitsdienst erlebte dann der junge Student aufs neue „die Entwürdigung des Menschen durch das System einer Militarisierung der Jugend“, wie er seinen Richtern ins Gesicht sagt, die gar nicht zu merken scheinen, daß diese Worte ihr Amt Blank nicht weniger treffen als jenen RAD der Vergangenheit.
Im November 1938 schied der Vater aus dem Leben. Er konnte die Brutalität der „Kristallnacht“ nicht überstehen. „Dieses Erlebnis war von größter Bedeutung für meine Entwicklung. Mein Vater war zutiefst durchdrungen von den Rechtsauffassungen des anständigen, demokratischen und li-
beralen Bürgertums. Hilflos war er trotz größter geistiger Überlegenheit den faschistischen Mör-
dern ausgeliefert, denn er sah nicht den einzigen Ausweg: das Bündnis mit den Arbeitern und Bauern für Recht, Demokratie und Freiheit!“, sagte Oskar Neumann. „Mein Vater sah nicht. daß ein System, das auf Krieg ausgeht, die persönlichen Rechte des Menschen mit Füßen treten muß.“
Mitten in der Flut faschistischer Hetzpropaganda bemühte sich der 22jährige Sohn des Toten, aus seinen Erkenntnissen die Konsequenzen zu ziehen; er benutzte jede Gelegenheit zu antifaschisti-
scher Tätigkeit und fand Hilfe bei den Gelehrten der Technischen Hochschule, bei Professor Hie-
ber und dem Nobelpreisträger Geheimrat Professor Fischer, der ihn lehrte, daß wissenschaftliche Leistung wertlos wird, wenn der Wissenschaftler nicht im gesellschaftlichen Leben darum ringt, daß diese Leistungen zum Segen der Menschheit und nicht zu Vernichtungs- und Ausbeutungs-
zwecken angewandt werden. „Geheimrat Professor Fischer war alles andere als ein Kommunist“, berichtet Oskar Neumann, „aber er half uns, die Rolle der Sowjetunion im antifaschistisch-demo-
kratischen Krieg gegen die Hitler-Koalition zu erkennen.“
Nach Ostpreußen verlegt, wo sie zu „Langemarck-Bataillonen“ für den Krieg zusammengefaßt werden sollten, leisteten die Studenten solch hartnäckigen Widerstand, daß man sie nach München zurückschickte, damit nicht noch andere von ihnen „angesteckt würden“.
„Ich habe die Überfälle auf Holland. Belgien und Frankreich 1940 mitmachen müssen“, schildert Oskar Neumann. ,,Aber ich habe keinen Schuß auf die Bevölkerung abgegeben, mich nicht an den Plünderungen beteiligt und bin heute noch stolz darauf, daß ich ohne Beförderung als Kanonier aus der Wehrmacht entlassen wurde. Ich habe es erlebt, daß in dieser aggressiven Armee die Dümmsten und Skrupellosesten die größten Chancen hatten. Die frechsten Räuber schrien am lautesten von ,deutscher Ehre’ und ,Treue zum Führer’.“
Hier hält es der Vorsitzende nicht mehr aus. Er schneidet Oskar Neumann das Wort brüsk ab und „verwahrt sich“ gegen diese Schilderung. Aber er ist an den Falschen geraten.
„Ich habe in meiner Division erlebt, daß Verbrecher unbestraft ausgingen, die französische Frauen vergewaltigt hatten. Dies ist durch Gerichtsentscheidung der Divisionsrichter geschehen“, hält ihm Oskar Neumann vor.
„Ein Erlebnis wurde mitbestimmend für meine künftige Entwicklung“, fährt Oskar Neumann fort, „nämlich das Beispiel unbeugsamen nationalen Stolzes der Arbeiter und Bauern vor allem in Frankreich. Sie ließen sich nicht ködern durch das Geschwätz über eine „Neuordnung Europas“, und ihr Widerstand vermochte es,, daß die technisch so stark überlegene Hitler-Armee am Frei-
heitswillen der Völker schließlich scheiterte.“
Nach Entlassung aus der Wehrmacht kam der junge Student an die Technische Hochschule zurück und bestand 1943 seine Diplom-Prüfung mit „Sehr gut“.
Gegen Ende des Krieges mußte Oskar Neumann erleben, daß die Geschwister Scholl, die katholi-
schen Antifaschisten, mit denen seine Widerstandsgruppe in Verbindung stand, von Freisler, dem Verbrecher im Richtertalar, aufs Schafott geschickt wurden. Dann verschickt die Gestapo auch den jungen Chemiker ins KZ. Zuerst nach Tiefenort, dann nach Abteroda, beides Außenkommandos des berüchtigten KZ-Buchenwald. „Ich habe dort alle Scheußlichkeiten des Regimes und der SS erlebt. Wie Menschen zu lebenden Schießscheiben gemacht und zu Tode gequält wurden, wie die SS-Stäbe die wenigen Lebensmittelvorräte stahlen und verschoben, um sich für die Nachkriegszeit vorzubereiten, in der sie zum Teil heute noch ihr ungestörtes Leben führen“, ruft Oskar Neumann den Richtern zu. „Aber ich erlebte auch den Todesmut der Häftlinge, insbesondere den heldenhaf-
ten Kampf der sowjetischen Gefangenen! Ich stand erschüttert vor jener Straßenbahnschaffnerin aus Leningrad, die nur die Volksschule besucht hatte, aber unsere deutschen Klassiker besser kannte, als es unserer eigenen Jugend gelehrt wurde. Ich erlebte, daß die belgischen Kameraden uns die Waffen für die Befreiung zusteckten und ich lernte vor allem die Opferbereitschaft der deutschen Kommunisten kennen, die das letzte Brot, die letzte Kartoffel und den letzten Löffel Suppe mit uns teilten, ohne zu fragen, welcher Weltanschauung wir angehörten. Diese Erfahrung gab mir mehr, als alle Bücher es könnten.“
Oskar Neumann wurde Mitglied der illegalen antifaschistischen Lagerleitung, flüchtete mit einer Gruppe von Kameraden nach Süden und erreichte, nachdem die SS noch zwei seiner Mitkämpfer erschossen hatte, die amerikanische Linie. Als er jedoch nun auf das Verhalten der US-Offiziere zu sprechen kommt, explodiert der Senatspräsident genau wie zuvor bei der Darstellung der Zustände in der Hitler-Wehrmacht. Heftig unterbricht er, als Oskar Neumann schildert, wie die US-Offiziere sie zuerst nicht an ihre Heimatorte zurückließen, wo sie jeden Faschisten und jeden Demokraten kannten, und wie sie ihm dann, als er schließlich doch nach München gelangt war, nicht nur die Wohnung, sondern auch das letzte Möbelstück beschlagnahmten, gerade, weil er im KZ gewesen war. „Das ist doch völlig gleichgültig – das sind doch Anekdoten! – Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß das von Bedeutung wäre!“, schnappt Dr. Geier ein. Er scheint genau so empört zu sein über die Charakterisierung der militärischen Helfershelfer Hitlers wie der Offiziere Eisenho-
wers. Er weiß sich kaum noch zu beherrschen, als Oskar Neumann ihm entgegenhält: „Kein sowje-
tischer Offizier hätte sich jemals so gegen befreite Antifaschisten verhalten wie diese Amerika-
ner!“
„Es war mir eine Ehre, Mitglied der KPD werden zu dürfen“, fährt Oskar Neumann fort. „Meine wissenschaftlichen Erkenntnisse führten mich zur Anerkennung des dialektischen Materialismus; mein Erleben in Widerstandsbewegung und KZ und das Wissen, daß der Kampf der Sowjetarmee auch mir das Leben gerettet hatte, wiesen mir den gleichen Weg. Dazu kam, daß ich im Rundfunk das Stalinwort hörte, daß die Sowjetunion Hitler vernichten, aber mit dem deutschen Volk, dem deutschen Staat in Frieden leben wollte.
Ich erlebte in der KPD die Zusammenarbeit mit den bewährtesten Kämpfern für den Frieden und für Deutschlands Freiheit. Ich konnte beobachten, wie die Demokratie innerhalb der Partei be-
wirkte, daß die Führung nach Vertrauen berufen wurde und Kritik ausdrücklich erwünscht ist, so daß ich nur in Übereinstimmung mit meiner Überzeugung zu handeln hatte.“
„Damals“, so fährt Oskar Neumann fort, „waren wir alle – nicht nur die Kommunisten – für die Aktionseinheit der Arbeiterklasse! Gerade solche alten Sozialdemokraten sagten das wie der jetzige bayrische Arbeitsminister Roßhaupter, der jetzige bayrische Innenminister Dr. Hoegner! Gerade sie sagten mir, daß nur die Aktionseinheit der Arbeiterklasse die Demokratie verteidigen kann. Hoegner unterschrieb mit uns Kommunisten zusammen die gemeinsame Erklärung, daß alle Dif-
ferenzen zwischen KPD und SPD verschwinden müssen gegenüber der großen Aufgabe, die demo-
kratischen Rechte zu verteidigen. Hoegner berief sich dabei auf die historischen Erfahrungen unse-
res Volkes. Und als er später die Verhandlungen abbrach, da waren es nicht diese historischen Er-
fahrungen, sondern Einflüsse von außen, die dies bewirkten!“
Nacheinander berief die Partei Oskar Neumann in die Landesleitung Bayern, delegierte ihn in den Stadtrat von München und wählte ihn auf dem Parteitag schließlich zum Mitglied des Parteivor-
standes. Gleichzeitig war er Mitbegründer der Gewerkschaft der geistig und kulturell Schaffenden in Bayern und Landesvorsitzender einer ihrer Fachgruppen sowie Betriebsrat der Technischen Hochschule und Mitglied des Ortsausschusses München des DGB. Mit leidenschaftlichen Worten schildert Oskar Neumann vor Gericht, warum er von der Notwendigkeit des Zusammengehens von Intelligenz und Arbeiterschaft überzeugt ist. Er schildert auch das vorbildliche Zusammenarbeiten mit Männern wie dem sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten Seuffert, dem christlichen Publizisten Guggenheimer, mit Abgeordneten der FDP und mit Gewerkschaftsfunktionären wie Ritschert sowie mit Dir. Dr. Witthalm von der Volkshochschule. Er schildert, wie er im Stadtrat Koreferent für Aufbaufragen wurde, im Kulturausschuß und im Schulausschuß für die Heilung der Kriegsfolgen tätig war und fragt den Vorsitzenden und den Staatsanwalt mit Schärfe: „Wie wollen Sie demgegenüber die Anklage aufrechterhalten, meine Tätigkeit richte sich auf die Herbeiführung von Unordnung und Gewalttätigkeit? Fragen Sie doch als Zeugen die Männer, die ich soeben ge-
nannt habe, fragen Sie Oberbürgermeister von Miller, den Vorsitzenden der Münchner CSU, der mir Abschiedsworte des Dankes sagte, als ich nach Düsseldorf übersiedelte. Fragen sie den CSU-Stadtrat Hantstaengel, der mir noch ins Gefängnis brieflich seine besten Wünsche übermittelte und mir versicherte, daß er nicht glaube, daß ich ‚inzwischen zum Verbrecher geworden’ sei, wie es der Bundesanwalt behaupten möchte.“
Oskar Neumann schließt seine Darstellung mit den Worten:
„Mein Leben ist das eines jungen Deutschen, der im ersten Weltkrieg geboren wurde und alle Scheußlichkeiten des zweiten Weltkrieges miterlebte, der sich bemühte, die Konsequenzen aus unserer geschichtlichen Situation zu ziehen durch den Kampf um Demokratie, Einheit, Freiheit und Selbstbestimmung des deutschen Volkes. Dazu müssen wir alle zusammenarbeiten, unabhän-
gig von Weltanschauung und Partei, wie es im Lager war und in der Aufbauzeit nach 1945. Gerade als Geistesschaffender bin ich zur Erkenntnis gekommen, daß dieser Kampf nicht isoliert geführt werden kann, sondern nur an der Seite der stärksten Kraft unseres Volkes, der Arbeiterklasse. So mußte ich handeln, wie ich gehandelt habe!“
Bundesgerichtshof, 6. Strafsenat. In Sachen Volksbefragung. Berichte nach stenographischen Aufzeichnungen vom Hochverratsprozeß gegen Oskar Neumann, Karl Dickel und Emil Bechtle. 1. Teil, Düsseldorf (1954), 3 ff.