Flusslandschaft 2025

Kunst/Kultur

BILDENDE KUNST

MUSIK

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Am 9. September stirbt Erwin Jedamus (geb. am 19. September 1941), der schon seit den späten 60er Jahren in der Münchner Songgruppe auftrat und später den Gewerkschaftschor und Chöre sozialer Initiativen leitete.

Franz sucht im Kühlschrank seinen geliebten Bulgursalat. Jessy löffelt ihren Biojoghurt. Wir sitzen in der Küche. Eine Kerze flackert im spärlichen Novemberlicht. Karin steht auf und drückt auf die Wiedergabe des alten Kassettenrecorders. Konstantin Wecker singt „Du musst dir alles geben“. Richy: „Mach das aus! Das geht gar nicht!“ Karin drückt auf STOP. Franz löffelt seinen Bulgursalat. Richy räuspert sich. Jessy sagt: „Wenn er nicht begriffen hat, was eine asymmetrische Beziehung ist, dann hat er keine Ahnung. Wenn ihn eine 15jährige anbaggert, die genau weiß, was sie will, und er geht darauf ein, ist das verdammt schwach. Wenn er als alter Sack ein junges Mädchen knallt, verliert er seine Würde. Und wenn er ihr sagt, sie soll darüber schweigen, es ableugnen, dann ist das ziemlich dumm.“ Franz trägt seine leere Schale zur Spüle. Karin wischt sich die Augen. Jessy: „Wir wissen bestens Bescheid und wir sind richtig stark, wir haben Würde und sind die Klügsten.“ Sehr langes Schweigen. Richy steht auf, geht rüber zum Gerät und drückt auf START. Konstantin Wecker singt „Es ist wieder Frieden im Land“.

23. November: Eingeladen zu einer Demo antwortet Franz einem Freund: „… Da gehts mir ziem-
lich zweifelhaft. Schließlich haben mir sex, drugs and rock’n roll geholfen, aus der dumpfbacki-
gen faschistoiden Spießerwelt auszubrechen. Und Konstantin Weckers Geröhre hat mich in den 70ern davon abgehalten, Schlimmeres zu tun als das Schlimme, was ich tatsächlich getan habe. Dass der Wecker auch einen Abgrund in sich hat, ist doch nachvollziehbar. Gut, dass Du meinen Abgrund gar nicht kennst. – Wecker hatte ja immer auch das Image eines Feministen. Das hat mich schon damals mißtrauisch gemacht. Ich habe mich auch für kurze Zeit als ‚Feminist’ ausge-
geben. Ergebnis: nicht wenig Frauenbekanntschaften und folglich Beziehungen. Bis mir klar wurde, der ‚Feminist’ war ein Trick, ein geschickter, der aber langfristig nur miese Ergebnisse zeitigt. Du merkst, ich bin hin- und hergerissen. Zudem weiß ich, wie sich Schneebälle zu Lawinen entwickeln. Eine Freundin hat mir ins Gesicht gesagt, ‚glaub nicht, dass Frauen die besseren Men-
schen sind. Ich kenne mindestens eine, die die Gelegenheit gerne nutzten würde, eine Affaire mit dem Wecker zu imaginieren; ihre letzte Chance, sich aus der unsichtbaren Anonymität herauszu-
winden.‘ Darauf habe ich nichts mehr gesagt. Weil ich nicht wusste, was ich sagen soll. – Ja, auf Demonstrationen gehe ich erstmal nicht. Ich habe in letzter Zeit konstatieren müssen, dass ich lieber nicht hinter einem Fronttransparent gehe, dessen Diktion ich nicht richtig finde. Das ist fatal, weil ich mich Schritt für Schritt ausklinke. Was tun? Hat Du einen Tipp? …“ Aus der Antwort: „… Was glaubst Du, was mir im Griechischunterricht (Altgriechisch, ca. 600 bis 300 v. Chr.) alles erzählt worden ist über die Behandlung von Frauen in den hochgestellten Kreisen und das auch noch als EMPFEHLUNG für heute (also damals im Gymnasium). Das war menschenfeindlicher als die Beweihräucherung der Knabenliebe – von den ebensolchen hochgestellten Kämpfern für ihr eigenes Wohlleben. Das waren in Gedichten, Schriften und schlimmstenfalls Hexametern verbrei-
tete und gesungene Epen. Als Vorbilder. Brr! Mein Abgrund war im Gymnasium, nicht in Konzert-
kellern. Das war mir einfach zu laut – und heute höre ich eher noch das Gras wachsen statt es mir damals an die Lungenbläschen zu ziehen …“

Am 16. Dezember findet G.G. einen Brief im Account: „Wir laden euch ein zum traditionellen attacChor Jahresabschluss-flashmob. Nachdem uns letztes Jahr an der Münchner Freiheit ein Team Blau noch vor Beendigung unserer Konzerts verjagt hatte, probieren wir in diesem Jahr eine neue Auftrittsörtlichkeit und laden euch herzlich ein, uns zu begleiten und ggfl. zu ermöglichen, dass wir das Konzert zu Ende führen können. Wann: Mittwoch, 17.12.25 ab ca. 19:15. Wo: Weißen-
burgerstr. / S-Bahn-Station Rosenheimerplatz, Ausgang Weißenburgerplatz. Unser Programm: El Grillo oder: Frau Reiche und die Heuschrecken; Moritaten zum Wohle der Überreichen; zum Mit-
singen: Morgen, Kinder wird’s nichts geben (Text von Erich Kästner); Johnny (Antikriegslied); Art. 1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte; Harbour; Brot & Rosen. Vor allem mit dem ersten und dem letzten Stück gedenken wir mit Trauer und Dankbarkeit Erwin Jedamus, der diese Stücke mit uns vor vielen vielen Jahren erstmals eingeübt und auch die Chorsätze dazu verfasst hat. Wir freuen uns über Publikum – gerne auch mit attac-Flyern (z.B. zu tax-the-rich) Im Namen des attacChors: Sabine“

KABARETT

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Am 9. Januar stirbt Günter Knoll. Zunächst leitete er in der Gabelsberger Brauerei in der Gabels-
bergerstraße 50 das Ensemble Machtschattengewächse, dann war er Wirt im Wirtshaus am Hart in der Sudetendeutschen Straße. 1990 bis 1995 leitete er das HAI in der Rosenheimer Straße, dann bis 2006 die Bühnen im Schlachthof. Sein Hinterhoftheater war Sprungbrett für zahlreiche Kaba-
rettistInnen. Unvergessen bleibt sein Aufkleber „Der natürliche Feind der Kunst ist das Kulturrefe-
rat“.


1 Erwin Jedamus beim Ostermarsch am 19. April 2014, Foto: Jessica di Rovereto

2 Günter Knoll am 28. März 2007 im “Wirtshaus am Hart”, Foto: Vera Wieschermnn

Überraschung

Jahr: 2025
Bereich: Kunst/Kultur