Flusslandschaft 1987

Frauen

Ingrid Strobl veröffentlicht im Frühjahr einen grundlegenden Text, der in der Szene gelesen und ausgiebig diskutiert wird.1 – Ende 1987 wird Strobl unter dem Verdacht der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ (gemeint sind die „Revolutionären Zellen“) verhaftet. Im Dezember wird sie von Köln nach München verlegt, wo sie im Frauengefängnis Neudeck in Isolationshaft sitzt. Ganz überraschend versammeln sich einige Frauen in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember vor dem Knast, brennen einige Feuerwehrsraketen ab, einige klettern in den Hof, bauen dort eine Anlage auf und verlesen eine kurze Soli-Rede, bevor die Nacht sie wieder verschluckt. Ingrid Strobl schreibt „via BGH. München, 7.3.88. Liebe Frauen, Eure flammenden Grüße kamen am 29.2. hier an – heißen Dank. Ich habe mich RIESIG gefreut – auch dass Ihr
so viel action machtet! Ich habe 2 mal was mitgekriegt: einmal als ich noch unten im Loch war (Krach, Rufe, etwas, das wie Parolen klang), das 2. mal, als ich schon oben war (vor ca. 2 bis 3 Wochen), aber das war leider nur undeutlich, diffuser Lärm. Das Fenster hier geht zum Hof, da kriegst du von der Straße kaum was mit. Aber draußen am Knast steht eine (offenbar schon uralte) Parole: ‚Freiheit für alle’ – da freue ich mich jedes mal, wenn ich ‘s sehe (bei meinen ‚Ausfahrten’ nach Stadelheim i.d. Trennscheibenraum). Allerliebste Grüße von Eurer Ingrid. P.S. Die Hambur-
gerinnen machen eine Broschüre mit Texten von mir und Ulla.“2

Bei der Studentendemonstration gegen das Bundeshochschulgesetz am 26. Juni finden sich viele Transparente mit feministischen Aufschriften.3

Die Frauengruppe in der Schwabinger Friedensinitiative schaltet eine Anzeige: „Das geplante Bundesberatungsgesetz zum § 218 darf nicht verabschiedet werden! Wir müssen uns wehren!
Ziel dieses Gesetzentwurfes soll sein, den angeblichen Mißbrauch der sozialen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch zu verhindern. Die Daumenschraube des geplanten Gesetzes setzt bei den Beratungsstellen an. Ihnen sollen finanzielle Förderung und Anerkennung nur noch dann gewährt werden, wenn sie die ratsuchende schwangere Frau beeinflussen, auch das ungewollte Kind auszutragen. Manipulation und Bevormundung statt eingehender individueller Beratung? Neben weiteren Punkten sieht das geplante Beratungsgesetz die Einbeziehung des Freundes/Ehe-
mannes, der Familie, ja sogar des Arbeitgebers in die Beratungssituation vor. Alle diese Personen sollen auf die Schwangere einwirken, sich für das auch ungewollte Kind zu entscheiden. Wie einer Entmündigten wird der schwangeren Frau jegliches selbstbestimmende und eigenverantwortliche Entscheiden abgesprochen!!! Die Strafandrohung durch den § 218 (bis zu 3 Jahren Gefängnis) hat noch keine Abtreibung verhindert, sondern nur die Frauen in die Illegalität getrieben und so ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Wir fordern daher die ersatzlose Streichung des § 218! Die Entscheidung für oder gegen ein Kind fällen die Frauen selbst — ohne die Einmischung von Staat und Kirche!!!“4


1 Siehe „Die Angst vor den Frösten der Freiheit“ von Ingrid Strobl.

2 freiraum — Anarchistische Zeitung 21 vom Frühling 1988, 44. Vgl. dazu auch www.ingrid-strobl.de.

3 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.

3 freiraum — Anarchistische Zeitung 21 vom Frühling 1988, 44. Vgl. dazu auch www.ingrid-strobl.de.

4 Süddeutsche Zeitung vom 26. September 1987.