Flusslandschaft 1988

Gedenken

55 Jahre Bücherverbrennung: Am 8. Mai liest die Vorsitzende des Bayerischen Schriftstellerver-
bandes
(VS-Bayern), Hella Schlumberger, mit KollegInnen zum ersten Mal vor der Feldherrnhalle aus „verbrannten Büchern“. Das Interesse der Öffentlichkeit und der Medien tendiert gegen Null …

Am 16. Mai, Montag, beginnt die „internationale Weiße-Rose-Konferenz“ in der Universität. Schon am Eingang erhalten die Besucherinnen und Besucher der Eröffnungsfeier Flugblätter der „Kam-
pagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“. Während Bundesvizepräsident Heinz Westphal redet, regnet es von der Empore Dutzende von Flugblättern, in denen die Marxistische Gruppe gegen die „moralische Erbauungsstunde“ argumentiert. Freya von Moltke, ehemals Mitglied im „Kreisauer Kreis“ meint dazu: „Sehen Sie, das ist der Unterschied zu damals, dass man heute nicht mehr verhaftet und hingerichtet wird, wenn man Flugblätter abwirft.“1

„5. August: Die Schwabinger Friedensinitiative gedenkt mit einem Lichterzug von der Münchener Freiheit zum Siegestor der Folgen der amerikanischen Atombomben-Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor 43 Jahren. Ein entgegen den Auflagen versuchtes kurzfristiges Hochziehen eines Transparents am Siegestor wird von der Polizei verhindert. Am 6. August entrollen drei Mitglieder der Schwabinger Friedensinitiative während des Glockenspiels eines der Transparente vom Turm des Rathauses. Sie bezeichnen dies als eine ‚Antwort auf die nichtgenehmigte Siegestorsache’.“2

„Kurz nach Bezug der neuen Zentrale des Münchner Goethe-Instituts an der Dachauer Straße veranlasst der Präsident der Einrichtung, Klaus von Bismarck, dass der Haupteingang in einen Seitenflügel an einer Querstraße verlegt wird, um bei der Postanschrift jeden Bezug zum ehemali-
gen KZ Dachau zu vermeiden; dieses Vorgehen bezeichnet der Bürgermeister von Dachau nicht ganz ungerechtfertigt als Heuchelei der Münchner, da, wie er argumentiert, von deren ‚Hauptstadt der Bewegung’ aus schließlich die Anlage des KZ’s einst initiiert worden sei.“3

„… Ans ‚Armeemuseum’ wollte auch Daniel Poensgen heran – mit Scheinwerferprojektionen von Dokumentarbildern aus der Nazizeit. Das aber mochten die staatlichen Hausherren nicht zulassen. Ebenfalls an die Naziherrschaft erinnert Robert Schmidts ‚Installation’ vor der Universität: Flug-
blätter und biographisches Material zu den Geschwistern Scholl und anderen Widerstandskämp-
fern der ‚Weißen Rose’, in den Boden eingelassen, auf den ersten Blick wie achtlos hingeworfen wirkend. Ein ‚begehbares’ Mahnmal, von der Universitätsleitung anfangs vehement abgelehnt. Inzwischen ist bei der Frage, ob das Kunstwerk nicht doch auch weiterhin dort bleiben solle, ein gewisses Einlenken festzustellen, nicht zuletzt dank des Engagements der Mitglieder der ‚Weiße Rose Stiftung’, zu denen auch ehemalige Widerstandskämpfer gehören. Eine studentische Unter-
schriftensammlung findet – auch in der Münchner Professorenschaft – breite Resonanz.“4

„30. September: Die ‚Liste demokratischer Ärztinnen und Ärzte Münchens’ veranstaltet eine Ge-
denkdemonstration aus Anlass des 50. Jahrestags des Approbationsentzuges für jüdische Ärzte zum 1. Oktober 1938. Die Demonstranten ziehen vom Geschwister-Scholl-Platz zum Platz der Opfer des Nationalsozialismus. 270 Teilnehmer tragen weiße Schilder mit den Namen der Emi-
grierten, Verfolgten und in Konzentrationslagern ermordeten Kolleginnen und Kollegen. Am Platz der Opfer des Nationalsozialismus legen die Demonstrationsteilnehmer die Namensschilder kreisförmig nieder.“5

„7. November: Mit einem dreistündigen Marsch auf den Spuren der historischen Demonstration vom 17. November 1918 erinnert die Projektgruppe ‚Revolution und Räterepublik’ an die Novem-
berrevolution in München. Auf dem Marienplatz findet eine Kundgebung statt. Am Mahnmal für die Opfer des Oktoberfestattentats erklärt der Vorsitzende des Bundes der Antifaschisten und früherer kommunistischer Stadtrat Oskar Neumann: Gegen Vergesslichkeit und Geschichtsfäl-
schung demonstrieren wir am Jahrestag der Revolution.“6

„Mitglieder der VVN – BdA München-Nord, der Grünen, der Friedensliste, der SDAJ und der Friedensinitiative Schwabing haben die Treitschkestraße symbolisch in Erich-Mühsam-Straße umbenannt, um damit ihrer Forderung nach offizieller Straßenumbenennung Nachdruck zu ver-
leihen. Treitschke war ein reaktionärer Historiker, der behauptet hatte: ‚Die Juden sind unser Unglück.’ Der jüdische Schriftsteller Erich Mühsam wurde von den Nazis 1934 im KZ ermordet.“7

„Kein KZ-Mahnmal für Ottobrunn? – Der CSU-Bürgermeister Horst Stähler-May (53) von Otto-
brunn hat die Aufstellung eines Mahnmals abgelehnt, das an das ehemalige Außenlager Ottobrunn des KZ Dachau erinnern soll. Eine Mahnmal-Initiative hat den Entwurf des Denkmals bereits öffentlich vorgestellt. Im KZ-Außenlager Ottobrunn waren 1944 etwa 350 bis 400 Häftlinge in zwei Baracken untergebracht. Nach 14 Monaten wurden sie zum Ötztal in Marsch gesetzt. Am Tegern-
see wurden diejenigen, die den Todesmarsch bis dahin überlebt hatten, von US-Truppen befreit. Insgesamt waren am 26. April 1945 rund 7.000 Dachau-Häftlinge auf den Todesmarsch Richtung Tegernsee geschickt worden. Acht Gemeinden, die an der Marschstrecke der Häftlinge liegen, wollen am 44. Jahrestag des Marschbeginns durch Aufstellen von Gedenktafeln an den Todes-
marsch erinnern.“8

„812.000 Menschen aus 114 Ländern haben 1988 die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht. 1987 war es eine knappe Million. 1988 wurden 300.000 deutsche Besucher (26 Prozent weniger als im Vor-
jahr) und 512.000 ausländische Besucher (14 Prozent weniger als im Vorjahr) gezählt. Die meisten ausländischen Besucher kommen aus den USA. Die Zahl der Schulklassen, die die Gedenkstätte besuchten, nahm 1988 nur um vier Prozent auf 6.542 ab. Der Jahresbericht 1988 der Gedenkstätte stellt aber ein gestiegenes Interesse an Veranstaltungen, Seminaren und Publikationen fest. – Die Lagergemeinschaft Dachau in der Bundesrepublik und die Landesvereinigung der VVN – BdA Bayern haben die Forderung des stellvertretenden oberbayerischen Bezirksvorsitzenden der ‚Repu-
blikaner’, Jellinek, nach Beseitigung der KZ-Gedenkstätte entschieden zurückgewiesen. Sie be-
kräftigten ihre Forderung nach Einrichtung einer internationalen Jugendbegegnungsstätte in Dachau. Die Staatsregierung und die Staatsministerin der Finanzen und für Unterricht wurden aufgefordert, sich von den Äußerungen Jellineks und Schönhubers deutlich zu distanzieren und sich endlich positiv zu den Plänen einer internationalen Jugendbegegnungsstätte Dachau zu äußern.“9


1 Zitiert in Süddeutsche Zeitung vom 18. Mai 1988.

2 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 181, 1.

3 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, www.sintiromabayern.de/chronik.pdf, 154.

4 tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst 164 vom Oktober 1988, 60.

5 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 232, 1, 17, 21.

6 Stadtchronik, Stadtarchiv München; Süddeutsche Zeitung 258, 1, 24; siehe Gerstenbergs „Der Revolver“ und „7. november“ von Elisabeth Hoffmann.

7 antifaschistische rundschau 1 vom Januar 1989, 15.

8 A.a.O.

8 antifaschistische rundschau 7/8 vom Juli/August 1989, 19.