Flusslandschaft 1992

Umwelt

„SchülerInnenaktion Umwelt“ (SAU) vom 10. März.1

Nachdem die bayrische Staatsregierung im Bundesverkehrswegeplan den Neubau von 1.600 Kilometern Autobahnen und Bundesstraße für 20 Milliarden Mark projektiert, gründen die bayrischen Verbände vom Bund Naturschutz, vom Verkehrsclub Deutschland und vom DGB die „Bürgeraktion Verkehr“. Sie argumentieren gegen die „unheilige Allianz von Behörden, Politik und Wirtschaft“ und wollen den Verkehr auf die Schiene verlagern. „Hubert Weinzierl vom Bund Naturschutz: ‚Bayrische Milch wird in Ingolstadt gesammelt, nach Athen kutschiert, dort zu Joghurt verarbeitet, zurück nach Bayern verfrachtet und hier verkauft.’ Wer solchen ‚Schwachsinn’ zulasse, der könne sich den Weg zur Umweltkonferenz in Rio getrost ersparen.“2

Im Mai ist in der Seidlvilla in Schwabing „Blindflug – Von der Naturzerstörung zum Ozonloch – eine kleine Ausstellung zu den großen Folgen des neuen Flughafen München im Erdinger Moos“ zu sehen. Im Erdinger Moos wird am 17. Mai der Großflughafen München II eröffnet. Man benennt ihn nach seinem größten Befürworter Franz-Josef-Strauß-Flughafen. Spötter meinen, es sei ein schlechtes Omen, einen Flughafen nach einem flugunfähigen Laufvogel zu benennen. — „Fluch-Hafen: ‚Unser Lärmtelefon steht nicht mehr still’, klagt ein Sprecher des neuen Airport München, von seinen Gegnern auch ‚Franz-Josef-Strauß-Fluch-Hafen’ genannt. Nach Beobachtungen in der Anliegergemeinde Neufahrn haben bereits in den ersten Tagen nach der Eröffnung rund 80 Prozent der Jets die aus Lärmschutzgründen vorgeschriebenen Flugrouten verletzt. Bürgermeister Stefan Bernhard: ‚Überall wachen die Kinder wegen der menschenfeindlichen Nachtflugregelung auf.’ Die Gemeinde will mit einem Eilantrag den Flugbetrieb so lange stillegen lassen, bis die versprochenen Kontrollgeräte für Flugrouten und Lärm installiert sind.“3

Autogeher Michael Hartman beschließt, ab 6. Juni für sieben Monate in der Mitte einer Fahrspur auf der Straße zu gehen. Die Radl Aktion Fuß Front unterstützt ihn dabei. Ab Mitte September spazieren jeden Samstag einige Menschen im Abstand von fünfzig bis hundert Metern in der Mitte einer Fahrspur auf der Leopoldstraße. Ende September wird Hartmann von einem Auto angefahren, leicht verletzt und in die Psychiatrie nach Haar eingewiesen, dort allerdings am nächsten Tag wieder entlassen. Drei Wochen später erfolgt die zweite Zwangseinweisung. Wieder kann Hartmann nach kurzer Zeit gehen. Am 24. Oktober geht er erneut auf der Leopoldstraße spazieren.4 Am 19. Dezember sind es mehr als vierzig Menschen, die im Abstand von 50 Metern auf einer Fahrspur gehen. Vom 6. Juni bis zum 14. Januar 1993 geht Hartmann jeden Tag auf der Fahrbahn und legt dabei etwa 450 km zurück.

Nachdem auf die „Krebsmaus“ ein Patent erteilt wurde, kommt es zu Protestaktionen vor dem Europäischen Patentamt. Ein „Koordinationsbüro“ plant die Kampagne „Kein Patent auf Leben“. Schon bald sind es über hundert Organisationen, die Einsprüche gegen die Patentierung erheben wollen.

Am 17. Oktober findet von 10 – 14 Uhr „Der andere Umwelttag“ auf dem Marienplatz statt.

Umweltschützer protestieren, als die Verlängerung der A 99 von Feldmoching bis zum Allacher Forst Ende Dezember dem Verkehr übergeben wird.5


1 Siehe „SAUerei“.

2 Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 10 vom 15. Mai 1992, 20 (07).

3 Metall. Zeitung der Industriegewerkschaft Metall 11 vom 1. Juni 1992, 20 (07).

4 Siehe „Neues Stadtspiel“, „Michael Hartmann“ und „Corso Leopold“. Vgl. Michael Hartmann, Der Autogeher. AutoBiographie eines AutoGegners. März 1988 bis Juli 1997, München 1997, 49 ff.

5 Vgl. Volker D. Laturell, Feldmoching – Hasenbergl. Das Stadtteilbuch für den 24. Stadtbezirk mit den Ortsteilen Eggarten, Fasanerie, Feldmoching, Harthof, Hasenbergl, Lerchenau, Siedlung am Lerchenauer See und Ludwigsfeld, München 2000, 60.