Flusslandschaft 1996

Frauen

1
„Des geht aus meim Schädl net raus.“ „Was moanas?“ Der Mann mit dem Bart schweigt. Da sagt der mit der Brille. „Is wirkli so schlimm?“ Der Dicke nimmt einen Schluck. „Wissens, mia hockan heid an der Münchner Freiheit, wos früher da Feilitzsch-Platz gwesn is. Als die braune Bagasch weg war, hamsn umbenannt. Aber MünchEner Freiheit, ja wer redt denn a so!“ Der Brillenträger: „Des wird a Preiß gwen sei mit dem Nama.“ Der Dicke: „Ma sagt ja a ‚Bayrischer Rundfunk‘ und net ‚BayErischer Rundfunk.“ Der Bärtige: „I studier und studier, wos des bedeit.“ Der Brillenträger: „Des klingt hoit gschwoin, so wie ‚BayErische Hypotheken- und Wechselbank’ oder ‚BayErisches Landwirtschaftsministerium‘. Des is ghupft wia gsprunga.“ „D Susi …“ „Des is sei Tochter“, meint der Bärtige zum Dicken. „D Susi hat zletzt im Aufsatz gschrim ‚StraßenbahnfahrerInnen‘. Da hats da Lehrer ogstricha und hat gsagt, ‚des stimmt fei net‘, aber dann hata gmoant, ‚des basd scho‘. Zwengs dem, daß mit dem Binnen-I klar werd, daß auch Weiberleit die Tramway fahrn. Ma muaß des ‚I’ ja net sagn, aber s is für die Gleichberechtigung, sagt d Frau.“ „Eana Frau?“, fragt der Bart-
träger. Der Dicke: „Oiso, des Binnen-E is a Schmarrn.“ Der Brillenträger hebt sei Hoiwe: „Schwoab mas owe!“

Am 16. April beschließt die bayrische Staatsregierung einstimmig zwei Sondergesetze zum § 218 gegen das Bundesgesetz vom August 1995, die am 23. Mai 1996 zu einer 130stündigen Debatte im Landtag und seinen Ausschüssen sowie zu 10.000 Petitionen führen. Besonders perfide ist, wie im sogenannten Schwangerenhilfeergänzungsgesetz Einrichtungen und niedergelassenen Gynäkolo-
gen verboten wird, mehr als ein Viertel der jährlichen Einkünfte aus Abtreibungen zu beziehen. Das würde das Ende für die beiden einzigen Ärzte in Bayern bedeuten, die auf Schwangerschafts-
abbrüche spezialisiert sind. „Augen- und Zahnärzte können hingegen mit dem neuen Arbeitsfeld bis zu dieser Grenze dazuverdienen.“2

(zuletzt geändert am 6.2.2026)


1 U-Bahn-Station, Foto: Volker Derlath

2 Freidenker. Organ des Deutschen Freidenker-Verbandes e.V. 2 vom Juni 1996, 35.

Überraschung

Jahr: 1996
Bereich: Frauen