Flusslandschaft 1996
Gewerkschaften/Arbeitswelt
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Allgemeines
„Mit 64.667 Erwerbslosen und einer Quote von 6,9 Prozent hat die Arbeitslosigkeit im Raum München im Januar ihren Höchststand seit Bestehen der Bundesrepublik erreicht. 2.582 Menschen mehr als noch im Vorjahr waren auf der Suche nach einem Job; im Vergleich zum Dezember 1995 hat sich ihre Zahl um 5.998 erhöht …“1
„Der grundlegende Konsens, der das Ganze trägt, wird zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Parteien immer wieder neu ausgehandelt – in einem Prozess ironischer Kooperation. Ironisch, weil die Konfliktpartner darin einen ganz anderen Part spielen, als sie zu spielen meinen: Die Gewerkschaften mit ihrer Politik hoher Löhne und Sozialleistungen dienen weder der umverteilenden Gerechtigkeit noch den Arbeitslosen. Sie sind die Triebfeder der Modernisierung und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf den Weltmärkten. Insofern vertreten sie unternehmerische Interessen. Was die Unternehmer für ihre eigenen Interessen halten – sinkende Löhne und Lohnnebenkosten, volle Kündigungsfreiheit, schwache Gewerkschaften – stellt ihnen zwar ein bequemeres Leben in Aussicht. All dies würde vielleicht tatsächlich zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, aber zugleich der deutschen Produktivitätsdynamik den Todesstoß versetzen.“ Karl Otto Hondrich2
DGB
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Zum ersten Mal seit vielen Jahren verzichtet der DGB auf seine traditionelle 1.Mai-Demonstration. Offenbar hat der Münchner DGB-Kreis Angst vor kurdischen Demonstrationsteilnehmern, die ihre Fahnen mitführen könnten. Beim „Familienfest“ auf dem Marienplatz wimmelt es von Polizei, die schließlich einen kurdischen Post-Gewerkschafter festnimmt und in die Ettstraße verbringt, ihn aber später freilässt, „da eine Verwechslung vorlag“. Von den hauptamtlichen DGB-Funktionären hat sich keiner um den Vorfall gekümmert.
Am 11. Juni findet ab 15 Uhr eine Demonstration gegen den Sozialabbau ab Hauptbahnhof/Bayerstraße und ab Geschwister-Scholl-Platz statt. Bei einer vom DGB am 15. Juni organisierten Massendemonstration in Bonn nehmen 350.000 Menschen teil, unter ihnen viele Münchnerinnen und Münchner, um gegen die Einschnitte bei den sozialen Sicherungssystemen zu protestieren.
In München und in fünf weiteren Städten demonstrieren am 7. September insgesamt 250.000 Menschen gegen Sozialkürzungen und die Abschaffung der Vermögenssteuer. Auf einem Transparent ist zu lesen: „Wir können auch anders: Streik“.
BAUWIRTSCHAFT
Am Freitag, 22. März, fahren zweihundert Sonderbusse aus ganz Bayern die Theresienwiese an, um von dort gemeinsam zum Neubau des Messegeländes zu fahren. Und dann stehen bei der Großkundgebung der IG BAU „Billiglohn macht arbeitslos“ 20.000 Bauarbeiter auf den Rollbahnen des alten Münchner Flughafens in Riem. Sie protestieren gegen die „ausländische Schmutzkonkurrenz“ und fordern einen Mindestlohn von 19,58 DM pro Stunde für ausländische Arbeitnehmer.
BEAMTE
Auch der Bayerische Beamtenbund ist so etwas wie eine Gewerkschaft. Am 1. Oktober veranstaltet er eine Protestkundgebung im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz.4
EINZELHANDEL
Am 20. April demonstriert die Gewerkschaft Handel-Banken-Versicherungen (HBV) vom Hertie am Stachus zum Marienplatz gegen die geplanten Änderungen des Ladenschlussgesetzes. Dort sprechen Christian Ude, Fritz Schösser und Georg Wäsler. Sie weisen darauf hin, dass die Liberalisierung des Ladenschlusses nicht nur für die Beschäftigten im Einzelhandel Nachteile bringt, sondern auch dem kleinen Einzelhändler schadet. Lediglich die großen Kaufhäuser werden profitieren, denn die Verbraucher können keine Mark mehr ausgeben.
Nach Angaben des Einzelhandels wollen drei von vier Geschäften die ab 1. November genehmigten verlängerten Öffnungszeiten zumindest teilweise nutzen. Die Kaufhäuser beteiligen sich „überall, wo es sich lohnt“. Auch der innerstädtische Textileinzelhandel, Drogeriemärkte und Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ sind mit von der Partie.
Wiederholt sich jetzt, was auf die letzte Liberalisierung folgte? Beim langen Donnerstag machte 1989 zunächst jedes zweite Geschäft mit; sieben Jahre später waren es nur noch fünfzehn Prozent. Die Statistik sieht auf den ersten Blick gut aus: Im November 1996 steigt die Zahl der Beschäftigten im Einzelhandel um 1,2 und im Dezember 1996 um 0,1 Prozent. Während die Zahl der Teilzeitkräfte (November plus 5,8 Prozent, Dezember plus 3,1 Prozent) zunimmt, sinkt die Zahl der Vollzeitkräfte um 3 und 2,6 Prozent.
Die Zuwächse resultieren lediglich aus befristeten Verträgen für das Weihnachtsgeschäft. Dauerarbeitsplätze sind nicht in Sicht, höchstens ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse, die den Arbeitgebern Sozialversicherungskosten sparen und den geringfügig Beschäftigten (für viele Frauen heute ein Normalarbeitsverhältnis) tarif- und arbeitsrechtliche Leistungen und Ansprüche wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsansprüche etc. vorenthalten.
Schlimmer noch: In zunehmendem Maße werden heute Vollzeit- und Teilzeitarbeitsplätze in geringfügige Beschäftigung umgewandelt. Den Sozialversicherungen entgehen dadurch jährlich Einnahmen in Milliardenhöhe. Deshalb müssen geringfügig Beschäftigte in die Solidargemeinschaft einbezogen werden! Und sie sollten ihren Anspruch auf alle tariflichen Leistungen im Verhältnis zu ihrer jeweiligen Arbeitszeit anmelden!
STADTWERKE
Die Stadtwerke sind mit über zehntausend Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in München. Die Beschäftigten der Stadtwerke arbeiten für die Versorgung der Einwohner des Münchner Raums mit Strom, Fernwärme, Gas, Wasser, Bädern, U-Bahnen, Bussen, Straßenbahnen … Achtzehn Kilometer Weg in Großstadtluft, das ist die tägliche Arbeitsstrecke eines Straßenkehrers. Sechshundertsiebzig Mülltonnen schleppt ein Müllader Tag für Tag. Bandscheibenschäden, Sehnenscheidenentzündungen und Rheumatismus sind typische Krankheiten. Aber die Stadt „muss sparen“. Stellen werden „abgebaut“. Im Oktober bringt die Süddeutsche Zeitung einen Artikel unter der Überschrift „Die Stadtwerke werfen Ballast ab“. Dieser „Ballast“ sind Menschen, denn es sollen zehn Prozent Personalkosten eingespart werden. Langfristig droht die Zerschlagung der Stadtwerke in kleine „marktorientierte“ und flexible Einheiten und deren Privatisierung. Da muss es Verlierer geben … Ist das das letzte Wort: „Der Markt kennt keinen Dissidenten, da er allumfassend ist, allgegenwärtig und allmächtig. Was für den Markt nicht existiert, ist nicht. Und alles, was vernünftigerweise existiert, ist auf dem Markt.“ (Christoph Hein)
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Im Dezember verweigern fünfzig freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung vier Tage lang die Arbeit.5
(zuletzt geändert am 28.2.2026)
1 Süddeutsche Zeitung 33 vom 9. Februar 1996, 35.
2 Kronberger Bogendruck 10 vom November 1996, 8.
3 Aufkleber-Sammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung
4 Fotos: Stadtarchiv Standort ZB-Ereignisfotografie-Politik-Demonstrationen.
5 Siehe „‚Wer Alternativen hat, geht’“.
Diesen Artikel zitieren
Gewerkschaften/Arbeitswelt. In: Protest in München seit 1945. Stand: 28. Februar 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1101 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).